Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 101-102 (23.12.1902)
- Date
- 1902-12-23
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449795-2449888--57315-2520021- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3182 und Christen verachten! Mag er lieber bei seinen tern bleiben!":- -Aber warum soll er nicht bei ihnen bleiben?" crwiederte der Reiche. „Wollt Ihr ihn lieber — aus kindischer Furcht — schwachköpfig, arm, in Lumpen und in diesem Elende sehen, in welchem Ihr lebt? Oder als solch'einen, wie ich bin? .Ihr seht doch, daß ich trotzdem Jude Lin, daß ich in die Schul' gehe, daß ich den Bund halte, obschon vielleicht nicht so blindlings, wi^Jhr.•;/*.;;; }. " . . „Dieses ganze Gespräch prägte sich mir tief in das Gedächtnis ein. Es entschied über das Geschick meines Lebens. ^Hundertmal hörte ich es die Mutter wieder- - holen. Just bei diesen Worten war, nachdem er die Ankunft unseres verwandten Magnaten aus Warschau erfahren, der alte Abraham M a ch n o w i e c k s, das Orakel der Juden im Städtchen, eingetreten. Soll ich Ihnen diesen Typus beschreiben, obschon Sie das Zuhören vielleicht schon langweilt?" fragte Jakob. „O nein! nein!" entgegnete Jwas. „Sprechen Sie!- Ich höre mit Interesse zu, und sollten Sie mir zwei oder drei Tage erzählen!" „Ich trug Bedenken," sprach Jakob weiter, „denn die Figur Abrahams ist und war bei uns ziemlich häufig und ich habe vielleicht noch manche ihr ähnliche im Verlaufe meiner Lebensbeschreibung zu erwähnen. Aber ich bekenne Ihnen, daß es mir angenehm ist, von alledem zu reden. Ich breite diese Erinnerungen, vor Ihnen, wie vor mir selber aus, wie jenen alten, verschossenen Teppich des morgenländischen Märchens, der, wenn man sich auf ihn setzte, sich in die Wolken erhob! Sprechen wir also von Abraham. Dies war ein alter, polnischer Jude, fast möchte ich sagen, ein jüdischer Polak, obgleich er selbst keinen deutlichen Begriff von dieser Doppeleigenschaft hatte, welche Mickiewicz mit poetischem Gefühle in seinem „Jankiel" malte, er, der die Anhänglichkeit an das Vaterland sogar im Juden zu schätzen verstand. Abraham war ein gelehrter und sehr gescheidter Mann, der echte Typus eines polnischen Juden, der sich, wesentlich von den anderen Israeliten des übrigen Europa' unterschied. Unzweifelhaft wirkte auch auf uns-in-diesem Lande dessen Eigenthümlichkeii ein. hier, wo. alles Leben zur — That wurde. Erst seit es zum vergoldeten Worte umgeschaffen, ward es zur starren Bildsäule, ausgemeiselt von der Hand des Künstlers. Abraham, obschon ein Jude, gehörte zum Lande, mit dem und in dem er lebte. Er hatte Verbindungen mit all' seinen Bürgern. Er kannte nicht nur die Familie, die Lage und das Vermögen eines Jeden, sondern auch dessen Charakter und Einfluß unter den Seinen. Er wußte, wieviel Jemand vermochte und wozu er sich eignete, er kannte seine Verwandtschaften und Verbindungen. Ihn beschäftigte auch Alles,, was der Land betraf, die Landtage, die Ver- . sammlungen. die Kandidaturen, die Beamtenwahlen. Oft. erholte man sich Raths bei und von ihm und in delikaten Angelegenheiten war er ein sehr glücklicher Abgesandter. Man achtete ihn hoch, .denn er war sehr achtungswerth. Man nahm ihn überall gern auf, und, was noch mehr sagt, man setzte ihn — wo keine Gäste waren — auf den Sessel und ließ ihn nicht immer, wie die Andern, an der Thüre stehen. Ohne Abraham konnte man nichts Wichtiges unternehmen. Sein Aeußeres war ansehnlich und schön, sein Wuchs stattlich und sein grauer Bart reichte bis an den Gürtel. Ein schwarzer Rock, eine Zobelpelzmütze und im. Sommer ein schwarzer, breitkrämpiger Hut, sowie ein hoher Stab mit silbernem Knöpft schmückten den Alten und machten ihn schon von Weitem kenntlich, wenn er durch das Städtchen schritt. In seinem Hause, einem der schönsten im Orte, fehlte es niemals an Gästen und Geschäftsleuten jeder Art. Er war ein halber Bankier der Bürger, ihr Vertrauensmann, Vermittler und Be rather, den Meisten lieh oder verschaffte er das erforderliche Geld. Abraham hatte eigentlich nur so viel gelernt, als alle Juden. Aber er besaß einen scharfen, durchdringenden Verstand, große Menschenkenntniß und Lebenserfahrung und, was das Wichtigste war, eine unerhörte Ruhe. Niemals ärgerte er sich, noch zeigte er Ungeduld. Alles ertrug er mit Resignation und freute sich sogar eines Erfolges nur mit Mäßigung. Er war durchaus nicht gesprächig. Das Wort kam aus seinem Munde mit Ueberlegung, langsam, aber entschieden. Man wußte, daß. wenn er etwas versprach, er es unfehlbar hielt, sei es auch mit offenbarem Verlust für.sich selbst. Zugethan seinem Glauben und Brauche, war er dennoch kein Fanatiker. Religionsangelegenheiten berührte er niemals, selbst wenn man ihn danach fragte. Dieses Orakel des Städtchens und der Umgegend, so allgemein geachtet und. an diese Achtung sein Leben lang gewöhnt, besaß nicht einmal den Stolz, welcher in ihm hieraus leicht entstehen konnte. 'Es befahl Niemanden, es zu achten, aber es hatte etwas in sich, was zur Achtung zwang. Sehr sonderbar war es, daß Abraham, der selten irgendwohin ging, in unsere Häuslichkeit kam; so sonderbar, daß man annehmen konnte, unsere Mutter habe, da sie etwas ahnte, diese Vermittelung erbeten. Auf den ersten Blick erschien mir unser reicher Verwandter aus Warschau noch schlimmer neben dem würdigen Abraham. Mich verletzte sein Stolz und die Verachtung, mit der er uns kaum als Europäer behandelte. vielmehr wie Anfänger, mit Geringschätzung, während Abraham sein Volk mit Vertrauen erweckender Würde und Liebe aufnahm. Die Begegnung dieser beiden Männer, dieser esprit fort der schon alles Jüdische von sich abgestreift, und jenes echt biblischen Menschen, war in der That höchst interessant. Unser Verwandter mit dem ganzen Stolze eines großen Mannes, rührte sich kaum beim Anblicke des Alten, der ihm zur Begrüßung freundlich die Hand reichte, und. ohne die Cigarre wegzulegen, fing der aufgeblasene Mensch an zu lachen, indem er den Israeliten anfah mit