Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 103-104 (30.12.1902)
- Date
- 1902-12-30
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Jahrgang, -— Scfcrnitnijfe diitr jiMnolra Steif. Berlin, 22. Dezember. Wie sich die „Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands" unter orthodoxer Beleuchtung ausnimmt, habe ich in den der jüngsten Versammlung dieser Herren gewidmeten Aussätzen zu zeigen versucht. Wenn sie dabei in nicht sehr günstigem Lichte erscheint, so mag man leicht geneigt sein, das auf Rechnung des orthodoxen Laternenanzünders zu setzen. Ich lasse deßhalb hier noch die Kritik eines liberalen Blattes folgen, in der die Herren nicht viel besser wegkommen. Es ist die „Allgemeine Zeitung des Judenthums", die unter dem Titel „Mehr Muth" die Leistungen der Herren Revue passiren läßt. Wenn man die Glacehandschuhe und die Rücksichten abzieht, die eine Krähe für die andere übrig hat, so bleibt noch genug zwischen den Zeilen übrig. In seinem schlecht verhüllten Unmuth läßt das Blatt dem Gehege seiner weisen Lippen aber noch ein ganzes Mandel Stoßseufzer entschlüpfen, die sehr lehrreich und mindestens sehr ergötzlich sind. Sie sind für die Kopf- und Rathlosigkeit der Richterin und der Gerichteten, sowie für die Zerfahrenheit und Aussichtslosigkeit der ganzen Situation ungemein charakteristisch. Was also die „Allgemeine Zeitung des Judenihums" an den Männern ihrer Wahl im Allgemeinen auszusetzen hat, das ist der Mangel an Muth. Wohlverstanden, an Muth.fehlt's ihnen eigentlich nicht. Der Unmuth und M i ß m u t h über das Verfehlte ihrer Bestrebungen und Erwartungen tritt überall zu Tage. Auch an Uebermuth ist nichts weniger ols Mangel, sobald es dem Ansturm gegen die Gesetze der Thora und der Weisen gilt, nur der Muth «ans ' phi-dse.bm man auf Deutsch Kourage nennt, ist ihnen ausgegangen, soweit sie ihn je gehabt haben. Männer ohne Muth sind aber, auch wenn sie dem liberalen Rabbinerstande angehören, nicht geeignet, viel Achtung einzuflößen, was die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" zwar nicht ausdrücklich sagt, da ihre Mahnung nach mehr Muth ja immer eine gewisse Dosis, wenn auch keine genügend große voraussetzt. Auch der Weg, auf dem sie zu dieser Mahnung kommt, ist interessant. Es ist die Sorge, welche ihr die Entwickelung der Verhältnisse innerhalb der deutschen Judenheit bereitet. Sie spricht zwar nicht von der deutschen Judenheit, sondern vom deutschen Judenthiim, da für sie so viel Judenthümer existiren, als es Staaten gibt. Aber wahrscheinlich meint sie die Verwirklichung und praktische Bethätigung des Judenthums innerhalb der deutschen Judenheit. Da sieht und malt sie nun alles Grau in Grau. Ihre Gebildeten entfernen sich von dem religiösen Leben, selbst die durch den Antisemitismus zurück Gerufenen wollen von dem religiösen Leben nichts wissen. Der Kreis ihrer Gebildeten verzweifelt an der Zukunft des Judenthumsj die Majorität der deutschen Juden steht ihr außerhalb des Religionsgesetzes. In den Synagogen und Schulen wird das letztere fast in seinem vollen Umfange als verbindlich dargestellt, die Rabbiner und Lehrer werden verpflichtet, an diesem Religionsgesetz festzuhalten, während diejenigen, die sie dazu verpflichten, es zuerst und am öftersten übertreten. Wenn das wahr ist, und für die wahlvertvandten Kreise der „Allgem. Zeitung des Judenthums" mag das ja in mancher Hinsicht seine Nichtigkeit haben, so müßten die Orthodoxen ihrer ganzen Natur und Anlage nach diesen Zwiespalt am ersten und tiefsten , empfinden. Unsere immergrüne „Allgemeine" orakelt dagegen wörtliche ' . ■ :- : „An der Wahrheit dieser Thatsachen wiri» Niemand zu rütteln wagen, auch der fanatischste Orthodoxe nicht." " Wer dieses „auch" versteht, bekommt die Hälfte. Nein, nein, dem Orthodoxen und gar dem fanatischen, fällt es gar nicht ein, an diesen Thatsachen zu rütteln, denn er leitet aus ihnen das Recht seiner Orthodoxie und die Nothwendigkeit seines Fanatismus her. Er rüttelt nicht nur nicht an diesen Thatsachen, er erkennt sie an, wo sie wirklich vorhanden sind, aber nicht durch sauersüßen Stoßseufzer nach dem vorliegenden Rezept, sondern durch die That seines Austritts aus einer Gemeinde mit so unmöglichen, wahrheitswidrigen und widernatürlichen Zuständen. Und die aus einer solchen Gemeinde Tretenden, welche sich zu einem neuen Gemeinwesen zusammenfinden, in welchem es keinen so himmelschreienden Jammer gibt, dürften dann gar noch auf den Beifall der „Allg. Zeitg. d. Judenth." rechnen? Auch wenn sie, was, falls die Berderbniß so allgemein ist, gar nichts anders sein kann, richtige Separatgemeinden wären? Orthodoxe Separatgemeinden? Anerkannt und privilegirt von der „Allgem. Zeitung des Judenthums"? . - Fast scheint es so; ja, es geht beinahe mit Evidenz aus dem nun folgenden Passus hervor, wenn es hier heißt: „Verhält es sich nun in der That so, so wird die weitere Frage gestattet sein: Ist denn ein solcher Zustand dauernd möglich,-und wie kann sich eine Gemeinschaft behaupten, die in solchem Zustand lebt? Man komme uns nicht mit dem Hinweis auf andere Reli-