Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 101-102 (23.12.1902)
- Date
- 1902-12-23
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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solches möglich? Steht man da nicht vor einem Rgthsel? Durchaus nicht! Die gute Erziehung dieser Eltern war nur eine vermeintlich gute. Keine Regel ohne Ausnahme. Es gibt leider Fälle, in denen die beste Erziehung fruchtlos bleibt.- In den meisten Fällen aber war die Erziehung, wenn man sie richtig betrachtet, doch recht mangelhaft. Entweder begann die Erziehung zu spät, oder die Erzieher ließen es an der nöthigen Energie oder Konsequenz, oder Ueberwachung fehlen. Die Eltern tragen daher meistens selbst die Schuld an der Entartung ihrer Kinder, ste haben sich fast immer selbst zuzuschreiben, wenn ihre Kinder nicht in ihren Wegen wandeln. anV mi *jon. „Schon in frühester Jugend beginne die Erziehung," ruft uns der weise Salomon zu. Je früher die Erziehung, desto besser, desto größer der Erfolg. Da ist bas Kinderherz noch unverdorben, leicht allen guten Einflüssen zugängig, da sind Trotz und Eigensinn noch leicht Zit bändigen. Das Kinderherz ist noch dem Wachse gleich, das sich formen läßt, wie man wünscht. Wie der Baum des Feldes einen geraden Wuchs besitzt, keiner Stütze bedarf und widerstandsfähig ist, wenn er als junges Pflänzchen an einem geraden Stabe emporgeleitet wurde und sein Standort ein tiefes Wurzelfassen gestattet, so ist auch der Mensch allen verderblichen Einflüssen unzugänglich, wenn er in der Jugend eine wahrhaft gute, sorgfältige Erziehung genössen hat. Deßhalb wartet nicht mit der Erziehung der Kinder, bis sie in das schulpflichtige Alter getreten sind. Dann ist es zu spät, dann ist der Geist schon ziemlich erwacht, und es will für sein Thun und Lassen Gründe haben, dann haben sich schon manche böse Eigenschaften im Kinderherzen eingenistet, die schwer zu vertreiben sind. Biel früher muß begonnen werden. Eine gute Erziehung beginnt ihre Aufgabe, sobald das Kind zu sprechen angefangen hat. Soll der Jude wirklich Jude sein, soll er ein Muster der Gottesfurcht und Religiosität werden, dann muß er unter anderen Tugenden ganz besonders Selbstbeherrschung, Entsagung und Genügsamkeit sein eigen nennen können. Und nur, wenn er in frühester Jugend in diesen Tugenden geübt wird, wird er sie später vollständig in Besitz erhalten, und dazu können ihm nur seine Eltern verhelfen. Zur Erziehung ihrer Kinder stehen den Eltern vorzugsweise drei Mittel zur Hand, die Gewöhnung, das Beispiel und die Belehrung. Das wirksamste Mittel ist zunächst die Gewöhnung. „Jung gewohnt, alt gethan." Die Gewohnheit übt eine ungeheure Macht über den Menschen aus. Das wissen wir ja meistens aus Selbsterfahrung. Haben wir in irgend einer Beziehung eine Gewohnheit, so ist uns solche so lieb, so zur Natur geworden, daß wir uns-kaum'-mehr von derselben trennen können. Deßhalb gewöhne das Kind an alles Gute und Edle, es wird es später von selbst üben.. Jeder anständige Mensch wird sein Kind schon in frühester Jugend anhalten, sich für jede Gabe, die man ihm gibt, mag sie noch so gering sein, zu bedanken. Wir erllären das für eine Pflicht des Anstandes gegenüber unseren Mitmenschen. Wie viel mehr erst haben wir diese Verpflichtung Gott gegenüber. Darum muß das Kind, sobald es sprechen kann, angehalten werden, nichts zu genießen, ohne vorher die entsprechende .1313 gesprochen zu haben. Man wird mir von mancher Seite erwiedern, das ist Unsinn, das kann nur ein hyper-orthodoxer Mensch verlangen, das Kind weiß nicht, was es da spricht, und nebenbei wird dadurch der Geist des Kindes zu viel angestrengt. Es ist gar nicht nöthig, daß das Kind Verständniß von der Tira Hai, es genügt schon, wenn es weiß, daß es mit diesen Worten seinem Schöpfer dankt. Das Verständniß wird es schon später erhalten, wenn seine geistige Thätigkeit reger wird durch die Belehrung. Wenn wir hier die Verständnißlosigkeit als Vorwand gebrauchen wollten, dann dürften gar viele unserer Glaubensgenossen überhaupt nicht in der heiligen Sprache beten, denn leider ist Vielen das Verständniß derselben gänzlich unbekannt. Eine Ueberbürdung der geistigen Kräfte de- Kinder ist das Vorsprechen und Nachsprechen der ,1312 durch diese sicher nicht zu nennen. Doch ist Vorsicht bei'der Aussprache der Wörter zu gebrauchen und genau darauf zu achten, daß solche richtig ausgesprochen werden, damit man nicht dem Verstümmeln derselben, was nicht nur bei unseren Kleinen, sondern auch bei Erwachsenen häufig vorkommt, Vorschub leistet. Ist das Kind soweit herangewachsen, daß es die Schule besucht, daß es die heilige Sprache lesen kann, dann muß es angehalten werden, soviel als möglich dem Gottesdienste beizuwohnen. Manche Eltern sind in dieser Beziehung viel zu zartfühlend gegen ihre Kinder. Mit der allgemeinen Entschuldigung, das Kind ist noch zu jung, es wird durch die Schule zuviel überbürdet, es gebührt ihm Ruhe, sucht man das Kind davon zu dispensiren. Diese Eltern denken aber nicht, daß sie gerade hierdurch dem Uebel der Jetztzeit, der Leere der Gotteshäuser während des Gebets, steuern. Ich frage ganz besonders die Eltern orthodoxer Richtung, die gewissenhaft jeden Gottesdienst besuchen, sind ihre Eltern auch so zartfühlend gegen sie gewesen, oder mußten sie regelmäßig den Gottesdienst besuchen? Hat dies ihnen an Körper und Geist geschadet? Ich glaube ' nicht. Ich denke dabei zurück an meine eigene Kindheit. Sommer wie Winter, sogar bei der bittersten Kälte, wurden wir angehalten, jeden Morgen dem Gottesdienste anzuwohnen, trotzdem es uns manchmal schwersiel, . da wir während des ganzen Tages angestrengt arbeiten mußten.' Nebenbei muß ich nocherwähnen,^- daß wir unsere Aufgaben in der Schule nicht so inünd'-^ gerecht gemacht erhielten, wie dies jetzt der Fall ist. die ' geistige Anstrengung der Kinder, war frühereine viek