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Der Israelit · 1902-12-30 · Heft 103-104 (30.12.1902) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 103-104 (30.12.1902)
Date
1902-12-30
Page
– (sequence 18)
Language
German
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2202 gionsbekenntnisse. Dort liegen die Verhältnisse doch wesentlich .anders, und dort ist cs auch vor allem die weltliche Macht, die das religiöse Gesetz schützt und erhält. Bei uns aber, wo — w i r d ü r s e.n wohl alle sagen: Gott sei Dank — eine so weltliche Macht nicht vorhanden ist und alles in freiem Fluß sich befindet, bei uns vor allem müßte darauf Bedacht genommen werden, den Einklang zwischen Lehre und Leben herzustellen, oder mindestens einen Ausgleich zwischen beiden anzubahnen." Dieses Gott sei Dank verdient niedriger gehängt und für alle Zeiten zur Bestätigung der Wahrheit festgenagelt zu werden, daß es heute noch Wunder gibt. Die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" dankt Gott dafür, daß bei uns keine weltliche Macht vorhanden ist, und daß alles sich ln freiem Fluß befindet?- Ich fühle mir den Puls und möchte ihn ihr fühlen, ob das alles kein neckischer Traum und kein Fieberphantasie- Gebilde ist! Die „Allgem. Zeitung des Judenthums"? Seit länger als dreißig Jahren ruft sie Himmel und Hölle für den staatlichen Gemeindezwang an, eifert und wettert sie gegen das bischen freien Fluß, den das Gesetz über den Austritt aus den Synagogen-Gemeinden bedeutet, das jedem die bislang staatlich bevormundete Freiheit zurück gibt, sich von den durch sie hier geschilderten unseligen Zuständen loszusagen und durch Anschluß an ein von diesem Jammer freies Gemeinwesen auf eigene Faust nach seiner Facon selig zu.werden, und. jetzt dankt sie Gott für das, was sie so lange und so fanatisch bekämpft hat? Wenn sie keine rb-jz wenn aus der Saula leine Paula geworden ist, so steht man hier vor einem leibhaftigen Zeiiräthsel! Wenn sie den Namen Gottes nicht zum Falschen ausspricht, wenn sie Gott ehrlicher Weise dafür dankt,, .daß es bei uns keine weltliche Macht, sondern einen freien Fluß gibt, so wird sich das nicht nur in ihren Sympathien für die Israelitischen Religionsgesellschaften und Separatgemeinden äußern, sondern sie wird noch einen Schritt weiter gehen. Sie wird, die Trennung von Staat und Kirche, zu der'sie sich hier bekennt, nicht wieder verleugnen, indem sie für ein preußisches oder gar deutsches Staatsjudenthum eintritt, sie wird die Tendenzen des. „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes", wenn er sich zu einer jüdischen Zentralbehörde aufspielen möchte, auf Grund dieses ihres Gottesdankes konsequenter Weise mit so viel Verstand und Unverstand bekämpfen, wie sie dieselbe bisher vertreten hat. Konsequenter Weise? Wie sie mich bereits berückt hat, durch den bloßen Umstand, daß sie den Namen Gottes einmal im Munde führt, daß ich wirklich noch in ihren alten Tagen an die Möglichkeit einer Konsequenz bei ihr glaube! Daß' einmal eine Zeitung, eine „Zeitung des Judenthums", erstehen sollte, mit der Konsequenz einer Wetterfahne, die. über dem Strich den Verfall des Judenthums beklagt und unter dem Strich die Ehen zwischen Juden und Christen verhimmelt, das konnte selbst der durch ihre Weisheit geschärfte prophetische. Blick unserer Weisen nicht voraussehen! —; Aber man braucht nicht erst Spitzenaufsatz und Feuilleton dieser Zeitung miteinander zu vergleichen, um die Konsequenz zu vermissen. In einem und demselben Artikel tummeln sich die Widersprüche und Inkonsequenzen mit einem. Behagen, welches zeigt, daß sie sich in den Spalten dieses Blattes in ihrem Elemente wissen. Fast in demselben Athemzuge, in dem hier von der Verzweiflung der Gebildeten an der Zukunft des Judenthums gesprochen und behauptet wird, „daß nur sie selbst für ihren Theil und während ihres. Lebens sich nicht von der Gemeinschaft entfernen wollen." heißt es in der folgenden Spalte, aber noch auf derselben Seite, zur Begründung der Nothwendigkeit des an sich geforderten Ausgleichs, wörtlich: - „Gerade in unseren Tagen ist wieder das Bediirfniß nach einem solchen Ausgleich ein großes, denn es ist nicht zu leugnen, daß sich, wahrscheinlich entsprechend dem Leben um uns, auch bei uns ein stärkeres Religionsbedürfniß herausgebildet hat, das nach Befriedigung sich sehnt. Wohin wir auch blicken, überall macht sich der gleichmäßige Drang und das innere Bedürfnis nach religiöser Belehrung geltend, ein Bedürfniß, das, wenn auch die entsprechende Form an verschiedenen Orten sich verschieden manifestirt, doch in der Wurzel als ein gemeinsames, das religiöse Gefühl hebendes und freudige Hoffnungen erweckendes sich zu erkennen gibt." . Kann man unparteiischer sein, als dieses „unparteiische Organ für alles jüdische Interesse?" In der einen Spalte entferrKn sich die Gebildeten vom religiösen Leben, in der anderen hat sich ein stärkeres Religionsbedürfniß herausgebildet, und der Leser hat nun die Wahl, ob er die erste oder zweite Spalte für Ernst nehmen will, ob er die eine oder andere für wahr halten soll, oder beide, oder keine von beiden. Kann man seine Leser besser zur Unparteilichkeit erziehen, als es hier geschiehtL. Die „Allgem. Zeitg. des Judenth." scheint sich im Augenblick für ihre zweite Version zu entscheiden, also nicht für die religiöse Fahnenflucht, sondern für das religiöse Bedürfniß, vermuthlich weil sie auf diesem Wege rascher zum Ziele kommt, sich mit ihren liberalen Weingrätnern im Weinberge des Herrn auseinänderzusetzen. Sie schreibt daher wörtlich: : „Diesem Bedürfniß müßte man mit allen Mitteln i entgegenkommen, und in erster Reihe sind hierzu unsere | Rabbiner berufen. Wir gestehen es offen, daß wir auf \ die Versammlung der liberalen Rabbiner Deutschlands, j die am 9. Juli d. I. in Frankfurt a. M., im Anschluß j an die Tagung des „Rabbinerverbandes" siattgefunden, nach dieser Richtung hin gewisse Hoffnungen'gesetzt

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