Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 103-104 (30.12.1902)
- Date
- 1902-12-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Das Ehrengeleite, das beinahe die ganze Gemeinde ihm auf seinem letzten Gange gab, legte beredtes Zeugniß ab von der hohen Achtung und Liebe, die er überall genoß. An der Bahre des Dingeschiedenen hielt unser hochverehrter Herr Oberrabbiner M. Fuchs einen herzergreifenden Hesped. Möge Gott die schwergeprüfte Familie und unsere Gemeinde trösten. < * England. London. In dem Kampf um den Sabbat haben die jüdischen Bäcker endlich einen glänzenden Sieg erfochten. In einer am 10. Dezember abgehaltenen Versammlung der Londoner Bäckerinnung wurde beschlossen, die seit April dieses Jahres durch Denunziationen und Strafanträge verfolgten, am Sonntag ihre Läden offenhaltenden jüdischen Bäcker fortan in Ruhe zu lassen, falls diese den Nachweis führen, daß sie am Sabbat ruhen, und also nicht sieben Tage in der Woche arbeiten. In der Versammlung wurde vorgebracht, daß in dem Kampf, in dem 5000 christliche Bäcker gegen 40 jüdische gekämpft hatten, erstere über 630 Lstr. Prozeßkosten, aber nicht den geringsten Erfolg gehabt haben. Die Gerichte nahmen sehr widerwillig die Anzeigen entgegen und verhängten über die' „Sonntagsentweiher" so lächerlich geringe Strafen.5 daß sie eher ermunternd, als abschreckend gewirkt haben. Da überdies auch das Publikum sichtlich Partei für die angegriffenen jüdischen Bäcker nahm, wollen die christlichen Bäcker fortan geduldig zusehen, wie ihre jüdischen Concurrenten dreist das „Gesetz des Königs Georg" (aus-Olims Zeiten) übertreten und das Publikum des Sontags mit frischen Semmeln versorgen. London. Die famose Liga der „Britischen Brüder", welche seit zwei Jahren in London den Fremdenhaß propagirt und durch einige tumultuarische Ver-. sammlungen im Stile der Wiener und Berliner Antisemiten die arme jüdische Bevölkerung Qstlondons'in hohem Grade beunruhigt hat, wird sich demnächst auflösen. Der Antisemitismus ist eben in England noch nicht spruchreif und eine Gesellschaft, welche den Judenhaß, wenn auch noch so versteckt, auf seine Fahne geschrieben hat, ist in London auf die Dauer nicht lebensfähig. Daher wurden die „Britischen Brüder" von den klaffenbewußten Arbeitern ignorirt und von den besseren Ständen ostentativ gemieden. Von den angeblich nach Zehntausenden zählenden Mitgliedern haben kaum 3.000 das Eintrittsgeld und nur wenige Hunderte die regelmäßigen Mitgliedsbeiträge entrichtet. Der Gründer und erste Vorsitzende der Liga, Mr. William Shaw, . hat sich von ihr zurückgezogen, als er merkte, daß eine Anzahl , dunkler Existenzen sich in derselben breit zu machen anfingen und daß die Liga immermehr zum ^.Tummelplatz des Antisemitismus gemacht wurde. Als endlich auch Major Evans Gordon nach seiner Rückkehr auö Rußland feine früheren Ansichten, über die Schädlichkeit der Fremdeneinwanderung gründlich revidirt hatte, sah sich die Liga ihrer letzten Stütze be«. raubt und beschloß, sich aufzulösen. Aus den Trümmern derselben sollen die Bausteine zur Gründung einer neuen Gesellschaft entnommen werden, die sich zur Aufgabe machen wird, auf die strenge Durchführung der bereits bestehenden Wohnungsgesetze zu dringen, wodurch die Uebervölkerung und die Wohnungsnoth Ostlondons wesentlich gemildert werden könnte. Hoffentlich wird dieser Versuch ernst gemeint und kein Vorwand sein, um unter diesem unschuldigen- Deckmantel weiter in England im Antisemitisums zu machen. — P a l 8 st in a. Jerusalem. (Vier neue jüdische Colo n i e n i n Pa l ä st i n a.) Seit dem Uebergang der Rothschild'schen Colonien in Palästina in die Verwaltung der „I. C. A." hat sich in Bezug auf die Kolonisation Palästina's ein neues Prinzip siegreich Bahn gebrochen, dessen konsequente Durchführung für die Zukunft der Colonisation Palästina's von ungeahnter Tragweite werden dürfte. Im Gegensatz zu der früheren Praxis, welche die Colonisten unablässig am GangelbaNde führte, werden jetzt einzelne Colonisten gar nicht und ganze Colonien nur insolange unterstützt, als eine Unterstützung absolut unumgänglich ist. Auf Grund, dieser neuen Praxis werden neu zu gründende Colonien gleich am Beginn mit allem zum Betrieb der Landwirthschaft absolut. Nothwendigem versehen und dann „völlig sich selber überlassen," selbst auf die Gefahr hin, daß der eine oder der andere Colonist sich später als minderwertig erweisen und zu Grunde gehen sollte. Auf dieser Basis sind nun in den letzten drei Jahren in Palästina vier neue jüdische Colonien, und zwar Sedjera, Meska, Jama und Dalayke gegründet worden. Alle vier Colonien sind im östlichen Galiläa, nicht weit von Liberias, gelegen, und haben einen Gesammtumsang von 4100 Ha.. Dieselben werden zur Zeit von 6 Pachtern, 60 Tagelöhnern und 68 Colonisten bewohnt. Letztere stammen aus den übervölkerten resp. an Landknappheit krankenden, alten Colonien Sichron Jakob. Methule und Rosch-Pina. Die Jnstallirung einer einzelnen Colonistenfamilie ist in diesen vier neuen Colonien im Durchschnitt auf 11,000 Frs. zu stehen gekommen. Nach Anwendung dieses Betrages wird jeder Colonist, nach Abzug des Zehnten, des Getreides und des Futters für Menschen und Vieh, sowie der Saaten, allein aus dem Getreidebau eine Jahreseinnahme von 1000 bis 1200 Frs. haben, 'wozu noch die Einnahmen aus der Viehzucht hinzukommey. Diese Einnahmen haben nach den Mittheilungen des Begründers der neuen Colonien. Herrn Margulies KatvareiSki, die Colonisten von Meska und Jama schon in diesem Jahre gehabt. Die Jnstallirung der drei Colonien hat