Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1903)
- Date
- 1903-01-05
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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fugte er finster hinzu, „ich habe Alles, was der Mensch i bedarf zum Glück in der Welt, und doch werde ich nir- * gends glücklich sein! Mir kann es eben weder schlecht, noch gut ergehen. Aber was schadet dies! Stamlo Gako hat genau gezahlt, wie viel Stunden er zu leben hat. Die Stunden fließen und verrinnen ... die Bestimmung!" Kaum hatte er diese Worte mit. tiefem Seufzer beendet, als sie von den beiden promenirenden Italienern, Alberto Primate und Luca Barbara, begrüßt wurden. Beider Antlitz war aufgeheitert. Sie athmeten die freiere Luft Italiens. Ueber ihren Häuptern flatterte die Trikolore des jungen Vaterlandes. Luca Barbara trug ein Album in der Hand, Primate eine Nolle Noten. „Ah! Willkommen! Seid gegrüßt, Ihr Brüder!* rief Luca. „Wie fieht's mit der Gesundheit? Hat Euch diese wundervolle Luft nicht von aller Schwäche geheilt? Was sagen Sie zu Mutter Genua?" „Sie murmelt von mittelalterlicher Vergangenheit," sagte Jakob. „Ah! Nichts von der Zukunft?" fragte Luca. »Ist Ihnen hier nicht zu Muthe, als wehe der Frühlingshauch. der allen Völkern Blumen und Kränze spenden wird?" O, welch' eine Utopie!" entgegnete traurig der Israelit. „Niemals kommt ein Frühling Allen zugleich! Die Menschen sind in Worten Brüder, in Thaten aber nur Menschen. Um sich selbst zu retten, opfert Jeder den Bruder. Langsam nur und mühevoll wird die Welt sich losringen aus den Fesseln der Finsiernitz, der Knechtschaft und der Charlatanerie, welche redliche Bestrebungen ausnützen, um unredlichen Ehrgeiz und Goldgier zu sättigen!" „Still! Lästern Sie nicht, Jüngling!" unterbrach ihn, sich ereifernd, Luca, indem er seine Hand ergriff. „Ich glaube an die Menschen. Es gibt unter ihnen auch gemeine und nichtswürdige Charlatane, aber im Ganzen, Gott sei Dank!_Mit einem Liede, einem Bilde, einem Worte, oder einem Opfer, öffnen wir die Herzen, säubern wir das Innere, entflammen wir die Köpfe zur Tugend, und dieser Frühling wird anbrechen!" „Amen!" fügte Primate hinzu: „Amen! Nur möchte ich Sie um Eins privatissime ersuchen. Ich bekenne mich zu einem Egoismus. Aber ich habe eine große Bitte. Wir kamen doch Alle hierher, um aufzuathmen, um uns auszuruhen, nicht wahr?" „Gewiß! Gewiß!" „So lassen wir denn Philosophie und Politik zu den hundertausend — Charlatanen gehen und sprechen wir lieber ein Stündchen über Kunst und Leben!" Luca.küßte ihn auf die Stirne. „Poverino!" sagte er. „Er quälte sich schrecklich mit mir! Aber ich werde ihm keine Ruhe lassen. Er hat im Herzen und in der Seele nur: das Weib, die Liebe, die Musik und das Leben! Ich aber werde ihm beständig diese trockenen Skelette zeigen!" Hier trat jener französische Däne, oder geradezu gesagt, jener Kosmopolit hinzu. Lebhaft drängte er sich, rnit den Ellbogen die Gruppe durchbrechend, zwischen sie, blickte ringsum und rief unwillig: „Zaperlotte! Entschuldigen Sie! Hätt' ich gewußt, daß die schöne Dame von gestern nicht von der Partie sein werde, hätte ich mich nicht zu Ihnen, geehrte Jünglinge, herbemüht. Ich hatte große Lust, in das italienische Theater zu gehen; C’est bien primitif, bien barbare. Es würde mich interessirt und erfrischt haben. Aber diese schwarzen Augen, zwar etwas verweint und in Verfall, aber doch so vielsagend, lockten mich nach Aqua Sola! Wollte sie kommen, wäre sie schon hier. Ich habe mich scheußlich verrechnet!" „Aber zum Theater, wäre vielleicht noch Zeit," entgegnete kalt der Zigeuner, indem er die Uhr herauszog. „Ja, aber wenn sie noch käme?!" ries der Dane. „Sie! Sie! C'est l’inconnn! C’est l’imprevu! Was meinen Sie?" warf er plötzlich hin. „Wer ist sie, wer kann sie sein?" „Frühere Künstlerin, oder noch jetzt Künstlerin!" erwiederte der Zigeuner. „Sie selbst sprach es doch aus, eine Priesterin Thalia's; ob auch zugleich der Chesta, hm! das bezweifle ich!" „Wittwe, sie ist Wittwe!" fügte Luca hinzu. „Sie sprach davon!" „Ja! Ich erinnere mich! Sie ist Wittwe! C’est bien porte! Sie ist Wittwe! Aber sie Hai noch sogar zwei nach dem Unglück sich Sehnende," sagte der Däne, „einen Russen und einen Polen. Wissen Sie nicht, meine Herren, was für Leute dies sind, ob reich oder arm, schon lange mit ihr bekannt?" „Ich weiß es nicht!" erwiederte trocken der Zigeuner. * ' „Chi lo sa! lachte der Primate. „Der Russe aber, dies wissen wir, ist ein Flüchtling!" unterbrach ihn, ebenfalls lachend, Barbaro. „Nahm er, als er aus dem Vaterlande sich rettete, seine Geldsäcke mit, so kann er vielleicht gefährlich werden. Denn die Russen pflegen fabelhaft reich zu sein. Fast Jeder besitzt eine von der Regierung ihm zuertheilte Goldgrube. Aber als er seinen. Kopf rettete vor dem Strange, gelang es ihm vielleicht nicht, auch seinen Geldbeutel zu retten, so daß er jetzt nur persönliche Eigenschaften besitzt. Dann wäre er allerdings plus vn1ne8vable8!Uebrigens können die Herren, als Polen, es besser beurtheilen, was er werth ist, und als Galizier überhaupt sein kann!" (Fortsetzung folgt.) NerantwortliLe Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition deS LiSraelit". SLottstrabe Nr. 2. Mainz. Druck und Verlsa der J'oh. Wirth'kche» H-iibmbdruckerci SlrtiMi-OltfrfrVdMft in Wnhu. / - "