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Der Israelit · 1902-12-30 · Heft 103-104 (30.12.1902) · page 31

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 103-104 (30.12.1902)
Date
1902-12-30
Page
– (sequence 31)
Language
German
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2215 Woche fort.... Alle in der Gegend von Er'sewill bis Jürberik und Tawrik kennen mich .... Ich habe noch nie etwas Unrechtes begonnen ...." Der Pristav ließ sich aber dadurch keineswegs uberzeugen. „Was zum T . . . .,. Recht oder Unrecht? Sag' gerade raus, ob und wo Du das falsche Geld hast?" donnerte er ungeduldig, „vor allem Deine Börse her!" Jankel nahm seinen Lederbeutel aus der Tasche und reichte ihn ohne Zögern dem Beamten. Als ihn dieser auf den Tisch leerte, kamen ein neues Geldpdpier, Silber- und mehrere Kupfermünzen zum-Vorschein; außerdem noch mehrere Papierschnitzel. Das Erstere lenkte allein die Aufmerksamkeit des Beamten auf sich. Er betrachtete den Schein von allen Seiten, bei Licht und im Schatten, dann mittelst einer Lupe. Da plötzlich nahm das Gesicht des Gestrengen eine sehr zufriedene und triumphirende Miene an, seine großen, grauen Augen glänzten in teuflicher Freude. „Also," sprach er wie zu sich selbst, indem er noch einmal die Wasserzeichnung des - Scheines bei Licht betrachtete — „ein Korpus Delicti hätten wir nun. Dieser Schein" — sagte er wieder zu Jankel gewendet — „ist nun wirklich den falschen entnommen. Wo sind also die anderen?" . „Die anderen? Ich habe nur diesen!" „Wo hast Du diesen her?" " «Den habe ich heute vom Iwan in Sniry auf meine Schuld eingenommen. ... Er wird es wohl bezeugen können. Außerdem ließ ich ihn in zwedWechselstuben auf seine Echtheit prüfen, und diese wurde mir bestätigt." - - „Von Iwan Päwlowitsch in Sniry? So, ' so?!" — Der Pristav runzelte die Stirn und machte ein nachdenkliches Gesicht. „So so, vom Iwan!? Nun, das wird sich schon alles zeigen; indeß Du, Jankel" — setzte er hinzu, indem er das Protokoll mitsammt dem Scheine in ein Couvert schloß, dasselbe versiegelte und ruhig zu sich steckte — „Du wirst für heute mit uns kommen!" Das Jammern Leioh's, das laute Weinen der Kinder, alles half nichts. Jankel wurde von den beiden Polizisten, zum Schrecken, und zur höchsten Erregung aller draußen Stehenden, abgeführt. Eine Todesstille trat im Zimmer ein. Traurig schaute die blanke Chanukalampe vom Fensterbrette her und warf unheimliche Schatten nach allen Ecken, die erst vor Kurzem von ihrem Lichte in Glanz und Wonne gestrahlt und nun so öde und jammervoll ein- Herschaüten. In einer Ecke, wo sie von den Polizisten hineingestoßen wurde, als sie sich an ihren Mann hing, kauerte jetzt noch die arme Leioh. , . Nein, so viel Jammer und Elend waren ihr noch nichtvorgekommen. Sie hat schon Manches erlebt in ihrem Ehestände. Drei Zünder wurden ihr bereits durch den Tod entrissen, eins davon sogar im zarten Alter von sechs Jahren, es war ein Jammer ohne Ende; das Mutterherz drohte jedesmal fast zu brechen, — aber es brach nicht. Die Zeit heilte wieder die Wunden.- Einmal, vor etwa zehn Jahren, wurden sie aus: dem Schlafe aufgeschreckt; das Dach über ihrem Haupte stand in Flammen. Sie konnten kaum einige der nothwendigsten Kleidungsstücke retten, aber Gott verließ sie nicht. Auch sonstige Noch und Sorge, Kummer und sogar Hunger hat es schon gegeben. Aber all' dieses war doch nicht so grenzenlos; sie'wurden in besseren Tagen vergessen. Und eine weihevolle-Stünde'des^ Glückes an Festen und Familienfreuden konnte all' jenes einst erlebte Ungemach reichlich aufwiegen! J~ Aber dieses Unglück! Dieser neueste Jammer! Ihr Mann unschuldig — unschuldig! dies'wollte sie vor Gott und Menschen tausendmal beschwören' unschuldig abgeführt in's Gefängmß! Nein, dieses ertrage, wer will!.-^- Und so plötzlich! — so mitten aus dem warmen Neste heraus! — Nein, sowas geht über ihre Kraft hinaus! .... - - *•V.V.1;f’ v:;;' Als Leibele, nachdem er etwas verspätet die graüsame Kunde vernommen hatte, nach dem Wächtlykak," vor dessen Anblick allein er-sonst schön eine unheimliche Angst empfand, sich begabhing^ er sich dort "mit dem Rufe: „Tate!" an die Fenster, bis ihfr die Wärterdavonjagten. Bei seiner Heimkehr ' fand er die Mutter' noch in derselben Ecke bei'ihren trüben"Gedanken.' 'Er brach in lautes Schluchzen aus und half ihr sodann di'e beiden Kleinen, die weinend am Tische eingeschlafen waren, zu Bette bringen. Und Beive'warteten sie jetzt' auf die Rückkunft Chajims, der sich zum - Rabbiner begeben hatte, um mit seiner Hilfe die Stadlonim'(ein-, flußreiche Männer der Gemeinde) zu Gunsten " des" Vaters aufzubieten. * v " : . Als die schwere Thüre des Nachtlokals hinter dem' armen Jankel sich geschlossen hatte, konnte dieser lange nicht recht zur Besinnung kommen. ' - „Was ist geschehen? Was soll das Heißen?" " Jankel sah sich beim matten Scheine einör kleinen/ übelriechenden Petroleumlampe, die vom Vorzimmer,' wo zwei Wärter saßen, herüberleuchtete,-' feine ‘ freue - Umgebung an. Die grauen Wände, von' -denen der. Kalk abgestreift war und Platz für allerlei Ungeziefer ließ, strömten eine feuchte, unheimliche.Kälte in den kleinen, düsteren Raum; der Fußboden war voll Schmutz und Ritzen. Durch ein Brett erhob sich an der einen Seitenwand eine Art Podium,' das, nach dem daraufliegenden Strohfack zu schließen, wohl - als Schlafstätte dienen sollte. . Jankel befand sich allein in diesem trostlosen-Gemache. Das Bohren eines Holzwurmes tönte aus einer Wandritze, aus den Winkellöchern des Fußbodens '

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