Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1903)
- Date
- 1903-01-05
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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erzählen. Die nackten Thatsachen sagen gar nichts. Damit sie verständlich werden, muß man Leben und Farbe ihnen geben. Aber Leben und Farbe erfordern eine nähere Entwickelung!" „Für mich "bedarf es keiner Entschuldigung," rief Janko. „Ich habe keine Eile, das Ende zu erfahren. Gehen wir langsam!" „Wohlan denn," erwiederte Jakob, „den Rest auf später! Jetzt aber — nach Aqua Sola!" Der Abend und mit ihm ein wenig Kühle lockte einen Schwarm von Menschen, die den ganzen Tag hindurch in den Mauern eingeschloffen waren, auf die Straßen Genuas. Nuova, Nuovissima, Dalli, Aqua Sola und alle Promenaden waren gefüllt von Spaziergängern, von mehr oder weniger herausgeputzten Italienern und deren Frauen, mit jenen anmuthigen weißen Schleiern, welche nur zu oft nichts weniger als anmuthige Gestalten verhüllen. Die beiden Gefährten schritten von Feder aus durch die engen, schattigen Gäßchen der alten Stadt, jener Anhöhe zu, welche das einzige grüne Gärtchen der Marmorburg aufzuweisen hat. „Sehr neugierig bin ich doch," sprach Jwas, „ob wir die gestrigen Reisenden an dem verabredeten Orte treffen werden!" „Sei dem, wie ihm wolle," entgegnete Jakob, „Sie werden nicht diejenigen sein, die wir gestern kennen lernten. Ein Tag ist lang und der Mensch ist veränderlich. König aber istder Augenblick!" „Wir werden ja sehen!" Und sie schritten weiter auf die Treppen zu, die in das Grün hinabführen, wo eine Fontaine plätscherte und Musik erschallte. Das Gedränge war groß. Aber es war echt genuensisch. Militär, Volk und eine Anzahl Priester drängten sich durch die Menge; auch einige sonnverbrannte Frauen, neugierige Fremde und lange Engländer. Auf Aqua Sola ist nichts weiter zu sehen. Der Rest der Aristokratie von Genua schließt sich entweder gänzlich ab in Palästen und Villen, oder lebt gar nicht in Genua. Die Bürgerschaft hat hinreichend ihre Häuser und Gärten in Reovi und an der Straße nach Rutta. Nur die in der Stadt Lebenden promeniren nach dem Gärtchen Aqua Sola, oder diejenigen, die sich dies nur anzusehen wünschen. Man lernt also hier nur das Volk kennen und wenig mehr als dies und die Soldaten. Jakob und Jwas kamen, obgleich es schon Abend und ^anscheinend kühl war, schweißtriefend an. Sie freuten sich über das frischere Lüftchen, welches sie hier begrüßte. Sie schauten nach den. Wegen der Promenade, aber nirgends bemerkten sie noch ihre bekannten Reisenden. ... .. 18 Sie wandelten daher die Alleen entlang, und plauderten, wie andere junge Leute, von der weiten Welt, vom Vaterkande. von der Zukunst der Welt und den künftigen Geschicken des Vaterlands. Sie bemerkten es kaum, als ihnen der phlegmatische Deutsche, .welcher in der Alberga della Grotta sich hauptsächlich durch sein Schweigen auszeichnete, zuerst in den Weg trat. Er erkannte sie sofort, näherte sich ihnen, begrüßte ie und sprach mit sanft-kaltem Lächeln: „Ah! Wie freue ich mich, daß ich die Herren treffe. Ich wollte mich auch gern erkundigen, wie sich unser gestriger Kranker befinde und zugleich mich entschuldigen, daß ich Ihre werthe Gesellschaft nicht werde genießen können. Es trifft sich für mich eine einzige Gelegenheit, ein Vetturino zum halben Preise, zusammen mit meinem Landsmann, dem Geheimen Rath von Zuckerbeer, nach Pisa. Ich muß daher heute noch abreisen." „Wie schade!" rief Jakob auf Deutsch, um sich selbst und den Deutschen nicht mit dem Französischen zu quälen. Denn dieses sprach der geehrte Landsmann Göthes derartig aus. daß man ihn schwer verstehen und kaum das Lachen unterdrücken konnte. „Wie schade! Wir würden den Abend doch so angenehm zusammen verlebt haben!" Beim Klange der Muttersprache strahlte der Deutsche. Dann aber seufzte er tief. Denn trotz der Versuchung, noch dazubleiben, besiegte er das Gelüste, sich hierzu zu verpflichten. Die Sparsamkeit gebot. Vielleicht lockte auch die Gesellschaft des Geh. Raths. „Der Geheime Rath von Zuckerbeer," sprach er leise, „rechnet auf mich. Ich gab mein Wort. .. also ich muß, ich muß mitfahren. Es gibt kein Mittel..." Jakob hielt ihn durchaus nicht fest. Sie verneigten sich gegenseitig und verabschiedeten, sich „auf Wiedersehn — im Thale Josaphats!" Der Deutsche schritt davon, erleichtert, daß er sich einer so leichtsinnig übernommenen Verpflichtung entledigte. In seiner Seele trug er sogar den Verdacht, der Polak könne vielleicht ein gefährlicher Revolutionär sein, ein Garibaldianer oder wer weiß was. Ein Mazzinist vielleicht; gewiß aber ein Republikaner, der sich gegen die ganze Welt verschworen. Immerhin waren Beziehungen zu solchem Menschen von unberechenbaren Folgen und unzähligen Gefahren für die Zukunft. Hundertmal besser also war es, sich bei Zeiten zurückzuziehen. Kaum hatten sie sich von ihm verabschiedet, als der Zigeuner ihnen entgegenkam, mit einem Lächeln auf den Lippen und sich den Schweiß von der Stirne reibend; er begrüßte sie schon von Weitem, mit dem Kopfe nickend. Er knöpfte sich den Rock auf und fächelte sich mit dem Tuche Kühlung zu.