Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 103-104 (30.12.1902)
- Date
- 1902-12-30
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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das Amt von der' Person zu trennen, und machte im elfteren Fehltritte. Als sein Treiben doch endlich zu' bunt wurde und seine Verfehlungen so groß waren, daß sie auch vom Einflüsse des Schwiegervaters nicht mehr gedeckt werden konnten, da konnte er nunmehr seinem Schicksale nicht mehr entgehen — er wurde zur Strafe in gleicher Amtseigenschaft nach dem kleinen, verkehrsarmen Judenstädtchen Ersevill versetzt. Alexei Kornosoff fühlte sich ganz unglücklich ob dieser Strafversetzung und machte in erster.Reihe alle Bewohner von Ersevill für dieses ihm auferlegte Unglück verantwortlich, was er sie auch bei jeder amtlichen Berührung fühlen ließ. Ein solcher Abend jedoch mit Glühwein, in Gesellschaft Gleichgestellter am grünen Tische, mitten in diesem Elende des verdammten Judennestes, mitten aus den tödtenden Amtsgeschäften heraus — dieses war einmal ein Genuß, der sich nicht jeden Tag bietet, und der mußte gebührend ausgenutzt werden!" Mit diesem Vorsatze leerte nun Kornosoff sein Glas auf das Wohl des letzten Gastes, den er in dieser Weise Willkommen heißen mußte. . Das Glück war heute überdies auf seiner Seite; Fortuna war ihm günstig, wie. noch nie, und in höchster Zufriedenheit drehte er mit der linken Hand den mächtigen Schnurrbart, indem die Rechte einmal nach dem andern den ganzen Bestand der Kasse zu sich führen konnte. Die große Uhr schlug Zwei. Die Gesellschaft im Salon lichtete sich. Tanz und Musik verstummten. Im Nebenzimmer wird dieses kaum beachtet; nur zerstreut macht auch Kornosoff den Gehenden die Honneurs. — „Wer Glück, im Spiele hat, der braucht keins in der Liebe; darum laßt Euch heute die Gardinenpredigten nicht allzusehr drücken." ermuthigte er die eifrig Spielenden. — Alles brach in ein lautes Lachen aus und spielte weiter. Nachdem sich das Blättchen für einen Augenblick gewendet, der Glückliche ein paar Sätze verloren, drückten die Anderen unverhohlen ihre Schadenfreude darüber aus. Jetzt wollte er es einmal mit der Bank versuchen. Die Abwechslung brachte wirklich Glück, und er machte glänzende Geschäfte. Einem spekulativen Rittmeister a, D. fiel es plötzlich, ein, die Summe von 60 Rubel auf einmal zu setzen, einige vom Tanze hinzugekommene junge Militärs machten es ihm mit ähnlichen hohen Einsätzen nach, und dreimal hintereinander mußte ihnen der bankhaltende Gastgeber die enormen Beträge auszahlen. Auch die darauffolgenden Partien fielen ziemlich ungünstig für ihn aus. Der Kassenteller war in kurzem Zeiträume leer, und Kornosoff mußte mißmuthig in die Tasche greifen, um ihn von neuem zu füllen. Er sah ein, daß das Bankglück ihm den Rücken wendete und überließ die Bank daher einem andern, während er wieder zu setzen begann. „Frisch gewagt,^ ist halb gewonnen," sagte er, mit einem Blick auf seine Kassenplünderer und warf einen Zehnrubelschein auf den Kassenteller. Aber es wollte nicht mehr gelingen, Fortuna war nun bis auf Weiteres gewichen. Er verlor und verlor, und je höher er setzte, je waghalsiger er spekulirte, desto größer und bedrohlicher breiteten sich die Lücken in seinem Portemonnaie aus. — Immer leidenschaftlicher kochte der Spielteufel in ihm, immer rascher schlug das Herz,' und die Karlen bewegten sich unsicher in seinen zitternden Händen, als er jetzt feinen letzten Baarbestand auf einmal auf Siegen oder Fallen; auf den Altar Fortuna's legte. Krampfhaft hing sein Blick an der Hand des Bankhalters. „Natürlich! Wie nicht anders zu erwarten! Verloren! . Auch dieses Mal! Alles verloren!" Kornosoff warf wüthend die Karten auf den Tisch, und einer seiner kraftvollsten Fluchausdrücke wollte seinen Lippen entgleiten; er erinnerte sich aber noch zeitig genug an seine Gastgeberpflichten und hielt an sich; er sprach nur etwas von „Kopfweh, etwas ruhen, frische Luft schöpfen" und ging aus dem Zimmer. Die Treppe hinunter spürte er in der That ein heftiges Stechen an den Schläfen und ein Gefühl von Schwindel, ging aber trotzdem nicht auf die Straße hinaus, sondern bog nach der Kanzleistube ein, um! durch dieselbe in sein Amtskabinet zu gelangen. Ohne sich Zeit zu gönnen, Licht zu machen, öffnete er den schweren Kassenschrank und dann eine ihm wohlbekannte Kassette, in der er seine Werthpapiere, sowie besonders werthvolle Amtsakten aufzubewahren Pflegte, entnahm derselben einige Scheine und Couverte, die er dann, da die Dunkelheit jede weitere Betrachtung ausschloß, hastig in die Brusttasche steckte. Mit eiligen Schritten ging er dann wieder aufwärts, und als die neue Partie oben begann, konnte er sich wieder daran betheiligen. Das Glück kehrte aber auch in der neuen Epoche nicht wieder ein; er verlor ohne Unterlaß. Als er wieder den letzten Schein setzte, nahm er sich fest und sichervor, jetzt in jedem Falle aufzuhören. Er gewann. „Jetzt." dachte er, „nur noch das Gewonnene wieder setzen, dann Schluß!" Er verlor wieder und stand wirklich auf. Die Anderen spielten ruhig weiter; das Herz wollte ihm schier zerbersten, und die so mühsam aufgebotene Willenskraft wieder brechen. Mechanisch griff er in die Tasche; natürlich nichts mehr da. „Abee halt! Was ist da drinnen?" dachte er, indem er ein versiegeltes Couvert in der Tasche hin und drehte. „Aha! weiß schon! Das von heute Abend! Da beim Juden! . . Wirkliches Geld! . . . Wie wäre es nun? .. . Aber