Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1903)
- Date
- 1903-01-05
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Man sah, daß die Lust einen angenehmen Eindruck auf ihn machte. Er schritt strahlend heran, soviel sein Bronce-Gesicht noch strahlen tonnte. „No! No!" ries er, „wie gefällt es Ihnen in Genua? Mir nicht! Aber man muß doch leben! Zuerst ist das keine Stadt, sondern ein Kramladen in einem alten Palast. Welch' ungeheurer Lärm! Die Esel brüllen, wie sonst nirgends! Auf den Straßen noch mehr Esel, in Fässer gekleidet, als Menschen! Große Hitze und schmutzige Unzucht! Ich sage nicht, was mit der Nase geschieht! Seccatura! Orients-, lisches Kolorit, die Physiognomie des unreifen Morgenlandes. Auch konstantinopolitanische Düfte! Nur in den Straßen dieser Stadt gibt es so drastische Gerüche! Aber, Sie sind doch heute wieder gesund? Nicht wieder in Ohnmacht gefallen?" fragte er Jwas. Nach einem Moment der Ueberlegung fügte er hinzu: „Haben wir uns auch gestern vorgestellt? He! Nein! Nicht wahr? In der That. Ich erinnere mich sogar nur noch wenig des gestrigen Tages. Nun, Sie wissen doch, daß ich Zigeuner bin! Wie? Verabscheuen Sie vielleicht einen Zigeuner? Ich verabscheue keinen Menschen. Das ist mir Alles gleich, wenn er nur auf zwei Beinen .. . Mein Name ist Stamlo Gako! Man sagte, meine Familie führte lange ein Nomadenleben. Wahrscheinlich, ohne Scherz, waren wir jahrhundertelang Zigeunerkönige. Ich aber verließ das Zelt und die Landstreicher-Schaar, um für eigene Rechnung zu landstreichen. Ich bin, wie Sie sehen, ganz allein auf der Welt. Vielleicht beschlüge ich noch Pferde oder flickte Kessel, wäre nicht die Musik! Da ich eine schöne Baßstimme besaß, ging ich mit ihr zum Theater," — hier seufzte er — „und verdiente mir ein paar Groschen. Dann setzte ich einmal in der Lotterie — nu — und gewann, gewann sehr viel. Mit dem, was mir trotz verschiedener Tollheiten übrig blieb, kann ich müßiggehen. Sie wissen nicht, wie schön das Nichtsthun schmeckt! Ha! Ich lebe wo und wie ich will! Aber auf meiner Stirne steht geschrieben: Zigeuner! Niemand mag mich. Und allzugern mag ich auch Niemanden! Das Leben ist dumm, voller Sehnsucht, und doch möcht ich es nicht mit einem andern tauschen, mit keinem andern. Ich kenne es nur zu gut, wie einen lahmen Freund! Ich weiß, auf welchem Fuße es hinkt. Ich habe keine Verpflichtungen, d. h. ich trage keine Fesseln. Ich habe keinen Glauben, keine Hoffnung, kein Vorurtheil! Ich langweile mich prächtig. Was wollen Sie? Ich bin Stamlo Gako! Ich habe mich auf einen behaglichen, geordneten Müßiggang eingerichtet. Im Winter geh' ich nach Norden! Nun, Sie wundern sich nicht? Dort überwintert man am bequemsten: die Mauern sind warm. Ich steige in einem Hotel ab, speise an der besten Tafel, mache flüchtige Bekanntschaften, geh' in's Theater, finde immer eine Huldin, die mich nicht häßlich oder unausstehlich findet. Ich schlafe lange, lege mich nieder,-wenn es mir gefällt. Ich thue, was ich will. Im Sommer gehe ich nach Italien. Manchmal seh' ich auch nach den Meinen, den Ungarn. Da lebt noch etwas von meinem Blute; zum Glück aber kein naher Verwandter, der das Recht hätte, mich zu langweilen. Ungarn ist noch so etwas wie mein Vaterland." Er lächelte vor sich hin. „Sehen Sie. das ist Stamlo Gako! Aus Langerweile lernte ich lesen. Wie vortrefflich tödtet das die Stunden, wenn so ein Buch geschickt geschrieben ist, obgleich ich Ihnen im Allgemeinen sagen muß: Bücher sind Dummheiten. In dem Vernünftigsten ist zehnmal so viel Spreu, als Korn. Die ganze menschliche Klugheit könnte man aus die Handfläche schreiben." „Auch ich bin ohne Vaterland," erwiederte ihm .Jakob, der leicht erkannte, daß der Zigeuner etwas berauscht war. „Aber ich fasse das Leben anders auf: Ich habe ein Ziel in ihm, denn ich habe Brüder. Warum wollen auch Sie, die Sie mehr gelernt haben und mehr vermögen, als die armen Zigeuner, nicht etwas thun für Ihr Volk? Erwägen Sie doch, wie rühmlich es sein würde, sein Lehrer und Wohlthäter zu werden!" Stamlo Gako zeigte lächelnd seine weißen Zähne. „Was wollen Sie? Was soll ich aus solchem Volke machen, mit dieser Handvoll Menschen, die Gott oder der Satan unter die Völker herabgeworfen und zu Staub zermalmt hat! Was soll ich aus diesem verdammten Geschlechte machen, das auf keinem Platze warm werden kann, da es die verlorene Straße nach dem vergessenen Vaterlande sucht. Soll ich dies Häuflein wieder über den Ganges führen, von wo es verjagt worden sein . soll? Man brandmarkte unsere Stirne mit den Worten: „Ihr seid verloren!" Und wir sind verloren, aber wir sterben langsam. Läßt Euch dies nicht langweilen. Habt nur Geduld! Man sieht nur nicht, wie der Letzte umkommt, in Elend und Erniedrigung. In Rußland als Tänzerinnen und Sängerinnen, anderswo als Wahrsagerinnen und Spitzbuben, noch wo anders als Schmiede, Roßtäuscher und Possenreißer! In welcher Sprache soll ich ihnen von der Zukunft reden? Sie verstehen mich nicht, die Bestien. Ich würde mich zu Tode schleppen mit einem Volke, welches vom Erdboden abgerissen ist, wie eine vom Baume gefallene Frucht. Man hat uns eben mit der Wurzel ausgerissen!" „Nun, so versickert wenigstens in einen befreundeteren Euch näheren Volksstamm!" ' „He? Versickern in einen Felsen?" lachte der Zigeuner. „O nein! Nein! Lieber will ich in Nichts zerfließen! Der große Gott weiß, was er thut! Im Dunkel der Zeiten," fügte er leise, geheimnißvoll hinzu, „welch' schrecklicher, niemals abzubüßender Frevel! Welch' ein Brudermord, von dem wir die Hände niemals reinwaschen können! Sehen Sie, auch ich,"