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Der Israelit · 1902-12-23 · Heft 101-102 (23.12.1902) · page 33

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 101-102 (23.12.1902)
Date
1902-12-23
Page
– (sequence 33)
Language
German
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[-0-/\AO S E S\fl~ A ROhJ»f> 23. De,. 1902.] MM MEL gslSfi MSN W»; »MM H Zeitgemälde von I. I. KrsszewskL in autorisier er UeberLragung. . 8] ' - - ' '• ‘ ‘ Nach kurzem Schweigen sagte er dann in deutscher Sprache: „Nu! Man wird aus ihm machen müssen einen Menschen!" Alle hörten, obgleich etwas beleidigt, das Orakel demüthig an, denn er war unermeßlich reich und unser ganzes Schicksal hing von ihm ab. „Nu? Was denkt Ihr?" fügte er hinzu, indem er sich an die Mutter - wandte. „Was denkt Ihr? Ich würde ihn schon erziehen, aber nicht auf Eure Manier, gewiß nicht!" Und sich schnell zu Kelmann wendend, begann er: „Juden genug schon gibt es in diesen kleinen Handeln auf Dörfern und in Schenken. Das Alles verkümmert! Und'wißt Ihr, warum? Weil wir nichts lernen!" -- „Wie so?" unterbrach ihn Kelmann. „Wir haben doch etwas gelernt und lernen noch jetzt; der Junge da liest schon die Gemarah!" „Ach was!" rief achselzuckend der Reiche. „Was nützt ihm die Gemarah? Was soll er machen mit der Gemarah? Gedenkt Ihr ihn zu erziehen zum Rabbiner? Wir müssen uns jetzt überall eindrängen und nicht einschließen im eigenen Kreise. Wozu diese Löckchen? Zuwas die Jarmulka? Das Alles sind mittelalterliche Reste! Die Zeiten der Verfolgung sind vorüber! Die Welt steht uns offen. Wir müssen zu Allem bereit sein, unseren eigenen Standpunkt einzunehmen! Der Jude hat Verstand; diesen verdankt er einigen Jahrtausenden der Verfolgung und des Unglücks, diesen Verstand — aber er ist da. Weßhalb soll er nicht dahin gelangen, wohin seither nur die privilegirten Christen gelangt sind? Die Zeiten der Privilegien sind abgeschlossen! Warum soll er nicht ihre Wissenschaften lernen? Kann er nicht trotzdem in der Seele Jude, bleiben?" Bei solchen Reden schwiegen trotz aller Hochachtung für den Reichen, sowohl meine Mutter, als der Bruder. Sie machten ihnen Kummer, denn sie widersprachen ihrer traditionellen Phantasie und Gewohnheit. Ohne unfern Kummer zu beachten, fuhr der Onkel fort: „Er muß stets daran denken, daß er Jude ist. muß seinen Bund in der Tiefe, des Herzens bewahren, aber er muß auch lernen und in die Welt gehn, gleich anderen Menschen, wie es die Juden jenseits der Grenze thum Nu — und die im Königreich erst recht! Ihm sieht man es an den Augen an: er wird Israel keine Schande machen. Ich werde ihn in Erziehung geben, aber ich muß ihn in die christlichen Schulen schicken. Für den Anfang mag er auch hier hingehen.^ Später schickt Ihr ihn zu mir; ich will ihn selbst erziehen!" . *:v.£. Der Mutter that schließlich das Herz weh' um meinen Glauben. Sie befürchtete, ich müßte ihn verlieren. v »•;* . „Ach," sagte sie leise und schüchtern, „Ihr seid ja unser Beschützer und Wohlthäter! Aber Ihr wißt auch/ daß so Viele der Unfern dort den Glauben verließen, und zu Menschen wurden, die auf gleiche Weise Juden

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