Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1903)
- Date
- 1903-01-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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9 t <t i 111 * ». Won Robert Känkern. Das war eine schwere Wahl. Aber bei dem ausgeprägten Sinn für Freiheit, den Teitelbaum besaß, und bei dem Gedanken an die Rubel, die er nicht besaß, konnte es gar keinem Zweifel unterliegen, daß für ihn die Wahrheit diesmal wirklich in der Mitte liege. Zum großen Verdruß des Beamten machte Teitelbaum Kehrt und ging wieder zurück, dem Walde zu, an dessen Rand ein kleines Dorf lag, und übernachtete daselbst. In den ersten Nachmittagsstunden des andern Tages war er wieder in das gastliche Haus seiner Herrschaft zurückgekehrt. Als er sein Reiseabenteuer erzählt hätte, mußte er zum Schaden noch den Spott des Verwalters hinnehmen. „Und wo wird Brixenberger jetzt einen neuen Paß hernehmen?" fragte Feiwel zum Schluß. „In seinen Augen sind wir Spitzbuben, die sich an seinem anvertrauten Gute vergriffen haben. Wenn wir ihm nicht gutwillig die dreißig Rubel hingeben für einen neuen Paß, so fordert er uns zum Din Thora (zum jüdischen Gericht) und darauf lasse ich es nicht ankommen." „Wie kann aber ein Mensch auch Brixenberger heißen?" fragte kleinlaut Teitelbaum, um wenigstens formell etwas zur Vertheidigung seines Mißgeschickes gesagt zu haben. „Den Paß," meinte Dina, gegen ihren Mann gewandt, „bekommst Du schon wieder zurück, und zwar ohne dreißig Rubel, sobald Du nur wieder an die Grenze kommst. Aber wenn er selbst etwas kosten sollte, so »ist. er nicht zu theuer bezahlt, durch die Ueberzeugung, die ich nun erlangt habe, daß wir durch unsere Nachforschungen nie das Geheimniß von der Herkunft des Kindes erfahren werden. Wenn einem gelernten Manne, wie es Teitelbaum ist, so etwas passirt, so liegt darin ein höherer Fingerzeig, daß wir nichts besseres rhun können, als unserem Rabbiner folgen, und keine ferneren Nachforschungen anstellen." Der Verwalter, der von Teifelbaums Anlagen zu einem Polizei-Detektiv ohnedies, keine allzugroße Meinung hatte, war von dem Zutreffenden dieses Argumentes weniger überzeugt. Aber er gab sich gern den Anschein, es zu sein, und so hat seitdem Niemand von ihnen mehr einen Schritt gethan. um die Aufklärung des Geheimnisses herbeizuführen. VI. Der kleine Abraham wuchs zur Freude seiner Pflegeeltern heran, und entwickelte sich körperlich und geistig so vorzüglich, daß Feiwel Schick und seine Frau ihre Helle Freude an dem Gedeihen ihres. Pfleglings hatten. Kein Mensch auf dem Hofe hatte eine Ahnung davon, daß Abraham nicht das rechte Kind seiner Pflegeeltern war; keiner, als der Großknecht Casimir, der aber in der That das Geheimniß so treu bewahrt hatte, daß seine Mitwissenschaft Feiwel ganz und gar aus dem Bewußtsein entschwunden war. Casimir batte jedoch in Wirklichkeit nie das Ereigniß vergessen. Er hatte aber den intelligenten, zuthunlichen Knaben lieb gewonnen, und war längst der Ueberzeugung, daß der Teufel eine so goldreine Kinderseele nicht zu seiner Vermummung gebrauchen könne. Die Hellen, blauen Augen, und die hochblonden Locken stachen auch zu sehr von den dunklen Augen und Haaren der Kinder des Verwalters ab. Daß das ein christliches Kind war, mußte fast ein Blinder sehen, und Casimir wunderte sich von Jahr zu Jahr, wenn die Osternzeit berankam, daß es immer noch nicht abgeschlachtet wurde. Dann kamen ihm Zweifel, ob das Kind, weil es jüdisch erzogen wurde, sich noch als rechtes Christenkind qualifizire, um sein Blut zu verwenden. Das Kind lebte und lernte wie die jüdischen Kinder. Herr Teitelbaum hatte zwar das Haus seit vier Jahren verlassen und sich nach Lemberg verheiratet, aber schon vor seinem Abgang war ein Nachfolger da, der die Kinder in der bisherigen Weise unterrichtete und sie zur praktischen Erfüllung alles Guten und Rechten anhielt. Als Abraham fünf Jahre alt war — sein Geburtstag wurde gleichzeitig mit dem seines Milchbruders Joseph angenommen — fing er mit diesem, seinem Bruder an, die Thora zu lernen. Beide lernten so gern und so leicht, daß sie nach einem Jahre fast die fünf Bücher der Tbora durchgenommen hatten. Im sechsten Jahre begann der Lehrer mit den beiden Knaben bereits die Mischna, und ein Jahr später das Studium der Geruoro (Talmud). . Für vorigen Sabbat hatte der Vater den beiden neunjährigen Knaben ein Blatt Gemoro selbstständig, ohne Äeihülfe des Lehrers, aufgegeben, und demjenigen einen Gulden versprochen, der die Aufgabe am besten löse. Aber als sie ihr Pensum am Sabbat aufgesagt hatten, fiel es dem Vater und dem Hauslehrer, die als Preisrichter sungirten, so schwer, eine Entscheidung zu treffen, daß sie die Knaben selbst um ihre Ansicht ersuchten, wer es am besten gekannt habe. ... Es war rührend, zu sehen, wie jeder der beiden jugendlichen Bewerber den Vorrang dem Andern zuerkannte, und schließlich erklärten, es bliebe sich ganz gleich, wer den Preis bekomme, da sie schon vorher vereinbart hatten, das Geld unter sich zu theilen. ' Der Vater protestirte gegen diese Vereinbarung. ' Er habe demjenigen, der seine Sache am besten mache, . einen ganzen und nicht einen halben Gulden zugedacht;