Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-12-30 · Heft 103-104 (30.12.1902) · page 32

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 103-104 (30.12.1902)
Date
1902-12-30
Page
– (sequence 32)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449889--57350-2520057
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2216 lugten mehrere Mäuse nach dem Ankömmling,- und aus dem Vorzimmer, das nur durch, eine Art spanische . Wand, die nicht ganz- bis zur Decke reichte, von der Zelle getrennt war,-drang das laute Schnarchen des einen Wärters, gemischt mit dem Schmatzen der Pfeife . des andern. - ° . „Warum befinde ich mich hier? Was will man von mir? Was ist überhaupt geschehen?" fragte sich Jankel. „Der Pristav! Ja, richtig! Was wollte er? — Falsches Geld, 26-Rubelschein! Ich wäre Falschmünzer, oder Händler mit falschen Papieren, Staatsbetrüger oder was Aehnliches!?"- .? - ' Die Erinnerung des heutigen Gottesdienstes kam ihm plötzlich, in den Sinn. „Aha, war das wohl die Vorahnung? Der Gedanke an Iwan! Jawohl ‘ Iwan!" , "3 Und plötzlich ging ihm über den Zusammenhangs der Dinge ein klares Licht auf. „Hier her Schein/ das Andere kommt nach!" hörte er jetzt wieder die Worte Jwan's, und -sein rohes, . triumphirendes Lachen dabei. „Wie konnte ich aber auch so dumm sein? Picht verstehen, daß er so etwas im Schilde führt? Die beiden Wechsel müssen sich in der " Eile geirrt, die Scheine nicht so genau betrachtet haben! Ich. wollte ja auch so schnell wieder nach Schul! Ich ' hätte ja sonst Leibeles - „Haneiraus halo'lu", versäumt!" . Jankel klopfte sich resignirt auf die Stirn. .„Was nun jetzt machen?/Iwan hat ihm einen falschen Schein gegeben und obendrein als Falschmünzer bei der Polizei denunzirt. Das ist klar! Aber was jetzt? Ein - Falschmünzer! ' Urkundenfälscher! Staats- und Reichsbetrüger! Sibirien!- Ein Schauer, ein Frost durchschüttelte seinen . .Körper bei diesen Gedanken. 3 .’■/ „Die arme Leaoh! Die Kinder, Leibele! O Gott, was soll denn nur daraus werden?" Noch einmal fiel ihm die Synagoge ein. War das nun zur Wirklichkeit geworden, was ihm da so dunkel und unklar ahnte? Er erinnert sich jetzt, daß. als er dort die Stimme seines Lieblingsrindes hörte, ihm zu Muthe war, als müßte er so wie jetzt aufschreien: „O Leibele! Leibele!" ' Er setzte sich auf's Brett und legte die Hände ineinander. . Es stand wieder alles-so klar und deutlich vor seinem Geiste. Die-Verworrenheit in -seinem Ve- ' wußtsei'n war ganz verflogen; er hörte auch wieder deutlich das Geräusch des Bohrwurms', das Nagen der Mäuse, und'das Schnarchen des Wärters. „Wa? soll ich jcht machen?" 3 3 " . Bei dieser Frage fiel ihm eine Stelle in der tal- . mudischen Agadah ein, wo es heißt: „Kein Gefangener .. kann sich selber aus dem Gefängnisse erlösen." Nicht . selbst, also wer dann? Vielleicht die Stadlonim? Ve- - rill der Cheiker, oder d-r Kasone Row? (Kronrab- - biner) Nein, unmöglich! Sie werden sicherlich bei einem solchen Staatsverbrechen gar nicht eintrrtrn. Also sie auch nicht, wer denn sonst? Wer?! Welch' 7 dumme Frage! Lebt doch noch ein Gott, der auch ihm ' helfen kann. — „Wie?" darüber konnte er sich in dem 3 Augenblicke nicht klar werden, aber in seinem Innern hörte er wieder die Schlußworte des Gottesdienstes: „Schmiedet Pläne, die zerstört werden!" „Redet; das Wort, das nicht besteht, denn mit uns ist Gott!"" An Schlaf war nicht zu denken; weder, die Schlaf? stelle, noch sein Sinn war dazu ängethan, ihn zuzülassen. Jankel suchte mechanisch in seinen Rocktaschen, sie waren leer. Alles, bis auf das Taschentuch ist ihm bei der'Visitation vor der Einlieferung abgenommen worden. An der Vrusttasche fühlt sich jedoch etwas Hartes; halt! ein kleines Thilim, das er immer an die- - ser Stelle bei sich führte, das haben sie ihm aus Versehen oder mit Absicht gelassen.'3 "3-/ Jankel wußte jetzt ganz bestimmt, was er zu thun 1 hatte; er setzte sich so bequem, als möglich auf dem Brette zurecht und fing an,, beim matten Scheine des Petroleumlichtes die Psalmen zu rezitiren. „„Aschrei hoisch." . . . „Heil dem Manne, der nicht ging im Rathe der Bösen und auf dem Wege der Sünden nicht stand. . ." „Und was habe ich gethan? Auf welchem Wege bin ich betroffen worden, daß man mich hierher schleppt?" ' - 3 ' „Ki im" . . . -.Nur in der Lehre Gottes ist fein Begehren, in die er sich vertieft Tag und Nacht..." -„Nun, das konnte ich freilich nicht. Aber habe ich doch auch darin nach Möglichkeit meine Schuldigkeit gethan. Der Große ist auf der Jeschiwoh, und wenn alle - Zeichen nicht trügen, auf dem. besten Wege, ein großer . Lamden zu werden. Auch Leibele hat scheints mit gutem Erfolge Gemoroh zu lernen yngefangen. Und ich habe doch auch für meine. Person nie versäumt, wenn ich daheim war, dem Schiur Einjakauw beizuwohnen. Und dann noch in den älteren Jahren stets einen Rebben für Mischnaiaus gehalten!" — „Ja. aber, wo soll dies hinaus? Und wie gehört das hierher, -in das Thilim? Also noch.einmal! Und jetzt mit Kewonoh!" „Aschrei" .... u. s. w. „baazas, . . . . azas! azas!" — er konnte nicht weiter. Es war ihm, als ob seine Gedanken am diesem Wort hängen blieben. „Azas!" ... Noch einmal! Woran erinnert ihn doch nur dieses so freundliche Wort? Aha, richtig! „Uze eizoh!" . Und noch in den folgenden Psalmen konnte er nur noch aus allem den einen Sinn heraushören: „Rathet und redet, es wird doch zerstört, es bleibt nicht, da Gott mit uns ist!" . *. Bald, dachte er jedoch auch nicht mehr daran; je weiter er betete, desto mächtiger und inniger schlug sein . Herz, und in dem Maße, als seine. Begeisterung , stieg, fühlte er,, wie sich auch nach und nach die Schatten von ' selber , zerstreuten. 3 - - (Tchlutz folgt In der „Zweiten Belletristischen Scuagw.*-■/ Bsrcmtwortliüe Nedaction: OLcar Lehmann in Mainz. — Ervedition des Israelit". Schottstrabe Nr. 2. Mainz. PruS und Verlag der Nah. Wirth'schen Hofbuchdruckerei Actien-Gesellskhaft ln Dtainz. / . -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.