Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 99 (15.12.1902)
- Date
- 1902-12-15
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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stets von Durchreis enden belebt war. Sie grenzte mit dem Garten an einen Eichenwald. Da lauschte ich dem Gesänge der V'öglein und dem Rauschen der alten Baume. Aber damals vermochte ich noch nicht die Natur zu lieben. Mich inieressirte hauptsächlich der Schwarm des vorbeiströmenden Volkes. Nicht dem Zehnten ward es gegeben, in solchem Lärm aufzuwachsen, mitten unter fremden,' immer neuen, nur vorüberziehenden und wieder verschwindenden Gesichtern. Dies mußte auf mich einwirken. Kaum begann ich etwas zu begreifen, und schon wußte ich, wie bevölkert die Welt, und daß dieser ganze Schwarm sich sonst fremd und feindselig war. Ich fühlte, daß . ich, an Tausenden mich abschleifend, nur aus wenigen auserwählten Wesen Leben und Gluck schöpfen sollte. Die Welt offenbarte sich mir Zuerst wie ein feindseliges Verhängniß. Man verwandte auch in diesen ersten Jahren nicht viel Aufmerksamkeit aus mich. Die Mutter, auf welcher hauptsächlich die Wirthschäft ruhte, die Rechnungen, das Hauswesen, die Küche und die Kinder — denn der Vater saß stets über einem Buche, betend öder in Gedanken vertieft — behütete mich vor Schaden und beschützte mich sorgsam; aber zärtlich und gefühlvoll zu sein vermochte sie nicht. So erzog ich mich schon selbst, indem ich über mich selbst denken lernte. Der Matzstab, der an die Menschen mich nicht anschließen ließ, gebot mir, sie zu meiden. Doch lernte ich auch bald sie beobachten, erforschen und erkennen. Ich war noch sehr klein, als der Vater nach kurzer Krankheit starb. Dieser Tag der Trauer und der Klage wird niemals meinem Gedächtnisse entschwinden. Tief prägten sich mir damals jene Worte ein, die jeder Israelit auszusprecken verpflichtet ist, wenn ihn ein Schlag trifft aus Gottes Hand. „Sei gelobt. Du gerechter Richter!" Man lehrte mich zugleich mit den andern Kindern jenes Gebet (Kadisch), welches ich später im Leben so oftmals wiederholen hörte: „Gepriesen sei und geheiligt der große Name Dessen in der Welt, Der einst sie neu erschaffen und einführen wird in Seinen Wohnsitz den Dienst des Himmels, damit Er, der Heilige, Gebenedeite, dort herrsche in Seinem Königreiche, in Seiner Majestät." Jakob schwieg Doll Rührung, und Jwas flüsterte unwillkürlich: „Wie schön und erhaben ist dies Euer Gebet!" Der Jude aber antwortete nichts, er versank in tiefes Sinnen und weinte, bis er endlich, wie erwachend, auf's Neue zu erzählen begann: „Der Greis war unfern Augen entschwunden. Wir waren allein geblieben und verwaist. Er, der uns unthätig erschienen, so läng er am Leben war, wurde nach seinem Tode von uns um so mehr vermißt. Herr von Micuta vergab die Wirthschäft an einen Andern, ohne Rücksicht auf die Bitten der Mutter. Wir verzogen nach einer kleinen, elenden Schenke bei einer Mühle, in die tiefste Waldeinsamkeit. Mir, der ich noch Kind war, gefiel es hier besser. Aber hier erst begann , unser wahres Elend, welches nur wir Kinder anfangs nicht so empfanden. Nach dem unaufhörlichen Lärm jener Tag und Nacht überfüllten Gastwirthschaft, war hier tagelang, außer den nur selten zur Mühle fahrenden Leuten, Niemand zu sehen. Die Mühle stand dort halbe Jahre hindurch, denn der Teich war fast den ganzen Sommer über ausgetrocknet. Damals reichte ein kleines Fäßchen Branntwein bei uns einen Monat. Ringsumher rauschte der düstere Fichtenwald und auf, dem schmalen, krummen Wege wuchs Gras. Von Schrotbiod und der elenden Nahrung, zu welcher der Garten den Vorrath lieferte, lebten wir in dieser Wüstenei. Die Mutter weinte immer häufiger. Sie? wandte sich an ferne Verwandte des Vaters, an ihre eigenen, aber Niemand meldete sich. Wir gingen in - Lumpen. Am meisten jedoch härmte sich unsere Mutter darüber, da sie, obschon ich das Alter erreichte, in dem ich durchaus etwas lernen mußte, dennoch nichts Hatte, um einen Lehrer anzunehmen. Mich so jung aber in das Städtchen zu geben, davor schreckte ihr mütterliches Herz zurück. Ich erinnere mich, daß sie, uns Drei mit' der Magd und einem armen Juden aus dem Städtchen zurücklassend,, endlich auf einige Wochen fortfuhr, daun etwas beruhigter zurückkam, und, mich auf das Haupt küssend, wiederholt ausrief: „Freue Dich! Freue Dich! Du wirst einen Lehrer bekommen!" So wenig, verstand ich dieses Versprechen, das ich damals mich weit mehr über die Bretzel freute, die die Mutter mir mit-- gebracht und gleichzeitig überreicht hatte. Sie wissen bestimmt, welchen Werth die Israeliten auf die Er-' Ziehung der Kinder legen. , Er geht, oder vielmehr es? ging ihnen früher um nichts mehr, als nur darum, daßman ihnen bei Zeiten das Gesetz, den Bund und. die Traditionen des Volkes einpräge, b. h. eben das, was uns zu uns selbst machte. Nach der Lehre unserer Rabbiner mußte ein Knabe schon mit dem fünften Jahre anfangen, die Bibel, mit dem zehnten die Mischnah, und mit dem fünfzehnten die Gemarah zu lernen." ' Als er ein Lächeln auf den Lippen Jwas bemerkte, unterbrach Jakob seine Erzählung. auf einen Augenblick. , ‘ „Ich kann mir denken," fuhr er dann fort, „worüber Sie lachen, Talmud, Mischnah und Gemarah wurden durch oberflächliche und uns feindliche Leute — zum Gespött. Ihr. kennt sie nur von der sonderbaren Seite, nur oberflächlich und von Hörensagen, In ihren Geist seid Ihr niemals ganz eingedrungen. Gestattet mir, zu sagen, Ihr wißt nicht einmal, was das eigentlich ist. Ich kann also die Erinnerung an diese Bücher nicht übergehen, um sie, wenn auch nur beiläufig, zu erklären. Zunächst muß man wissen, daß der Talmud nichts anderes ist, als eine große Schatzkammer national-religiöser Ueberlieferungen. Er . ist