Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-12-30 · Heft 103-104 (30.12.1902) · page 30

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 103-104 (30.12.1902)
Date
1902-12-30
Page
– (sequence 30)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449889--57348-2520055
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2214 ' . * .i'/.jlv' . 1 * 4.'V* es handle sich hier wirklich um eines der gefährlichsten Verbrechernester, das jetzt ausgehoben werden sollte. . „Was soll das? Was kann ich gemacht haben,?" durchflog es wie im Blitz Jankels Geist, indem sein Blick daskreidebleiche Gesicht seiner Frau und die zum Tode erschrockenen Kinder streifte. Mer zum vielen Nachdenken blieb keine Zeit übrig.:......: ' . „Es komme Keiner heraus!" donnerte der Beamte und.wies einen .der Polizisten an, Platz an der Thüre zu nehmen. „Jetzt,. Jankel Leibowitsch," sprach er weiter in etwas weicherem-und wie in väterlich warnendem Tone, „jetzt, im Namen des Gesetzes, mache Alles auf! Nur nichts verheimlichen und ,versteckt lassen; wir haben hier Haussuchung oorzunehmen!" Mit-bebenden. Händen, ohne eine Ahnung zu haben von dem, um was es sich hier handelt, und ohne eine Silbe zu wagen, griff Jankel an den Schlüsselbund. Gr zog zuerst auf Befehl den Schubkasten des Tisches hervor. Ein Tintenglas, ein paar Zeugmuster und ein. großer.Notenbogen, wahrscheinlich von Leible hexrührend,, guckten zwar etwas verwirrt, aber sehr harmlos heraus.- .Dann müßte er die drei Schubläden der. Kommode..hervorziehen,.in denen aber außer etwas Leinenzeüg, einem silbernen..Löffel, einer Besomimbüchse und einem Sederbecher nichts -Verdächtiges zu entdecken.- war. ' Von . dort ging es an den Kleiderschrank,; im. kleinen Nebenzimmer. Auch der Küchenka.sten. ünd.^ der Hausirerpack mußten geöffnet werden; sogardie. Betten wurden durchwühlt und alle Ritzen und,Ecken des aus. Stube, Kammer, und Küche bestehenden -Hauses genau besichtigt. Ueberall mußte Jankel mit den Schlüsseln vorangehen und selber öffnen, während, der Sekretär dem Pristav leuchtete, und der xine Polizist mit langen Fingern überall suchte und lvühste.- Die ganze Operation, die außer der Beschlagnahme-einiger harmlosen Briefe und werthloser Handelsnotizen nichts von Belang ergab, nahm etwa /ine halbe. Stunde in Anspruch-, während welcher Zeit- Leioh jammernd und, zitternd am ganzen'Körper im Zimmer. umherlief.. . Die; Kleinen verkrochen sich, in instinktiver Angst und. von den.blanken Knöpfen der Uniformen eingeschüchtert. in die Ecken. Der Aeliere ging dicht hinter dem Vater her,:während der fremde Bachur. der sich mit seinen Paßverhältnissen nicht ganz im Reinen fühlte, sich zaghaft in., einen etwas gedeckten Fensterwinkel duckte. Draußen kam mittlerweile fast die ganze Nachbarschaft, die Wind von dem Vorgang bei Jankel erhal- -ten, in neugieriger Erregung herbeigelaufen. Ein paar halbwüchsige Burschen und Mädchen hingen sich an die Fenster, um durch die Lädenfpalten einen Einblick, in's Innere zu gewinnen. Einige drängten sich sogar an die Thüre und der etwas nervöse Polizist mußte dir schönsten und kräftigsten Proben seiner Redestylblüthen anwenden, um die. Zudringlichen fern zu halten. Der Beamte setzte sich nun an den Tisch, befahl Jankel, ihm gegenüber Platz zu nehmen und begann, während der Schreiber neben.ihm sich geschäftig an's Protokoll machte, das erste Verhör. „Du heißt Jankel Leibowitsch, bist Hausirer von Beruf, 49 Jahre alt, hast vier Kinder? Ist es so?" Jankel nickte bejahend. „Was betreibst Du noch sonst außer dem Hausirerhandel?" - - „Nichts!" gab Jankel zur Antwort. „Also nichts! Gut! Wo betreibst Du Dein Geschäft? Welche Waare führst Du? Wo hast Du Dich in den letzten Tagen aufgehalten?" Jankel antwortete auf Alles, zwar im schlechten Russisch und in gebrochenen Sätzen, aber sachlich und mit sichtlicher Neberlegung. „Nun höre einmal, Jankel," versetzte'der Pristav immer noch ziemlich sanft, „sprich gerade raus! Nur die Wahrheit, ohne Umwege und Schliche! Treibst Du noch nebenbei so ein wenig Handel mit falschem Gelde? Oder bist gar selber Fabrikant in dem Artikel? Wir konnten.freilich nichts finden. Also die reine Wahrheit! Wie steht es mit einer Art Druckerei oder Prägnngsapparat?"- Eine Pause, in der man deutlich das Kratzen der Feder des Protokollführers hören konnte. ' Jankel erwiederte verwirrt den auf ihm ruhenden und forschend durchdringenden Blick des Beamten, starrte aber dann wie geistesabwesend nach einem unbestimmten Punkt des Zimmers hin und erwiederte nichts. ••-'-• „Also keine Apparate? Gut! Aber doch sicher mehrere falsche Münzen und Facsimile. Also wo stecken sie? — Raus damit!"' \ Da Jankel immer noch wie bewußtlos vor sich stierte und auf die erneute Frage nicht reagirte, brach der Beamte in nervösen Zorn aus: ' „Du bist ein Falschmünzer, ein Hallunke, ein Staatsöetrüger! Wirst dieses mit der erheuchelten Ehrlichkeit und den faulen Ausreden kaum noch verdecken können. Haben es heute aus sicherer Quelle erfahren. Nun, wo ist das Versteck? Nur raus damit!" „Lieber, gnädiger Herr," mischte sich jetzt Leioh, die nach und nach die Situation zu begreifen begann, ein. — „lieber Herr!" . . „Still, zum Kuckuk, Weib! Oder ..unterbrach der Beamte wüthend — „sprich Du, Jankel Leibowitsch, oder wir sperren Dir den Mund auf." „Lieber Herr," stotterte endlich Jankel heraus, „ich bin ein armer, aber ehrlicher Hausirer; ernähre mich und meine Familie recht und schlecht; bin dir ganze

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.