Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 100 (18.12.1902)
- Date
- 1902-12-18
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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18. Dez. 1802.1 Mr. 28. 7j Zeitgemälde von I. I. Krsspwski in autorisirter Uebertragung. Oft führte er mir das Gleichniß aus dem Buche Chulin an, dessen ich stets gedenken werde: . „Ich will Euren Gott sehen!" sprach der römische Kaiser zum Rabbi Jehosua." „Herr," erwiederte der Weise, „kein sterbliches Auge erträgt den Glanz Seines Angesichts!" . „Keines? Versuchen wir es! Ich will Ihn sehen!" ' ' . „Du willst es!" sprach der Weise. „Guts So gehe denn mit mir!" Es war aber just die schwülste Jahreszeit und die Stunde, in der die Sonne am heißesten glühte. Der Weise führte den Kaiser auf das freie Feld, zeigte nach der Sonne und sprach:. „Großer Kaiser, so blicke hin nach ihr!" „Wie so? In die Sonne?" fragte verwundert der Römer. „Aber wer hält den Sonnenglanz aus?" „Ihr könnt also, o Kaiser, nicht einmal den Glanz der Sonne ertragen, und doch ist die Sonne nur einer der unzähligen Diener Gottes. Und Ihr, die Ihr nicht einmal einem der Diener des Herrn in das Augenblicken könnt, Ihr wolltet den Glanz Seines eigenen Angesichts schauen mit sterblichen Augen?" — „Moses sagte mir oft, um mich zum Unterricht anzuregen, daß die Welt, nach der Lehre der Rabbiner auf dem Hauche des Mundes der die Gesetze Gottes lernenden Kinder, aber nicht auf dem Verstände der Weisen' steht. Lacht darüber, wenn Ihr wollet! Für mich besitzen diese Legenden und Gleichnisse einen unermeßlichen Zauber!" " .V- " ■■' ■ ' - „Sie,sind schön!" sprach Jwas. „Äber dieser Euer hinkender Moses sieht mir. durchaus nicht, ange-/ nehm aus!" " ' J : / „Ich gedenke nicht, ihn Euch persönlich auszuschmücken," erwiederte Jakob. „Es war etwas Wildes in ihm durch seine übermäßige Strenge. Die Magd meiner Mutter, oft sogar sie selbst, wenn sie die Vorschriften in kleinen Dingen nicht genau beobachteten, schalt und verwies er, und drohte, das unreine Haus zu verlassen. Der erbitterte, fanatische Plagegeist Moses war für Alle ein Schrecken. Doch kam ihn zeitweise die 'Begeisterung an, erschien er mir als ein großes Wesen. Er war niemals im Stande, Eigenes zu schaffen. Aber aus tausend gelernten Dingen wählte er. das Schönste aus und trug es wie sein Eigenes vor, dabei weinte er oft vor Rührung und Entzücken, manchmal , exaltirt bis zum Wahnsinn. Wenn er von den Schmerzen Israels lesen mußte, schwamm er in einem Thränenstrome; er schrie und sprang auf vor Schmerz; er las nicht mehr, sondern sang irgend ein Lied mit wunderbarer Stimme, bis ihm sich das Haar auf. dem Haupte sträubte und die Schauer seine Haut überliefen. So schrecklich vermochte er.in diese Vergangenheit einzudringen; so lebendig hallte ein vor Jahrtausenden „ gesprochenes Wort in seiner Seele wieder. Kam irgend eine Schwierigkeit in der Lösung einer rituellen oder