Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1903)
- Date
- 1903-01-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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9 i tt 111 11 0 tt. 0! 4er Mindling.*) Von Wobert Zänkern. V. Am andern Morgen machte sich Mendel Teitelbaum in aller Frühe auf seinen bevorstehenden weiten Weg. Er hatte nichts bei sich, als einen derben Knotenstock in der Rechten, ein Paar Tefillin in der einen und ein Stück Brod in der anderen Reisetasche. Die Verwalterin wollte ihm noch hinter dem Rücken ihres Mannes zwei Rubel mitgeben, eine Zuthat, die bei jeder Reise nur gut sein kann, besonders aber, wenn man die Grenzwächter an der russischen Grenze zu passiren hat. Aber Teitelbaum lehnte das Anerbieten, das den Intentionen des Verwalters widersprechend, dankend ab. Er verwies auf seinen Paß, den er in der inneren Seitentasche seiner Weste wohlverwahrt geborgen hatte, und verließ, wie verabredet, in aller Frühe das Haus, während noch Alle schliefen. Als er den Wald betrat, stand schon längst der helle Tag am Himmel. Teitelbaum schritt rüstig die steile Höhe hinan und hotte schon vor der festgesetzten Zeit das erste Ziel seiner Wanderung erreicht. Ohne große Mühe fand er sofort den bezeichneten Baum; aber sonst auch nicht die geringste Spur, so angelegentlich er auch danach suchte. Er stieg nun die Höhe hinab und hatte, nacki dem Stande der Sonne zu urtheilen, schon gegen fünf Uhr Abends die russische Grenze erreicht. Zum Verständniß dessen, was Teitelbaum hier begegnete, ist eine kurze Darstellung der Gepflogenheiten erforderlich, wie sie beim Grenzverkehr üblich sind. Durch die umständlichen Paßplackereien bilden Täuschungen der Grenz- und Zollwächter durch falsche Pässe, falsche Namen u. dgl., die Regel beim Ueberschreiten der Grenze. Die gewöhnlichste Art der Täuschung besteht darin, daß der Passant sich einen legalen Paß leihweise verschafft und mit Hilfe dessen, unter dem in dem Passe angegebenen Namen die Grenze überschreitet: wie es jetzt auch Teitelbaum zu thun im Begriffe war. Die Grenzwächter kennen diese Manipulationen ganz genau, sie wissen auch, daß sie täglich Vorkommen, sie geben sich auch alle Mühe,, jede Täuschung zu entlarven, wenn auch nicht aus amtlicher Gewissenhaftigkeit, so doch im Hinblick auf den Betrag, den der Passant gerne gibt, um ungeschoren über die Grenze zu kommen, 1 Neu eingetretcne Abonnenten erhalten auf Verlangen, .soweit der Vorrat» reicht, den Anfang der Erzählung „Ter Findling". sowie den des „Huden" vorto- und gebührenfrei nachge. liefert. Geschäftsstelle des „Israelit". - und den die schlecht besoldeten Grenzwächter noch lieber annehmen. - 5-; Auch höheren Orts kennt man die Unregelmäßigleiten beim Grenzverkehr ganz gut, nicht nur, sowntessich um den Schmuggel von Maaren, sondern auch insofern es sich um den bloßen Personenverkehr, handelt.-' Um Täuschungen' und falschen Vorspiegelungen durch den Mißbrauch fremder Pässe zu erschweren, ijat man folgende Anordnung getroffen: ' Hart an der ruffisch-galizischen Grenze. befindet sich, rin Zollhaus auf österreichischem und ein solches auf russischem Boden. Zwischen beiden liegt, eine Entfernung von ca. 100—160 Metern. Der von galizischer Seite kommende Reisende gibt seinen Paß. dem österreichischen Grenzbeamten ab. Dieser schickt ihndurch einen Grenzposten an das russische Grenzayjt und der Reisende geht ohne Paß die Strecke zwischen her oster-' reichischen und russischen Grenze. Dort .'frägt der. russische Zollbeamte nach dem Namen des Reisenden, vergleicht das Signalement, wie es im Passe verzeichnetist. mit demjenigen, das in Wirklichkeit in der Person^ des Passanten vor ihm steht, und wenn alles stimnit.so. bekommt der Reisende seinen Patz zurück und kann ohne' Schwierigkeit die russische Grenze überschreiten. Da ein großer Theil der die Grenze Paffirenden weder lesen noch schreiben kann und auch sonst keine große Gewandtheit im Verkehr besitzt, so gehört keine große geistige Überlegenheit seitens der Zollbeamten dazu, durch Querfragen etwaige Unkorrektheiten festzustellen. Kann der so Ueberführte. durch einen oder einige Rubel nachhelfen, so hilft das „einnehmende" Wesen des Grenzbeamten leicht über alle Schwierigkeiten hinweg. Wer aber wirklich korrekte Papiere besitzender' wer arm ist und keine Kopeke zu vergeben hat, der hat die ganze Strenge des Gesetzes zu fürchten. Aus diese Weise herrscht ein unausgesprochenes Einvernehmen zwischen dem Passanten und der Grenzbehörde, dessen Grundbestimmung sich in die drei Worte: Geld, Geld, Geld, zusammenfassen läßt. ........ . Mit einem Passe zu reisen, der einem andern ge- - hört, ist dort so allgemein, daß man gar nichts mehr Unrechtes darin findet, jedoch muß der augenblickliche Inhaber des Passes den Namen kennen, auf den der Paß ausgestellt ist. Da also Herr Teitelbaum einen richtigen Paß auf dem'Herzen trug, so schritt er wohlgemuth bergab der" Grenze entgegen, die er, wie bereits erwähnt,: frühes als er selbst glaubte, erreichte. . /? | H J. Gehobenen Hauptes gab er den Paß dem . diesseitigen Beamten ab. Dieser übergab ihn einem Grenze Posten, der ihn. von Teitelbaum beglestet^ dem kuM scheu Grenzbeamten hinüber brachte.- : 'w?, Teitelbaum war ein Gelehrter und könnte in Folge dessen weder deutsch lesen noch schreibev." DasHißt/er" hatte seit seiner frühesten Jugend so emsig Thora und