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Der Israelit · 1902-12-15 · Heft 99 (15.12.1902) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 99 (15.12.1902)
Date
1902-12-15
Page
– (sequence 18)
Language
German
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2114 , Nothwendigkeit. Unser Gesetz verbietet uns ausdrücklich, von geliehenem Gelbe Prozente zu nehmen, „Wenn Du Geld leihest Meinem Volke, das arm ist Lei Dir, sollst Du es nicht zu Schaden bringen und keine Zinsen von ihm nehmen. (Exod. XII, 25. 2. B. M.) Viele sind der Ansicht, daß im Deuteronomium, wo ein Unterschied zwischen Borgen an Freunde und an die Seinigen gemacht ist, die Worte „aber an Fremde" nur im Interesse des Handels der Israeliten mit Tyrus und Sidon hingeworsen seien. Ich zitire das Gesetz . und muß diese Frage berühren, denn kein Vorwurf belastet uns so schwer, als der Wucher und die schlechten Mittel, um Geld zu verdienen. Was aber machte uns zu Wucherern? Die Unterdrückung!' Der Selbsterhaltungstrieb reizte uns, je mehr man uns verfolgte, zur Anwendung aller nur möglichen Schutzmittel. Man . umgürtete uns mir einer Mauer, die uns von der Welt ahsonderte. Was Wunder, wenn wir nur in uns und für uns leben mußten! Dies war die logische Folge der uns aufgebürdeten Knechtschaft, die in uns diesen Charakter ausprägte. Ich sprach hiervon so lange," fügte Jakob hinzu, „denn mich drückt es. So ist es! Wir glaubten an das goldene Kalb. Denn dieses hatte allein die Macht, unsere Fesseln zu sprengen und unsere unerträgliche Lage zu lindern. Der Jude aber war, so lange er in sich selbst verschlossen, für die Seinen und in seiner Gemeinde, für seinen Stamm und sein Volk niemals geizig und habsüchtig. Ich erkläre die Vergangenheit, aber ich entschuldige sie nicht. Joül, mein Vater, hatte sich nicht vorzuwerfen,' daß er sich mit fremder Habe bereichert. Denn zu guterletzt verlor er auch seine früheren Ersparnisse. Im Gedanken an Gott,- versunken in seinen poetischen und mystischen Büchern, verachtete er die Welt. Alle Mühen und Sorgen fielen auf unsere Mutter, die bedeutend jünger an Jahren und besorgter um die Zukunft war. Ich war der Aelteste der Geschwister.. Nach mir folgten zwei Schwestern; der Bruder von der anderen Mutter war schon erwachsen. Unsere Dorfwirthschaft bestand in einer von uns vor langer Zeit gepachteten Herberge, an einer belebten und besuchten Landstraße. Hier konnten wir in unserer Jugend nur träumen oder mit der ruhigen Seele des Vaters arbeiten und sinnen. Die Mutter quälte sich nebst zwei Mägden ab mit der Arbeit, sie reichte aber für die Durchreisenden nicht aus. In der That wäre dies vielleicht eine ganz gute Pacht gewesen, trotz der Konkurrenz einer zweiten, aber bedeutend kleineren Schenke, hätte uns nür das Schicksal irgendwie begünstigt. Aber was verdient wurde im Branntwein, Heu und . Hafer, das verzehrten wieder größere, unglückliche Handelsgeschäfte. Der Vater kam, selbst in Compagnie mit den gewandtsten Fell- und Viehhändlern, immer am schlimmsten weg. — Die Mutter aber grämte sich über die Maßen. Wir verarmten zusehends. Man versetzte ihre Perlen, des Vaters Zobelpelz und Kleider, kurz Alles Kostbare, -was nur im Hause war. Der Besitzer des Hofs und der Schenke war ein Edelmann, dessen ich mich wenig erinnere. Er war feist, breitschultrig, immer lachend und - fröhlich, hatte ein Schlem.mergesicht und ein ziemlich gutes Herz. Aber Geld verschwendete er fürchterlich und bedurfte daher dessen unaufhörlich. Alles vergeudete er. Um das Morgen kümmerte er sich nicht, wenn nur das Heute froh vorüberging. Wir hatten also unsere Noth mit ihm, wenn er auch kein schlechter Mensch war. So oft man vom Hofe sagen ließ, daß Herr von Micuta Vater Joill zu sich bitten lasse, weinte die Mutter. Denn sicher ging es um nichts anders, als nur um Geld. Und dieses war auch bei uns nicht zu finden. Auf dem Hofe, lvelcher eine gute halbe Meile von jener Landstraße entfernt lag, traf es sich selten, daß nicht Jemand zu Gaste war. Befand sich Herr.von Micuta einen halben Tag allein, so war es ihm schon langweilig. Zeigte sich Niemand am Horizonte, so wurde angespannt und zu den lieben Nachbarn auf Besuch gefahren. Der gute Mann war immer lustig und guter Dinge, aber ein alter Sünder. Seine Frau, wie unsere Mutter, weinte und weinte immerzu. Konnte sie ihn auch nicht bessern, sie liebte ihn trotz seiner Fehler. Ihm was es gleich, woher man es nahm, wenn er nur sein Vergnügen hatte. Und stellte man ihm den Ruin des Vermögens vor, so meinte er: „Ah bah, meine Herrschaften, der Herrgott hat mehr, als er austheilte. Der Herr bleibt Herr." - * „Solche Temperamente," unterbrach Jwas, „braucht man bei uns nicht mit der Laterne zu suchen. Einen Herrn wie Micuta besitzt jeder Kreis und jede Gegend!" .. . " „Gewöhnlich," sprach der Jude weiter, „wenn-man nach Joill vom Hofe von einer Seite schickte, sandte von der anderen Frau von Micuta nach meiner Mutter, indem sie dieselbe bat und beschwor, daß ihr Mann dem gnädigen Herrn nicht Geld geben möge. Aber er konnte diesem nicht widerstehen, wenn er anfing, zu umarmen, zu bitten, zu beschwören, zu quälen, zu überreden, und zu geloben. Joäl mußte ihm gehorchen; aber so viel er ihm auch gab. Alles war vn-i zu wenig. Zu den unaufhörlichen Schnlausereien brauchte man Fische, Fleisch, Zucker, Gewürz, Wein und Einrichtungen ohne Ende. Die Rechnungen wuchsen; die quittirten aber nicht bezahlten und auch ratenweise nicht angenommenen, wurden auf Schnürchen gezogen. Mußte man selbst zahlen, verlangte man Vaargeld, so versprach man Zinsen. Zuletzt wurde der Jude unausstehlichdenn er mußte mahnen. Ich sah und wußte damals nicht, was geschah, noch begriff ich diese Lage. Man sagte mir es erst später. Ich blickte mit großen Augen in die Gotteswelt und gar wunderbar erschien sie mir.. Die Schänke stand auf der volkreichen Landstraße, welche

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