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Der Israelit · 1902-12-30 · Heft 103-104 (30.12.1902) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 103-104 (30.12.1902)
Date
1902-12-30
Page
– (sequence 19)
Language
German
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2203 haben. Wir gestehen es aber ebenso freimnthig. daß diese Hoffnungen nicht ganz in Erfüllung gegangen sind und wir halten es im Interesse der Sache für dringend nothwendig, uns mit den Männern, welche die Führer unseres religiösen und geistigen Lebens sind, zu verständigen." „Gewisse" Hoffnungen sind in der Regel höchst ungewisse. Wenn selbst diese unerfüllt geblieben sind und die „Allgem. Zeitg. d. Judenth." ihren gehätschelten Schützlingen nun erklärt, daß diese Hoffnungen nicht ganz erfüllt wurden, so kann man ihr das Zeugniß nicht versagen, daß sie hübsch säuberlich mit dem Knaben Absalom umgeht. Aber so dick auch der Zucker über die Pillen gestreut ist, es bleibt den ehrwürdigen, geistlichen Führern noch Bitteres genug übrig, wenn . ihnen diese Pillen von so wahlverwandter Seite zum Schlucken kredenzt werden. Wenn diesen Männern in allen Variationen unter die werthe Nase gehalten wird: „Möchten diejenigen, an denen es liegt, diese Neubelebung zu erwecken, die Zeichen der Zeit verstehen! -Von ihnen erwarten wir, daß sie mit M u t h und Thatkraft uns der Entwickelung zuführen.-- Diese Aufgabe, voranzuschreiten, haben unsere Rabbiner, und in Deutschland vor allem die „liberale Rabbiner-Vereinigung." Diese Aufgabe besteht darin, daß sie mit Entschiedenheit und M u t h nach dem hohen Ziele streben u. s. w." . so ist damit gesagt, daß sie ihren höchsten Götzen, die Zeit und ihre Zeichen, nicht verstehen, daß man von ihnen Muth und Thatkrüft und Entschiedenheit und wieder Muth— erwartet, daß man ihnen also diese Postulate abspricht, kurz, daß sie von ihrem eignen Anwalt preisgegeben sind. . Das genügt so vollständig, daß nichts hinzuzufügen übrig bleibt. Das Pensum, das sich diese Zeilen gestellt, ist damit erledigt. ' Die herrlichen Blüthen, welche diese Leistung noch sonst in ganz ungewöhnlicher Hülle und Fülle, in allen Ecken und Enden zum Besten gibt, verdienten eine besondere Darstellung. Ein Vlümlein für das Herbarium unserer orthodoxen Rabbiner sei hier noch beigefügt, damit sie wissen, wie der jüdische Liberalismus und seine Wortführer in Wirklichkeit über sie denkt. „Als der Rabbinerverband begründet wurde, sprach man auf liberaler Seite die Befürchtung aus, daß durch diese Vereinigung liberaler Rabbiner mit den orthodoxen, vielleicht die Interessen des Fortschritts und der Reform im Judenthum Schaden nehmen könnten. Man begrüßte deßhalb in unseren Kreisen die Vereinigung der liberalen Rabbiner mit aufrichtiger Genugtuung, weil man von ihr erhoffte, daß sie der drohenden Versumpfung des religiösen Lebens wirksam entgegen treten würde-." Also, die Liberalen sind die Männer des Fortschritts, oder, wie es an einer anderen Stelle heißt: „sind Männer erleuchteten Geistes, sie sind erfüllt vsn tiefer Liebe zum Judenthum, sie sind begeistert für den Fortschritt des Judenthums und der Menschheit;" die Orthodoxen sind die Männer der Versumpfung, jeder Anschluß an sie schädigt den Fortschritt und droht mit Versumpfung! Das ist ja ganz Verbandsbrüderlich gedacht, und wer sich in einem Verbände wohl fühlt, dessen treibende Elemente so denken, den sollte man eigentlich in seiner Ruhe nicht störest. Prächtig sind auch die Zaunpsahlwinke und Rathschläge, welche die „Allg. Zeitg. des Judenth." ihren geistigen Führern und Lehrern gibt. Sie will den' Zwiespalt zwischen Religion und Leben aufgehoben wissen, aber wie? Das historische Judenthum soll leben bleiben, nur der Kopf soll ihm einwenig abgeschnitten werden, nur das Faß soll zerschlagen werden, der Wein aber unversehrt erhalten bleiben, und wenn - die Herren Führer so freundlich sind, diesen Weg voranzugehen, dann will der Redakteur der „Allgem. Zeitg. des Judenth." folgen und läßt seinen „Mehr Mnth- Artikel in die salbungsvollen Worte ausklingen: „Schreitet voran, Ihr Männer der Lehre,_ wir folgen Euch!" - - ZsLLrmgr ttsLMchLsN rms Tsrrespondemen. Deutschland. Berlin, Ende Dez. Die „Jüdische Arbeiter-Kolonie in Weißensee," Wörthstraße 20, welche gegenwärtig 60 Kolonisten in den verschiedensten Berufszweigen beschäftigt, entwickelt sich in erfreulicher Weise. Die Verwaltung hat beschlossen, mit Rücksicht auf die große Zahl der um Arbeit Ansprechenden, die Anzahl der Betten nunmehr auf 75 zu erhöhen. Bisher sind 8678 Verpflcgungstage einschließlich der Feiertage zu verzeichnen. Für Verpflegung sind 4122 Mark verausgabt: an Arbeitslöhnen haben die Unternehmer 3618 Mt., gezahlt, und den Kolonisten wurden außerdem an Accord-Ueberschuß 1228 Mk. gutgeschrieben. 8 Kolonisten, welche in der Anstalt ein Handwerk-erlernt haben, sind von der Verwaltung in Berliner Werkstätten mit auskömmlichem Einkommen untergebracht, während 6 Ausgelernte in die Heimath zurückgekehrt sind, um mit ihren Ersparnissen in den erlernten Handwerken sich selbstständig zu machen. Auch die Arbeit- 8 geber sind mit den Erfolgen ihrer Thätigkeit zufrieden, | da sie bei den billigen Arbeitslöhnen von 70 Pf. pro 8 Arbeitstag bei miethsfreien.Arbeitsräumen gut vor- 8 wärts kommen. Die Verwaltung hat noch mehrere I schöne Werkstatträume an solide Unternehmer miethsfrei zu vergeben. Reflektanten erhalten bereitwilligst von den Vorsitzenden der Kolonie, Maurer-

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