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Der Israelit · 1902-12-23 · Heft 101-102 (23.12.1902) · page 35

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 101-102 (23.12.1902)
Date
1902-12-23
Page
– (sequence 35)
Language
German
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2183 den Hängelocken, mit der Jarmalka, dem alten Mantel und jenem,hohen Stabe, wie man dies heutzutage kaum irgendwo noch sieht. Abraham blickte ihn an, aber da er in ihm nicht den Ersten dieser Art sah, brauchte er nicht lange zu forschen, um ihn kennen zu lernen. „Sehr schön ist es von Euch," begann der Alte, „daß Ihr die arme Familie nicht vergessen habt. Machten es doch nur Alle so," und hinzufügte er die Worte aus dem Buche Nedarim: „Achtet die armen Söhne, denn durch ste erhält die Glaubenslehre Licht!" Der Warschauer lächelte leichthin über dies Citat aus dem Talmud. Gehörte er doch zu denjenigen, welche, da sie den Talmud gar nicht kennen, ihn verlachen und verachten. „Ich möchte in der That," warf er nachlässig hin, „einen Menschen aus ihm machen, aber nicht einen solchen, wie man ihn auf dem Dorfe machen kann. Es wird Zeit, daß die Juden in der Gesellschaft den ihrem. Verstände und ihren Talenten zukommenden Platz einnehmen, und daß sie sich daher nicht mehr freiwillig ausschließen!" Abraham seufzte tief und sprach: „Vielleicht wäre dies zu unserem Heile! Aber wie soll man sie auf diese Reise ausrllsten, auf daß sie nicht aufhören, Juden zu sein?!" Und nach kurzer Pause fuhr er langsam fort: „Das Volk Israel, sagt Resch Lakisch (Chullin 92) ist zu vergleichen mit einer Weinrebe. Ihre Zweige sind die gewöhnlichen Leute, die um das Vrod arbeiten, ihre Beeren: die Gelehrten, ihre Blätter: die Ungebildeten und Handlanger; und ihre unreifen sauren Trauben sind die Müßiggänger." Ob ihm nun gegeben ward, ein Blatt, ein Zweig oder eine Beere zu sein, wenn er nur keine unreife, saure Traube wird — immer kommt es dem Volke zu statten!" „Ah! Eine Beere gedenke ich durchaus nicht aus ihm zu machen!" unterbrach ihn. unser Verwandter. „Möge er ein Zweig werden, aber ein gesunder und kräftiger!" „Ganz recht!" bestätigte Abraham. „Die Beeren schafft Gott allein, den Zweig — die Erde!" „Also rathe ich Euch," sprach weiter der Magnat, „zunächst den Jungen, nachdem er zu Hause sich etwas vorbereitet, in die gewöhnliche Schule zu schicken und ihn mit den anderen Kjndern zusammen unterrichten zu lassen." „Werft ihn. tvie Gold, in das Feuer auf Probe," sprach Abraham. „Ist er von Gold, wird das Fetter ihm nichts thun; ist er von Moder, so wird er Verladern!" „Man sagt, er zeigt Fähigkeiten," fuhr der Verwandte fort, „daraus rnuß man Nutzen ziehen." „Wenn er nur den Glauben nicht verliert!" unterbrach ihn Abraham. „Deßhalb denke ich, daß man ihn nicht zu schnell aus dem Hause gibt, bevor er einen so festen Grund in der Bundeslehre gelegt, daß ihn später nichts mehr in ihm zu erschüttern vermag. . Will der Töpfer auf irdenem Gefäß die Inschrift dauernd machen, so nimmt er es nicht feucht aus der Werkstatt, sondern trocknet es aus in der Sonne!" Der Warschauer erwiederte nichts. Diese Manier des Alten, immer in Gleichnissen zu reden, war sichtlich nicht nach seinem Geschmacke. „Wie alt ist der Junge?" fragte er sogleich und schüttelte nach erhaltener Antwort das Haupt. „Habt Ihr hier eine kleine Schule, so könnt Ihr ihn dahin--, schicken." , . /I „Warum nicht?" meinte Abraham, „aber da^ arme Kind müßte dort viel aushalten!" . ' . „Aber wer von uns hätte dies nicht durchgemacht?" rief der Magnat mit dem ihm eigenthümlichen Stolze. „Ich, wie Ihr mich hier seht, ich besitze heute ein-Paar: Millionen, vielleicht noch mehr, und ich habe auch ehedem Schuhwichse und Zündhölzer auf den Straßen der-: kauft!"— Der alte Abraham neigte vor ihm schweigend.das Haupt. Er flüsterte nur den Vers aus dem Buche der Richter, welchen die Rabbiner also übersetzen:,, Man muß die Sonnengluth ertragen, wenn sie auch noch so., lästig wird, denn sie ist der Welt nöthig!-"> - Dann legte er die Hände auf mein Haupt, segnete mich, leise betend, und neigte sich zur Mutter, sie möge ganz ruhig sein. Hierauf begann er mit dem Angekommenen ein gleichgültigeres und allgemeineres Gespräch. •' Obgleich ich damals noch ein kleines Vürschen war,. erinnere ich mich noch heut dieser Szene. Es traten in ihr bald noch mehr Handelnde und Zuhörer auf; denn auch die anderen Verwandten der Mutter, die sie früher nur wenig kannten, sowie auch Neugierige und Diejenigen, welche auf Ansehen und. Beachtung Anspruch'- hatten, und die jüdischen Patrizier des Städtchens — -sic Alle lamen herbei, nachdem sie die Ankunft des großen Mannes erfahren hatten. Dann entfernten sich die Frauen. Die Kinder schickte man fort, und es.be-. gann eine leise Unterhaltung, deren Inhalt ich erst viele Jahre später erfuhr. Unser Verwandter, den Abraham und die Uebrigen über allgemeine Volksangelegenheiten eifrig auszuforschen begann, wurde immer klarer und verständlicher, als er den Kleinstädtern die damals schon unter den Israeliten im Königreiche umlaufenden neuen Ideen weitläufig auseinander setzte. Er wiederholte und erörterte dabei nur ausführlicher, was er schon vorher in Bezug auf mich gesagt hatte: daß nach dem Anerkenntniß aller am Rüder der Nation Stehenden, die Israeliten sich bestreben müssen, aus dem Kreise herauszugehen,' in welchen übertriebene Besorgniß um den Glauben und ihre bedrohte Nationalität sie eingeschlossen hält. „Lange und viel haben wir gelitten," sprach er. „Zeit ist's, die Früchte zu sammeln. Wir müssen einen Standpunkt einnehmen, wie er uns, einem der ältesten Völker, in der Welt gebührt. Wir besitzen Schärfe des Geistes, die Fähigkeit zu jeder Kunst und

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