Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 100 (18.12.1902)
- Date
- 1902-12-18
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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4■ . . v;• ... fachen und schlichten Sprache erzählt wird, eine wunderbar für die Jugend geeignete Nahrung ist. Ihre Poesie entflammt und erschließt die weiten Räume der Phantasie. Ihr ergrauter Verstand eröffnet langsam und stufenweise das Gemüth. Aber der Einblick in die Welt, die wir aus ihr schöpfen, ist so hoch, so erhaben, aus so wolkiger Höhe herab, daß die Seele,- die sich an ihm sättigen will, nicht befriedigt wird, sondern mehr und näher sehen will, und fühlt, daß sie auf Anhöhen steigen muß, um das zu erschauen, was sie in goldenen Träumen nur vorausgesehen und geahnt! Fügt man hinzu noch die Ueberlieferungen der Talmud-Bücher und die Euch unbekannten, aber poesievollen Legenden .. Unser Städtchen war eines der schönsten im Lande, in dem die Städte überhaupt nicht so lebhaft sind, als jenseits der Grenze. Es war nicht einmal allzu belebt, ausgenommen an den großen Jahrmärkten und Feiertagen. Aber es zählte auch nicht gerade zu den Letzten. Es wurde von einer ziemlich besuchten Landstraße durchschnitten. Seine Bevölkerung war durch eine unlängst errichtete Schule vermehrt worden, vermindert dagegen, in Folge der Unterdrückung des Katholizismus, um einige Geistliche an der ehedem sehr großartigen Kirche. Ferner wohnten die Verwalter der großen Güter, welche mit dem Städtchen ein Ganzes bildeten. Und endlich einige Regierungsbeamte, die zum Schrecken der Einwohner wurden, weil man ihnen unaufhörlich zahlen und sich von ihnen schinden lassen mußte, um .sie weniger zu Plagegeistern zu machen. An all' diese verschiedenen Menschengattungen, mit denen man je nach ihrer Kaste und ihrem Charakter anders umgehen mußte, hatte ich mich zu gewöhnen, um die Mannigfaltigkeit der Welt und der Verhältnisse kennen zu lernen. Da gab es Leute, denen auszuweichen Gesetz und Sitte geboten. Andere, denen man Achtung zu erweisen hatte von Nah und Fern, in verschiedener Abstufung; noch Andere, die man fliehen mußte. Der. Jude war im Allgemeinen gezwungen, alle bis zum Amtswächter, sammt den Frauen und Mägden dieser Herren, durch Demuth und Geschenke für sich zu gewinnen. Ich verstand es nicht sobald, weßhalb wir. das von Gott auserwählte Volk, solcher Verachtung ausgesetzt wurden. Nach der Bibel begann ich stufenweise den Unterricht in den Ueberlieferungen, welche die verschiedenen Abhandlungen des Talmud enthalten. Hier stieß ich auf zahlreiche Schwierigkeiten und Skrupel, welche der -sich erst entwickelnde Verstand nicht leicht zu überwinden vermochte. Mit anderen Augen seh' ich dies Alles heute an. Damals war ich erstaunt über diese sonderbare Poesie und diese Vorschriften. Mein kindliches Gemüth arbeitete schon daran, sich Kräfte in diesen Kämpfen zu erwerben. Die Bibel gab ihm Aufschwung. Auffallend war mir, Bibel, als ein Buch voll göttlicher Begeisterung. - Auch hier jedoch durchflossen Helle Lichtströme die Finsterniß. Ich befand mich in jener Lage des ungeduldig sich entwickelnden Gemüths und der mit jedem Augenblicke wachsenden Zweifel, als ich eines Abends, bei der Heimkehr vom Lehrer, mit dem Buche unter dem Arme, den Kopf voller Träume und Sehnsucht, im Hause eine große Verwirrung antraf.. Anfangs erschrak ich, irgend ein Unglück befürchtend. Aus den Gesichtern aber konnte ich bald herauslesen, daß dieser wunderbare Vorfall durchaus nicht besorgnißerregend sein mußte. Man tummelte sich nur, wie zum Empfange irgend einer großen und angesehenen Person. Die Mutter zog mich in den Alkoven und befahl mir, mich so schnell als möglich festlich anzukleiden. Der Bruder trug schon seinen Sabbat-Anzug. Auf dem Tische standen Branntwein, Honig, Konfitüren, Pfefferkuchen, Semmeln und sogar ein Fläschchen irgend welchen Weines. Nach vieler Mühe gelrng es mir, in diesem Wirrwarr endlich so. viel zu erfahren, daß derjenige, welcher so feierlich ausgenommen werden sollte, ein Vetter, und zwar ein Vaters-Vruders-Sohn meiner Mutter war, ein unermeßlich reicher Kaufmann aus Warschau, und daß er gekommen war, wie es schien, um über meine Zukunft zu entscheiden. Die Mutter zitterte und bebte vor Aufregung. In meinem kindlichen Kopfe hatte ich mir diesen Mann vorgestellt: als eine ehrwürdige Gestalt, mit langem Barte, in biblischen Gewändern, und von patriarchalischem Ernste, als unverhofft Jemand sehr lebhaft hereinlief, den ich für einen Christen oder irgend einen zudringlichen Menschen hielt. Gekleidet war er nicht nach unserer Art. Mit seiner Brille, der Cigarre im Munde, dem runden Hute, sah der nicht mehr jugendliche, schon etwas ergrauende Mann, mit auffallenden Zügen und schwarzen Augen, glattrasirt, ziemlich seist und wohlgenährt, mir ganz nach einem „Goj" aus. Er stürzte, als habe er die größte Eile, ohne uns viel zu beachten, auf unser armes Häuschen los, mit einer ziemlich verächtlichen und unwilligen Miene, begrüßte uns dann herablassend, etwas beschämt und ziemlich kühl, fetzte sich ohne Ceremonien auf den besten Platz und schlug, die Beine übereinander. Als ich mich überzeugt, daß dies unser erwarteter Verwandter fei, fiel es mir auf und ärgerte mich nicht wenig, daß er, wie ich damals sagte, den „Goj's" so ähnlich sehe und, außer dem Gesichtscharakter, durchaus nichts Jüdisches an sich hatte. Die Mutter befahl mir. heranzutreten und ihm die Hand zu küssen. Er sah mich an, faßte mich unter das Kinn und schüttelte sich vor Lachen über meine Löckchen und ebenso über meine Jarmulka, die ich trug. Dann sah er mir in die Augen, die ich neugierig auf ihn richtete, und blies mir zum Zeichen der Zufriedenheit eine Rauchwolke in das Gesicht." daß der Talmud, als Menschenwerk, weit tiefer stand an Poesie, Inhalt, Form und Geist, als die (Fortsetzung folgt.) DerantwortliÄe Redaction: OSrar Lehmann in Mainz. — Expedition des „JSraelit". Schottstratze Nr. 2. Mainz. Druck und.,DerLag der Sah. Wirth'schen Hofbvchdruckerei Aetien-Gesellskhaft in Mainz.