Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1903)
- Date
- 1903-01-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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markante Stellen anführen. Besonders lehrreich ist in dieser Hinsicht das Buch der Psalmen. Es heißt im Ps. 18, V. 8 ff. wn om nousi ptci »nn pj?:m ft mrt •o mm% „Wenn erbebt und erschüttert die Erde, wenn die Grundvesten der Erde erzittern, so erbeben ste, weil Er zürnt. Es steigt Dampf auf in Seinem Zorn, Feuer zehrt aus Seinem Munde, Kohlen erglühen von Ihm. Er neigt den Himmel, läßt. sich herab und Wolken-Düster ist unter Seinen Füßen. Er fährt auf fliegendem Cherub einher und stößt.hernieder auf Sturmesflügeln. Hüllt Ihn auch Finsterniß in Verborgenheit, daß Seine nächste Umgebung zur Hülle wird, Waffer-Dunkel, Himmels- Wolken: etwas Schein bleibt von Ihm; Seine mit Hagel Und Feuerkohlen geschwängerten Wolken sind es, die dahinziehen." Diese Worte wollen nach Hirsches Psalm-Kommentar sagen: - „Die Ereignisse treten in solcher Wucht auf, daß die Menschen betäubt nur diese Wucht fühlen, ohne dessen zu gedenken, der das Verhängniß sendet. Gerade das, worin die Gegenwart Gottes sich am greifbarsten bemerkbar machen sollte, das Ereigniß, hinter dem Er gleichsam am unmittelbarsten steht, verschleiert Ihn dem Blicke der Menschen. Wie sie über das Geschöpf des Schöpfers vergessen, bleibt ihr Blick und ihr Gedanke an dem Übermächtigen der Ereignisse hangen und erhebt sich nicht zu Dem, dessen Wirkungen sie sind. Die dunklen Gewitterwolken tragen das segensreichste, befruchtende Element in sich: so sind die trübsten, schwersten, angstvollsten Ereignisse heilbringend in ihren Folgen, und der sonnige Frühlingstag wird in dunkelster Gewitterstunde geboren. Wie dunkles Gewölk die Sonne verhüllt, der kundige Blick aber sie doch hinter einem lichteren Punkt auffindet, so bleibt mitten im Dunkel der Zeiten für den Gott dankenden Menschen ein Lichtpunkt, der. ihm die Gottes-Nähe und -Gegenwart verkündet." Auf diesen Lichtpunkt, der gerade diesen Eruptionen trotz ihrer alles verheerenden, elementaren Macht anhaftet, weist ein anderes Psalmwort hin (Ps. 104, V. 32): utwn nnra pr -ijnm pub v'2vn„Er schaut zur Erde, und sie erbebt. Er berührt die Berge, und sie rauchen." . Diese Worte sind in dem Zusammenhang mit dem übrigen Psalm, nach gewöhnlicher Auffassung, ganz unverständlich. Der ganze. Psalm besingt Gottes liebende Fürsorge für alle Gebilde des Universums, und diese Schilderung klingt in den Ruf aus, daß diese in jeder Kretaur sich offenbarende Gottesherrlichkeit die Freude . widerstrahlt, die Gott an Seinen Geschöpfen hat. ti noBP-’Bfaft N -naa rp. Und an diese die höchste Freude und Herrlichkeit athmenden Worte, welche den Gottespreis wiedergeben, -mit welcher der s&p bv der Weltgenius den Schöpfer feiert, reiht sich das Bild der Zerstörung, das uns Erdbeben und rauchende Vulkane vorführt. Rabbi Schelomo Pleßner s. A. erklärt deßhalb diese Worte in einer Weise, die sie harmonisch der ergreifenden Naturfchilderung des 104. Psalms einreiht, von welcher Alexander von Humboldt sagt, daß sie in ihrer Großartigkeit von keiner menschlichen Schilderung der Natur erreicht werde. Wie bereits erwähnt, ist es eine verhaltnißmäßig ganz dünne Erdschicht, welche die Bewohner der Erde von dem. glühenden Tod trennt, der zu ihren Füßen fluthet, und jeden Augenblick die schwache Decke zu durchbrechen droht. Wenn diese Gluth in den Erdadern sich zu regen und die Erdhülle in Folge dieser Regung zu erbeben beginnt, so hat Gottes gütige Fürsorge Ben- Ule geschaffen, durch welche die fluchenden Feuerwaffen sich entladen können, ohne die Menfchenerde zu sprengen, und das auf ihr sich bewegende Leben zu gefährden. Diese Ventile sind die feuerspeienden Berge. Wenn Gottes Blick die bebende Erde trifft, so rührt Er an diese Ventile, und ihr der Eruption vorangehender Rauch bekundet die Gottesliebe, die ihr Werk dadurch vor dem Untergange rettet, oder doch retten kann. Bleibt diese Rettung aus, speien die Vulkane Tod und Verderben auf ihre ganze Umgebung, so ist es das Zürnen Gottes, welches hier zu Tage tritt. Unsere Weisen haben dieses in den Erdbeben sich , bekundende göttliche Zürnen in ihrer ergreifenden Bildersprache noch unmittelbar mit dem Geschicke Israels , in Verbindung gebracht, indem sie Talmud Berochoth (Fol. 69 u) lehren: . . c&un wüm pa wa rin “»an n'apntp wm ibib ip tfrwr spao pbko cVipi bnn vH iwn »v ttö WT3 „Wenn Gott des Leids Seiner unter den Völkern der Welt weilenden Kinder gedenkt, läßt Er zwei Thränen in den Ozean fallen, deren Stimme von einem Ende der Welt bis zum andern gehört wird, das ist das Erdbeben." - Wir brauchen nicht erst daran zu erinnern, daß die Freude und das Zürnen, daß selbstredend die Thränen Gottes nur bildliche Ausdrücke.sind, die aus der Sprache menschlicher Affekte das Walten Gottes veranschaulichen wollen. Wir wissen, daß zu Zeiten der, großen Fluth die ganze Menschheit, mit dem Boden der sie trug, der Vernichtung anheim fiel, weil sich die Menschen gegen das göttliche Sittengesetz vergangen hatten, für dessen treue Erfüllung Gott dem Menschen die Erde zu Füßen gelegt hat. Gottes Gesetz hat in Israel seinen Träger. Jedes Leid; das ihm widerfährt, ist eine Auflehnung gegen dieses Gesetz Gottes. Dieses Leid ist ein doppeltes, je nachdem Israels Persönlichkeit, und die von ihm vertretene göttliche Wahrheit, davon betroffen wird. Das sind die zwei Thränen, die der Allmächtige um das Leid weint, dem Seine