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Der Israelit · 1902-12-30 · Heft 103-104 (30.12.1902) · page 33

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 103-104 (30.12.1902)
Date
1902-12-30
Page
– (sequence 33)
Language
German
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4S. Jahrgang. fct :x^ Erzählung aus dem jüdischen Leben in Lithauen von Lehrer 8. Lchachnowitz. . : lSchluß.) Endingen (^chlveiz). . Machdruck verboten^ Jankel vergaß bald seine mißliche Situation, seine Umgebung, vergaß sich selber; krampfhaft hielt er mit beiden Händen das wunderwirkende Buch dicht vor die Augen und fühlte, wie sich ein immer mächtiger werdender Strom von unaussprechlicher Wonne und Beruhigung aus ihm ergab, und sich dann. über seinen ganzen Körper ergoß. Es mag wohl so gegen 3 Uhr morgens gewesen sein, als Jankel den letzten Satz des Thilim in fast freudiger Tonart aussang. Er hörte noch unklar, wie sich draußen die Wache wechselte, indem der Erste die Pfeife anzündete und der Andere zu schnarchen begann, nachdem sie Beide zuerst einen tiefen Schluck aus der Branntweinflasche gethan. Jankel verspürte eine Müdigkeit und die Augen gingen ihm zu. „Kaul hanschomoh tehaleil joh" — murmelte er noch mühsam und schlief ein. Als Chajim, da er beim Rabbiner zu Gunsten seines Vaters nichts ausrichten konnte, in später Nachtstunde sich noch einmal um die Wachtstube herumdrückte, war zwar durch das hohe, kleine Gitter nichts zu sehen, noch zu hören; aber von einem hohen, weißen Hause, das sich mit seinen stattlichen zwei Stöcken von all' den anderen Häusern der Straße vortheilhaft ausnahm, kam ein. schräges, lustiges Licht herüber und. beleuchtete die grauen, trüben Mauern. In dem Hause befand sich die Kanzlei und die Wohnung des Pristavs; aus der letzteren, die sich im oberen Stocke befand, drangen die durch die Rouleaux grünlich tanzenden Lichtstrahlen und mehrere munter lachenden Menschenstimmen. Alexei Kornosoff, als welcher der gestrenge Chef der Polizei sich in seinem vertrauten Kreise jovial bewegte, gab heute aus irgend einem Familienanlasse einen kleinen Gesellschaftsabend. Einige junge Leutnants, der Doktor, ein Kollege aus der Nachbarstadt, , der Verwalter der knaslichen. Güter und noch einige z Familien.aus der kleinen Haute-volee des Städtchens f waren anwesend. ' [ . Der Pristav war nicht mehr der Kornosoff von ' vorher; er befand sich eben, da er die Amtsgeschäfte hinter sich wußte, in einer seiner seligsten Festlaunen, und wetteiferte nun mit seiner Gattin, seine fröhlichen Gäste mit allem, was ihm zu Gebote stand, zu amüsiren. Nach dem Galadiner sollte die aufgeräumte Gesellschaft noch lange in gemüthlichem Beisammensein bleiben. Der silberne Samovar dampfte lustig, und der Wein funkelte in den Kelchen. Eine der jungen Damen setzte sich an's Klavier, und. wie auf Kommando waren die Paare zum Tanz bereit . 7.^ Auch für die Mehrzahl der älteren Herren bedeutete der erste Ton des Instruments ein Signal, - abernicht etwa zum Tanze oder gar zum Aufbruche, sondern um sich in's kleinere Nebengemach zu begeben, wo schon der grüne Tisch, konlplet und mit allem versehen, nur noch der Spielenden harrte, i ' v /; v Auch Kornosoff verspürte heute keine Lust zum' Tanze. Nicht etwa, daß er nicht mehr die nöthige Kraft in den Beinen verspürt hätte; aber die Wähl zwischen Spieltisch und Tanzboden war ihm noch nie schwer gefallen: Er war es von jeher gewöhnt, sich für den Elfteren zu entscheiden. . 7. Kornosoff hatte, soweit er sich erinnern konnte, noch immer gespielt, und seitdem er sozusagen auf eigenen Beinen stand, nahm die Karte eine eminente. Rolle in seinem Leben ein. Als Sprosse eines heruntergekommenen Adels sollte er ursprünglich der Wissenschaft zugeführt werden, wurde aber schon in der Oberquatta wegen eines Rauch- und Spielabenteuers ausgestoßen.. In den Anfängen der militärischen Laufbahn, der er sich jetzt widmete und namentlich unter der strengen Aufsicht der Kadettenschule ging es nun besser. Als junger Unterleutnant war er jedoch durch das Klubleben und Spiel schon so sehr, in Schulden verwickelt, daß er die Militärcarriere ganz aufgeben mußte und zu Gunsten eines Staatsdienstes seinen Abschied nachsuchte. Nach der Berheirathung mit der Tochter eines einflußreichen Beamten brachte er es nach und nach bis zum Polizeimeister eines ansehnlichen Reviers in der Göuvernementsstadt. Als da jedoch die Einkünfte mit den Ausgaben, namentlich mit denen, die der Klub erforderte, dem er auch in dieser Stellung treu blieb, nicht mehr harmoniren wollten, brachte er es, besonders in schwachen, seligen Stunden, nicht mehr über sich,

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