Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1903)
- Date
- 1903-01-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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26 menen Pflichten stellen. Regelmäßig, wie die Jahreszeiten, erhalten jüdische Familien volksthümlich gehaltene Schriften, die im Gewände theologischer Gelehrsamkeit an den Grundwahrheiten des Judenthums zu rütteln suchen. Das von ihnen ausgestreute Gift wirkt zwar langsam, aber desto sicherer. Diese Schriften fliegen ja nicht immer in den Papierkorb, sie werden von allen Familienmitgledern gelesen, oft nur aus Neugierde, und danach bleibt immer etwas im Sinn, da die religionswiffenschaftliche Durchbildung des größten Theiles der Juden uächt immer derartig ist. das Gegentheil zu beweisen. Es ist ferner allgemein bekannt, daß Juden von evangelischen Missionen sogar im Eisenbahnwagen angesprochen werden. Mit gleichgiltigen Fragen beginnt das Gespräch, um bald auf die Erlösung und Seligkeit Lberzugehen. Ueber diese Unterhaltungen und Hausbesuche werden regelmäßig Zahlen veröffentlicht. Geradezu haarsträubend ist folgende Taktik: Durch den wirtschaftlichen Niedergang muffen auch eine große Anzahl jüdischer Kaufleute und Handwerker von Ort zu Ort ziehen, um Beschäftigung zu suchen. Diese Arbeitslosen werden in den Gasthäusern und Herbergen aufgesucht, von den Missionaren mit Speise und Trank bewirthet und mit Geldmitteln versehen, um dann auf llmwegen in die Missionshäuser gebracht zu werden. Dort erhalten die angehenden Christen Arbeit durch Dütenkleben und Koffermachen, wodurch die Aufenthaliskosten gedeckt werden, und regelmäßigen Unterricht im Christenthum vom Anstaltsgeistlichen, der kein Renegat ist. Nach mehrmonailicher Vorbereitung und Beobachtung werden sie dann feierlichst getauft, und den Vornamen Abraham, Isaak, Jakob, werden Johannes, Paulus und Christian hinzugefügt. In den Missionshäusern in Hamburg und Wandsbeck sind stets dreißig junge Leute, deren Heimat Polen, Galizien, Ungarn ist. Auch aus Posen und Breslau sind einige Insassen. Ich nehme an, daß von den Spitzen der israelitischen Gemeinde in Hamburg die nöthigen Schritte dagegen geschehen sind und weiter geschehen. Leicht ist es ja nicht, dieser festgefügten Organisation das Feld streitig zu machen. An Mitteln und tüchtigen Männern hat es in unserer Mitte nie gefehlt, wenn es galt, für die Erhaltung und Stärkung unseres Glaubens Opfer zu bringen. Eine Arbeit auf diesem Gebiete ist des Schweißes der Besten unseres Volkes werth! 'c. torera rnx o«pon tzs. Rumänien. Bukarest, 4. Jan. In einer der jüngsten Senatssitzungen hat der Minister für Kultus und Unterricht aus Anlaß der Abstimmung über ein israelitisches Bürgerrechtsansuchen eine Erklärung abgegeben, welche als ein Zeichen dafür anzusehen ist, daß die seitens des Auslandes . über den Stand der rumänischen Judenfrage abgegebenen Urtheile doch nicht ganz ohne Einfluß auf die maßgebenden Kreise des Landes geblieben find. Vor der Abstimmung über das von einem Bukarefier Bewohner israelitischen Glaubens eingebrachte Jndigenatsgesuch hatte nämlich der Senator Macrr erklärt, daß man angesichts der rumänenfeindlichen Haltung der ausländischen Judenpreffe mit der Naturaliirung der Glaubensgenossen dieser Presse thunlichst parsam Vorgehen solle. Dem gegenüber bemerkte der onst als eifriger Nationalist bekannte Präsident der Kulturliga, Senator P. Gradisteanu, daß es falsch und ein Nachtheil für die Würde und den guten Ruf Rumäniens im Auslande wäre, wenn solche (konfessionelle) Unterscheidungen zugelaffen würden. Möge man sagen, was man wolle: Rumänien könne sich auf sein Recht stützen, müsse aber auch ein Beispiel der Toleranz geben. Kultusminister Haret schloß sich dieser Anschauung rückhaltlos an, indem er nochmals ausdrücklich betonte, man könne bei solchen Fragen keine mit dem Geiste des Rechts und der Billigkeit im Widerspruch stehende Ausnahmen zugeben. Es ist das unter liberalem Regime das. erste Mal, daß vom Regierungstische aus bei einem von israelitischer Seite eingebrachten Naturalisationsbegehren die Unzulässigkeit konfessioneller Entscheidungsgründe betont worden ist, und es steht nur zu erwarten, daß dieser löbliche Grundsatz auch für die Folge praktische Berücksichtigung findet. England. London. 28. Dez. Heute Abend fand in der Great Synagoge (Dukes Place) ein Kinder-Gottesdienst statt. Ueber 1600 Kinder, meistens Schüler der Freischule, versammelten sich am Dukes Place und marschirten mit den Lehrern in die Synagoge. Nach dem üblichen Gottesdienste zündete Rev. Host, Qberkantor,. die Chanukah-Lichter an, Rev. Feldmann hielt eine passende Ansprache, und zum Schlüsse sangen die Kinder das „Moaus Zur" mit wahrhafter Würde und jüdischem Gefühle. Die Kinder waren von der Ansprache des Herrn Feldmann so sehr begeistert, daß sie sämmt-.!ich mit den Händen Beifall klatschten, was allgemeine Heiterkeit erzeugte. London, 3. Jan. Der „Times" wird aus Tanger vom 2. Januar gemeldet: Ein gestern Abend hier eingetroffener Courier brachte keine offiziellen Nachrichten, außer, daß die Lage in Fez fast, die gleiche war. Einige Privatbriefe teilen mit, Mulai Mohammed, der Bru-- der des Sultans, sei in Fez angekommen, in anderen dagegen wird gemeldet, er sei in Mekinez zu gelegener Zeit gestorben. Die einzige sichere Nachricht ist, daß die Juden wegen des Fanatisiuus der Eingeborenen auf ein bestimmtes Stadtviertel beschränkt sind, und daß die Geschäfte völlig stillstehen. Der Sultan läßt die in den alten Forts von Fez noch vorhandene Artillerie in Position bringen; 17 Geschütze, darunter einige Maxims und Belagerungsgeschütze, wurden von den Rebellen am 22. Dezember genommen.