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Der Israelit · 1902-12-18 · Heft 100 (18.12.1902) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 100 (18.12.1902)
Date
1902-12-18
Page
– (sequence 26)
Language
German
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2146: gesetzlichen Frage vor, so wurde Moses nicht herbeigerufen, um zu urtheilen und zu entscheiden. Die Rabbinen kannten ihn zu genau, um ihm diese Macht zu verleihen. Aber man schickte nach ihm, führte ihn herein und stellte ihn in einen Winkel, damit er als Register und Wegweiser in den Büchnn des. Bundes diene. Er zeigte ihnen die Stellen, ec führte die Texte an mit solcher Genauigkeit, daß es ihnen ermöglicht wurde, sie anzüwenden. Niemand hatte ein ähnliches Gedächtniß. Dies also wäre das Bild meines ersten Lehrers. Es ist nicht geschmeichelt, aber getreu. Unter ihm las ich die ersten Bücher der Bibel, oder vielmehr ich weinte sie mit ihm durch. Er war so gewissenhaft, daß, als er in mir Fähigkeiten fand, er selbst der Mutter rieth, mich in das Städtchen zu bringen zur weiteren Ausbildung. Dank ihm, konnte ich mit dreizehn Jahren nach unserem Brauche öffentlich in der Synagoge einen Abschnitt der Schrift vorlesen, auch wurde ich, wie ein Erwachsener, zu den zehn Personen gezählt, welche im Tempel erforderlich waren, um die Versammlung für vollzählig zu erklären. Unserer armen Mutter fiel es sehr schwer, mich in die Stadt zu bringen; da aber das Schicksal ihres Kindes davon abhing, mußte sie daran denken. Wie sehr ärmlich auch unser Leben bei der Mühle sein mochte, wir ertrugen die Noth und den Mangel an Behagen; viel erleichterte es uns auch, daß wir umsonst ein Obdach hatten, den Wald dicht dabei und ein . wenig Gemüse aus dem Gatten — auch fast unentgeltlich. In der Stadt muß man Alles kaufen, selbst das Wasser. Wovon sollte meine Mutter leben?, was sollte sie beginnen? 'Wie sollte sie sich dort mit drei Kindern durchschlagen und erhalten? Just zur rechten Zeit, als .die Mutter sich darüber den Kopf zerbrach, kam mein älterer Halbbruder, der schon sein Stückchen Brod hatte, wenn auch nicht viel, und der von einem Fellhandel in einem kleinen Flecken lebte, zu uns auf Besuch. Dies war ein unerhofftes, aber in unserem Leben bedeutsames Ereigniß. Denn wir hatten ihn sehr lange nicht gesehen, wie alle übrigen Verwandten. Der Bruder war gegen dreißig Jahre alt und längst verheirathet. Die Mitgift der Frau und ein kleines Erbtheilchen von unserem Vater, bildeten den ersten Fonds, mit dem er etwas zu erwerben begann. Er lebte, dem Brauche gemäß, anfangs ein Jahr auf Kosten der Schwiegereltern, die sich verpflichtet hacken, sie Beide zu erhalten. Dann ließ er sich selbstständig nieder und begann vorsichtig und langsam einen Handel. Je weniger es unserem Vater geglückt war, , um so mehr begünstigte meinen Bruder das Geschick. Dieser gute Anfang hob seinen Muth. Sparsam, kühl und vorsichtig, wie er war, spannte er all' seine Kräfte an den Erwerb. Dieser war sein einziges Lebensziel, aber schon fühlte er sich fähig, es zu er- , reichen. Obgleich noch arm, blickte er kühn in die Zukunft. Seine so erwünschte Ankunft setzte das ganze Haus in Bewegung. Das war auch, wie es schien, ein großes Ereigniß. Zelmann war nicht aus eigenem Antriebe gekommen, auch nicht durch irgend ein Opfer seinerseits; er war selbst noch zu arm, um uns ein solches bringen zu können. Er brachte die langst erwartete Nachricht von den Verwandten der Mutter, die endlich, gerührt durch ihre elende Lage, ihr eine kleine Beihülfe zum Beginn irgend eines Handels im Städtchen schickten, um hiermit mich und die Schwester erziehen zu können. Diese Nachricht erfreute die Mutter über die Maßen und erfüllte unser Haus mit Jubel. Die Mutter weinte vor Freude. Wir Kinder, die wir nicht ahnten, um was es sich handle, waren anfangs betrübt, als wir erfuhren, daß wir die kleine Mühle verlassen müßten, obgleich hernach wir umso schneller uns mit dem versprochenen Leben im Städtchen trösteten. Der ältere Bruder wurde so gut, wie nur möglich, ausgenommen. Die Mutter setzte sich nahe zu ihm, um ihn um Rath zu fragen, wie sie ihr kleines Kapital ausnützen könne. Dem Bruder that es noth, seinen Handel zu vergrößern und auszubreiten. Es wurde daher beschlossen, daß er die Mutter zum Compagnon nahm und daß wir in die andere Hälfte seines eigenen Hauses ziehen und zusammen wohnen sollten. Alles dies wurde sehr schnell erledigt. Schon am dritten Tage darauf schickte unsere ungeduldige Mutter nach einem Miethsfuhrwerk, um sich aus der kleinen Schenke davon zu machen. — Mit diesem Momente begann der zweite Abschnitt meines Lebens. Sie sehen," fügte Jakob hinzu, „daß ich in der Kindheit nicht auf Rosen gebettet war, daß ich viel erduldete, und daß dieses Dulden die Sonne war, welche meine Reife beschleunigte. Aus diesen Jahren verblieben mir nur nebelhafte, meist widerwärtige und schmerzliche Erinnerungen. Unfälle, Mühen, den unseligen Kampf mit Hunger und Frost, mit feindlichen Naturkräften, und mit der Abneigung und Verachtung der Menschen, welche dem Menschen die Lust und die Kraft nimmt, sich über das Niveau der elenden Bedürfnisse seines Körpers zu erheben. Den Dichtern, oder vielmehr denen, die dies sein wollen, war es früher erlaubt, auch den idealen Zustand der Natur zu preisen und den Materialismus zu beklagen. Leider aber, sieht man sich das Leben näher an, wie abhängig ist dasselbe vom körperlichen Befinden, von einer gewissen Sicherstellung der ersten Bedürfnisse, von Allem, was das materielle Dasein erleichtert, was das Leben erträglich macht! Der schon ausgebildete Mensch kann wohl ausdauern im Kampfe mit der Natur und dem Elend, ohne an Geist zu verlieren. Aber vorher sich aus täglichen Sorgen, unter der Last dieses unaufhörlich auf- und abzuwälzenden Sisyphus-Steines zu irgend. einer Höhe emporzuschwingen — ach, was ist dies leider so schwer, ja fast unmöglich! Wir müssen — dies unterliegt keinem Zweifel — bei der materiellen Ausbeute der Civilisation, die Macht der Geistesarbeit verachten. Jeder Aufschwung des materiellen Daseins tobtet in uns den geistigen Fortschritt, dessen Förderin wir sein müßten. Vielleicht arbeitet nur deßhalb die

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