Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 100 (18.12.1902)
- Date
- 1902-12-18
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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eine Hälfte der Menschheit im Schweiße ihres Angesichts, damit die andere — Nachdenken kann. Sie sagen mir: ich schließe und beweise wie ein Jude, vom jüdischen Standpunkte. Aber jetzt werde ich diesen verlassen und nur dasjenige behaupten, von dem ich überzeugt bin, wie von einer unverbrüchlichen Wahrheit. .Das Leben in dem kleinen Städtchen unterschied sich, was das Behagen betrifft, kaum von unserem Landleben, nahm aber hier einen ganz anderen Charakter an. Aus jenen mir nur noch wenig erinnerlichen Zeiten, als wir noch auf der großen Schänke an der Landstraße saßen, blieb mir von den wie Gespenster vorüberhuschenden Menschen, die täglich neu und anders und sich doch fast immer ähnlich waren, fast nichts in der Seele zurück, außer einer gewissen Furcht, - fast einem Widerwillen. In dem Städtchen umgab uns ein ebenso großer Schwarm: unsere Judengesellschaft vergrößerte sich sehr, denn das Städtchen war größtentheils von Juden bewohnt. Wir hatten hier auch eine ansehnlichere Synagoge, deren Anblick auf mich einen großen Eindruck machte, da ich bisher nur in armen, kleinen Dorfbethäusern gewesen war. Hier konnte ich die strenger gehaltenen religiösen Ceremonien besser beobachten, besonders die feierliche Begehung des Sabbats, dieses Tages, der uns Juden von der Welt losreißt, Gott näher führt und in der Erinnerung Alle in . das verlorene Vaterland versetzt. Wie oft verlacht man uns ob dieser unserer Gebräuche, mit ihren kleinlichen Vorschriften und Vorsichtsmaßregeln. Und doch wie viel verdanken wir seelisch diesen regelmäßig wiederkehrenden Tagen des Nachdenkens, des Gebets, des Sichlosreißens von der Arbeit, den Mühen und Sorgen, in denen wir im Geiste uns dem Schöpfer nähern! Alle diese unsere Gebräuche: da Backen eines Brodes, von dein Theilchen als Opfer für die Armen zurückbleibt, die Zurichtung des Tisches, dieses Familienmahl, mit beständigem Gebete durchflochten; diese Einsegnung des Weines, erinnern an die patriarchalischen Zeiten der Welt, als Gott mit uns wohnte und anwesend war unter den Menschen. Heutzutage," fuhr Jakob fort, „habt Ihr Christen und haben auch wir Juden Gott allzusehr verdrängt und vergessen. Der Gott des Jahrhunderts ist der von dessen Hand geformte, jämmerliche und kleine, aber stolze und eingebildete — Mensch! Seine Vergötterung ist der Glaube der Welt! Im I Hause des Bruders," sagte er nach kurzer Pause, „der-! schmolz die ganze Familie wie in Eins; er war ihr? Haupt. Die Frauen bereiteten gemeinschaftlich das! Abendessen und das Frühstück, die Brode und die j| Speisen. Kam die Stunde des gemeinsamen Gebetes § in der Synagoge heran, so gab der alte Aufwärter das z Zeichen,, indem er dreimal mit einem Holzhammer an die 5 Fensterläden der Behausung klopfte. Wir schritten in | Feiertagskleidern nach dem Bethause, mit unseren -j Büchern unter dem Arme. Die Synagoge war ein altes, gewölbtes Gebäude mit Säulengängen und Gallerieen und zu Ende des 16. Jahrhunderts von der is-. . ratelitischen Bevölkerung des Städtchens errichtet, nach- .* dem sie den Grundherrn gut bezahlt hatte. Dies war damals ein sehr eifriger Katholik, der Fürst K. . ... 7 . Vordem hatten die Juden nur ein altes, elendes Holzgebäude, in welchem sie sich zum Gebete versammelten und bei Sturm und Unwetter das Dach über sich krachen hörten. Vergebens baten sie um die Erlaubniß, eine neue Synagoge zu erbauen. Zum Glück für sie kam der Krieg mit gewaltiger Geldnoth. Der Fürst war gezwungen, den Platz zu verkaufen und den Juden das Privilegium zum Neubau einer massiven Synagoge zu ertheilen. Die örtlichen Ueberlieferungen sprachen von einer fast fabelhaften Summe, mit welcher diese Genehmigung erkauft werden mußte. Später noch hatten sie neue Schwierigkeiten, als sich das Gebäude erhob ' und das Dach schon von Weitem zu sehen war. Man befahl ihnen daher, es niedriger zu bauen und die gesternten Knöpfe abzunehmen, auf daß die Synagoge j nicht würdiger und stattlicher aussehe, als andere benachbarten Gebäude. Die Juden der Umgegend setzten all' ihre Kräfte an diese ansehnliche, düstere, aber durchaus schöne Bauart, deren Wölbungen vom gothischen Stil Etwas an sich hatten. In meinen Augen erschien mir der Vau fast wie der Temepel Salomonis, so prächtig sah er mir aus. In ihm die Versammlung der . Verfolgten, zu ihrem Gotte in der alten Sprache Betenden, machte auf mein kindliches Gemüth einen ganz ungewöhnlichen Eindruck. Das gemeinsame Gebet" . . Als Jakob dies sagte, bemerkte er ein Lächeln auf dem Antlitze seines Gefährten und unterbrach daher mit einem Seufzer seine Erzählung. „Ja," fuhr er dann traurig fort, „auch Ihr versteht schon nicht - mehr das Gebet! Dies ist die Krankheit des Jahrhunderts. Ihr erfandet sogar eine Theorie ad »*»c daß „derjenige betet, der arbeitet!" Es ist wahr, die Arbeit ist Gott angenehm, sie ist eine Pflichterfüllung. Aber Arbeit und Gebet sind doch etwas Verschiedenes! Ich breche hier ab und spreche nicht weiter über diesen Gegenstand, denn als Jude werde ich einen Christen nicht bekehren, daß er beten lerne, obgleich es schlimm ist, daß Juden und Christen alle zu Atheisten wurden und freiwillig dieses mystische Band zerreißenwelches den Schöpfer mit den Erschaffenen verknüpft. Deßhalb ist es uns Allen heutzutage auf dieser Welt so leer, so kalt und grausig! — Ich kehre zurück zu meiner Jugend. Eifrig . warf ich mich auf den weiteren Unterricht. Man fand, daß ich gewisse Fähigkeiten besaß. In mir selbst empfand ich nur einen überaus großen, mjt Nichts zu löschenden Wissensdrang. Die Bücher des alten Bundes besitzen.. eine wunderbare Kraft, ein kindliches Gemüth zu entwickeln. Sie sind die Kindheitsgeschichte der Menschheit, welche, da sie in einer ebenso begeisterten, als ein--