Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 103-104 (30.12.1902)
- Date
- 1902-12-30
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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; r- 2219 nein, das geht keinesfalls. — Nur nicht den Gedanken aufkommen lassen! ... Wie aber, wenn dieser Schein des Juden Glück bringt?" — „Amtsgeld! — Wenn er aber, was doch sehr wahrscheinlich, wieder gewinnt, und noch das andere dazu? Und diese Blamage, sich, als Hausherr so feige zurückziehen zu müssen!" — „Immer noch schöner, als Veruntreuung von Amtsgrldern!" warf noch einmal.sein guter Geist ein. — „Welche Veruntreuung, wenn er doch gewinnt! Was hat es da dem Amtsgelde geschadet?" Draußen schlug es fünf Uhr. Kornosoff that einen energischen Zug aus seinem Glase, griff dann hastig in die Brusttasche und riß den Umschlag auseinander. Bald lag. der Schein auf dern Kassenteller unter den anderen, und in kurzer Zeit wanderte er dann von dort in das Portemonnaie eines der immer wechselnden Bankinhaber, den sich Kornososf in seiner Trunkenheit und Erregung nicht einmal merken konnte. : Jankel war wirklich in einen tiefen, erquickenden Schlaf verfallen. Als ihn der Wärter jetzt barsch auf- ' rüttelte, schien bereits die volle Sonne, so weit ihr das Gitter Einlaß gewährte, zum Fenster herein und warf ein verdrießliches Licht auf die grauen Wände des Gefangenengemaches. Jankel glaubte, einen Augenblick noch schlaftrunken, sich in irgend einer Dorfhütte zu befinden, wo er übernachtet hatte, und hielt den Wärter für den ihn weckenden Bauern. Dann aber brachte ihn der Anblick des mürrischen Beamten und der finsteren Umgebung bald wieder zur klaren Besinnung, u.rd der ganze Jammer, die ganze Trostlosigkeit seiner Lage stand wieder klar und deutlich in seinem Bewußtsein. Der Wärter entfernte sich für einige Minuten, und Jankel benutzte sie, sein Morgengebet so gut es ging, zu verrichten. Bald kam der Erstere wieder, mitsammt einem Polizisten, der ihn auf die .Kanzlei des Pristavs obsühren sollte. Und als Janlcl sich mit dem Polizeibeamten draußen befand, war es ihm, als sei damit der erste Schritt nach Sibirien bereits angetreten. Draußen stand Lei oh und der Aelteste, die beide seit dem Morgengrauen vergebens um Einlaß flehten, ' um dem Arrestanten Thee zu bringen; aber der Beamte verstand es von vornherein, jede Annäherung zu verhindern. Sie mußten sich nun damit begnügen, in entsprechender Entfernung die Eskorte zu begleiten, um sich nachher vor die Dhüre des Polizeimeisters zu postiren. Es war etwa so um halb Elf morgens, und noch fast eine Stunde mußte Jankel im Vorzimmer warten, die ihm noch länger und schrecklicher erschien, als die grauenvolle Nacht in der Wachtstuöe. Jede Minute war eine neue Qual, eine Marter für ihn. Tausenderlei ging ihm durch den Kopf; er führte tausende Argu-; mente in seinem Sinne an, die in diese und jene Sätze gekleidet, klar und sicher seine Unschuld beweisen mußten, und nach und nach hatte er sich im Gehirn eine lange, formvollendete Vertheidigungsrede zurecht gelegt, die ihre Wirkung unmöglich versagen konnte. Als er sie noch einmal kurz überdachte, that es ihm beinahe leid, daß es so lange dauern muß, daß immer noch nicht die Thüre aufging, und der große Augenblick begann. Der hat. aber jetzt wirklich begonnen, und als nun die Thüre zum Kabinete langsam geöffnet ward und Jankel dorthin befohlen wurde, fühlte er sich plötzlich so von Schrecken befallen und so bewegt,' daß von der ganzen umfangreichen Vertheidignngsrede keine Silbe mehr übrig blieb. Der Pristav sah heute etwas blaß und abgespannt aus; seine großen, grauen Augen schauten halb geschlossen und etwas zerstreut über einen Haufen Akten, vor dem er saß, zu dem eintretenden Jankel hinüber. „Jankel," sagte er jetzt, wie es dem letzteren scheinen wollte, in weicherem Tone, „also Deine Sache ist nun soweit erledigt." ... -''.-v...;. ... - . „Sibirien!" durchzog es Jankel schaurig durch alle Glieder. „Es handelte sich," setzte der Beamte in demselben Tone fort, „wie es scheint, um eine Verleumdung oder Jrrthum. Weiß der Kuckuk! Einerlei! Der Schein . . ." er hüstelte—„ja der Schein von 25 Rubel, den wir gestern bei Dir beschlagnahmt, ist kein falscher . . . Nach eingehender Prüfung habe ich ihn als recht und echt befunden. Hier ist er!" — setzte er noch gleichgiltig hinzu,'indem er ein etwas altes und graues Geldpapier aus den Akten hervorzog und Jankel zuschok Jankel stand bestürzt da; er hing mit Aufbietung seiner ganzen Geisteskraft an dem Munde des Beamten und doch konnte er den Zusammenhang seiner Worte nicht finden. „Ich bin ganz unschuldig," fiel ihm plötzlich der Anfang seiner präparirten Verteidigung ein. — „Gnädiger Herr, haben Sie Erbarmen .. .."- - „Was zum Kuckuk! Erbarmen? — Hörst Du denn nicht? Hier Dein 25-Rubelschein!" „Gnädiger Herr!" stotterte Jankel verwirrt, „de r Schein ist nicht der meinige; jener . . ." . Der Beamte unterbrach ihn gereizt: „Was, Hallunke? Willst auch noch mir Unterstellungen machen!? Hier ist Dein Geld," sage ich, „stecke es ein! Jetzt unterschreibe diese Quittung und scheere Dich sofort hinaus!" .'r Mechanisch that Jankel alles, was ihm befohlen wurde, unterschrieb auch das vor ihm liegende Papier, ohne dasselbe gelesen zu haben und ging fast geistesabwesend zur Thür hinaus. Erst als er die freie Luft der Straße wieder einhauchte und sich wirklich davon überzeugte, daß keine i i i i \