Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 103-104 (30.12.1902)
- Date
- 1902-12-30
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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Iwan lann am Ende auch zur Einsicht gelangt sein, sein Gewissen muß es ihm doch schließlich vorgehalten haben, daß er. das Darlehen unter betrügerischen.Vorspiegelungen zu einer Zeit, wo der Konkurs bereits über ihn verhängt war, sich vom armen Jankel erlistet.— „Und — überhaupt, was liegt mir an. Iwan und daran, wie und w a s er denkt, wenn ich nur erst mein Geld wieder , habe! — Also weiter!" .. . Aber er konnte nicht weiter; er vermochte sich nicht mehr über diesen Punkt, um den sich jetzt all' seine zerstreuten und unbestimmten Gedanken von früher konzentrirten, hinwegzusetzen. .„Iwan und das Gewissen!?" dachte er weiter. Er stellte sich in dem Augenblicke den . stets betrunkenen Iwan vor, wie er so polternd und lamentirend sich aus der Wirthschaftsbank streckt; sein struppiges Haar, seine feuerrothe Nase, seine wilden, unheimlichen Augen, als er damals die Drohung gegen ihn ausgestoßen. „Iwan und Gewissen! Hat er überhaupt eins? Aber was geht mich auch in aller Welt Iwan und sein Gewissen an? Und wie.gehört dies hierher? in den Gottesdienst?" ärgerte er sich über sich, selbst. — —— „Oleinu Leschabeiach" bemühte er sich, der betenden Gemeinde sich anzuschließen.- „Was magheute nur in seinen Sinn gekommen sein? Woher diese Freundschaft, dieser plötzliche Gemüthswechsel des wilden Gesellen?" — „Aber kann ich denn^ heute gar keine Kewonoh mehr finden?" — „Woher hat er das. Geld?. Steckt etwas darunter? Und was?" Sollte er mir einen falschen Schein in die Hand gesteckt haben, um mich nachher anzeigen zu können? Aber das ist.ja un-' möglich?. Ich habe ihn doch in'zwei Wechselstuben nach-' sehen lassen, und beide Male sagte man mir, der Schein sei echt. Aber gleichviel! „Uzu eizoh wessufor", murmelte und flüsterte es um ihn von allen Seiten her. „Machet Rathschläge", betete auch er zum ersten Male an' diesem Abend mit Andacht und. Innigkeit, „schmiedet Pläne — ne werden zerstört. Redet das Wort — es wird nicht vom Bestände sein. Denn mit, uns ist Gott" u. s. w, , ' , / '. Er verließ mit den Ändern das. Gotteshaus. Als Jankel in seiner gemüthlichen und warmen Wohnung anlangte, waren aller Kummer, alle betrübenden Gedanken wie auf einmal verflogen. Es war ihm, als ob die echte Festesfreude^ nach der er sich dic . ganze Zeit schon gesehnt, erst in der behaglich warmen und hell beleuchteten Stube seiner harrte und ihn beim Eintritte in dieselbe begrüßte. . Leioh, die tapfere Hausfrau, hatte heute zu Ehren des Tages, den Tisch mit der braunen Schabbosdecke zur Hälfte gedeckt. Auf dem Fensterbrette stand der Chanükaleuchter, so blank geputzt, daß man sich darin spiegeln konnte. . Leibele war inzwischen heimgekommen; auch der Aelteste trat mit einer Gemoroh in der Hand zur Thür Knaben und einem.noch kleineren Mädchen, den Vater, herein. Und Beide umringten, mitsammt einem kleinen während er singend das Lichtlein anzündete, und stimmten aus voller Kehle das „Moaus" an, wobei sich wieder der liebliche Sopran Leibeles vortheilhaft von den anderen ausnahm.< Jankel durchzog beim Anblicke der. friedlichen Züge seiner Gattin und der glücklichen Gesichter seiner Kinder ein so mächtiges Gefühl der Freude, des beseligenden Glückes, daß . er laut hätte aufjauchzen mögen. Er begriff es gar nicht mehr, warum und was ihn eigentlich früher betrübte, und aus voller Brust stimmte er in den Gesang der Kinder ein. Leioh hatte sich darauf in der Küche zu schassen gemacht. „Wenn er, gesund solle er sein, daheim,- da gibt es schon zu thun, man macht.es aber gern." V. Der Samovar. der sonst nur an Festen in Funktion tritt, soll heute.zu Ehren des Chanuka so-, wohl, wie zu Ehren des Gatten, der sonst nur selten während der Woche einen Abend in der Familie verlebt, angesteckt werden und das Nachtessen überhaupt ein dementsprechendes sein. V * ... Der Bachur, der gerade heute die Tageskost bei Jankel hatte, kam etwas frühzeitiger als sonst, und mit ihm noch zwei einheimische Jeschiwohfreunde des Aeltesten. Bald kam auch ein Nachbar und Geschäftsfreund von Jankel^ der die Gelegenheit benutzen wollte, ihn zu besuchen. Auch Leioh bekam iy der Küche den Besuch von Scoroh, der Almonoh, da sie in aller Eile einige wichtige Neuigkeiten mittheilen wollte, und sich sodann von Leioh in die Stube an den warmen Ofen nöthigen ließ. Eine lebhafte, vielseitige Unterhaltung entwickelte sich, währenddessen die zwei Kleinen dicht vor dem Chanukaleuchter standen und kein Auge von dem Lichtlein abwendeten, das lustig flackerte und einen vertrauten, kleinen Kreis von glücklichen und zufriedenen Gesichtern beleuchtete. „ ' Zwischen den Jeschiwohhörern entspann sich bald wie von selbst eine rege talmudische Diskussion über eine schwierige Stelle in der Gemoroh in der Schito von „Eidim saümmemin," bei der zwei Gegensätze sich scharf gegenüber standen. Ehrfurchtsvoll brachen die anderen in ihrer Unterhaltung ab und lauschten den ihnen unverständlichen Worten. Auch Jankel, der sonst sich in einen Perek Mischnaios gut hineinsinden konnte und auch im Einjakauw ziemlicb Bescheid wußte, vermochte nicht, dem Gang der geistreichen und scharfsinnigen Disputation zu folgen. Aber nichtsdestoweniger ließ er kein Auge von den muthigen Kämpen, von denen ein jeder unter den mächtigsten Gestikulationen seinen Standpunkt zu vertheidigen suchte, als ob es sich hier um Leben und Tod handele. . Der inzwischen erschienene, dampfende- Samovar konnte endlich Frieden stiften und beim Schlürfen des duftenden Thees einigte man sich schließlich dahin.