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Der Israelit · 1902-12-15 · Heft 99 (15.12.1902) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 99 (15.12.1902)
Date
1902-12-15
Page
– (sequence 20)
Language
German
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kein systematisches Werk, vielmehr eine Sammlung von weder miteinander verbundenen, noch selbst in einer bestimmten, logischen Ordnung zufammengestellten Abhandlungen, öfter auch von Disputationen und durch verschiedene gelehrte und gottselige Männer gelösten Schwierigkeiten widersprechendstem Inhalte. Die ganze damalige Wissenschaft der Juden, d. h. vor dem vierten Jahrhundert gew. Zeitrechnung, als man wahrscheinlich diese Bücher schrieb, ist in dieser überaus großen, regellosen Sammlung, in dieser jüdischen Encyklopädie enthalten. Ihr würdet staunen, wenn wir Euch in jenem berüchtigten Talmud die Hauptwahrheiten der ewigen Moral finden ließen, und die tiefsten Gedanken, zu deren jene Jahrhunderte noch gar nicht reif erschienen. Nichts ist leichter, als Unverständliches lächerlich zu machen. Nichts aber ist ehrenvoller, als den Knoten, der einen Gedanken verbirgt, zu entwirren. Vor allem handelte es sich darum, daß Israel in der Zerstreuung nicht untergehe. Man vermehrte die Vorschriften, die Schwierigkeiten und die Vorbehalte, um es abzufondern u. getrennt zu erhalten. An Gebräuchen, die Euch lächerlich erscheinen, mußten wir festhalten, um nicht vom Angesichte der Erde zu verschwinden in der Schaar der Völker. Der Achtung sogar vor dem unverständlichen Buchstaben unserer Gesetze verdanken wir sehr viel! Doch genug! Ich kehre zurück zu meinem Lehrer. Seiner Ankunft erinnere ich mich noch, als wäre es heute gewesen. Ich stand vor der Thüre der Schänke, als eine ärmliche Dorffuhre auf unserer Schwelle etwas absetzte, was anfangs gar nicht nach einem Menschen aus sah. Dies war ein gebrechliches, gekrümmtes, kleines, mageres, gelbliches Wesen, irgend eine Mißgeburt, grausig anzusehen und lächerlich zugleich.. Auf einem verbogenen Körper, welcher sich durch das fortwährende Sitzen über den Büchern schon so gekrümmt hatte, daß er nicht mehr gerade gerichtet werden konnte, auf einer eingesunkenen Brust ragte ein großer Kopf empor mit gewölbter Stirne und überaus großen, stark nach außen gesetzten schwarzen Augen. Der Ausdruck dieser Augen rührt mich noch heute, wenn ich an sie denke. Sie schienen mir zu blicken ohne etwas zu sehen, so lange sie nicht auf ein Buch trafen. Die Welt spiegelte sich nicht in ihnen und sie verstanden die Welt nicht. Eine gelbliche, wunderlich gefaltete Haut bedeckte das seltsame, starre, dem eines Irren ähnliche Gesicht; denn der Gedanke, der es beleben sollte, entfloh irgendwo in. sein Inneres. Da er auf einem Fuße lahm war — dieser erschien wie verschrumpft und verkümmert— so ging er schwerfällig, sogar am Stocke, indem er mehr hüpfte, als schritt. So sah mein erster „Belfer" aus, der aus der Stadt herbeigeholte, in der Umgegend wegen seiner pädagogischen Talente bekannte Moses.. Nicht viel verstand er in diesem Gesetzbuche, aus.welchem er uns schöpfen lehren sollte; aber er besaß ein unerhörtes Gedächtniß und eine seltene Geläufigkeit, in der Litteraiur der Bücher des Bundes, in der Kabala, der Bibel und dem Talmud. Ganze Ab-. schnitte aus ihnen wußte er auswendig und konntesie/ hersagen, ohne den mindesten Accent zu verändern oder einen Buchstaben auszulaffen. Sein Leben verfloß km zeitraubenden Unterricht der. Kinder und in der eigenen Vervollkommnung. Die Welt ging ihn gar nichts an. Sein ganzes Leben war in der Vergangenheit. Niemals vielleicht hätte man ihn für so geringen Lohn zu uns grbrachl, hätten ihn nicht die zahlreichen Bücher aus dem Nachlasse meines Vaters angelockt, von denen wir zwei Koffer voll überkommen hatten, mehr als an Kleidern und Geräthen. Moses war in genauer Befolgung der rituellen und religiösen Vorschriften von unerhörter Strenge. Er war ein wandelndes Buch, in dessen Geist er ohne Selbstbewußtsein, ohne das Gefühl sogar seiner Nothwendigkeit,- verweilte und sich bewegte, getragen von irgend einem Instinkte. Einen strengeren Lehrer kann man sich nicht denken. Nachdem er einmal diese Verpflichtung übernommen, erfüllte er sie mit unbarmherziger, midleidsloser Grausamkeit. Urplötzlich gelangte ich aus der vollen Freiheit, welche ich bisher genoffen, zu solchem Vüchersitzen, daß ich anfangs glaubte, ich müsse sterben oder wahnsinnig werden. Aber wenn ich auch daran gestorben wäre, ich mußte lernen, ein Jude zu sein, und mechanisch prägte man mir Worte, ganze Abschnitte aus.Büchern, durch ihre stete Wiederholung in's Gedächtniß, und jeder Laut, von dem die Bedeutung eines Wortes abhing, mußte auf das Genaueste auswendig gelernt und ausgesungen werden. Bei dieser brutalen Methode zuckte mein gepeitschtes Gemüth unaufhörlich; dann öffnete es sich und. begann sich zu regen und zu arbeiten. Wir wissen nicht, welchen Einfluß auf das Gemüth eines Kindes die lange, einseitige Entwickelung und Ernährung derjenigen Stämme hat, deren Nachkomme es ist. Das aber ist gewiß, daß, als ich anfing, die Bibel zu lesen und die Geschichte meines Volkes zu lernen? ich mir vorkam, als erinnere ich mich ihrer nach langem Schlafe. Nach Ueberwindung der ersten mechanischen Schwierigkeiten begann ich, mich eifrig zum Unterricht zu drängen. Selbst Moses erstaunte darüber, und obgleich in seinem System es nicht erlaubt war, ein Kind zu loben und mit dem Sporn der Milde anzuregen, wurde er, wenn auch nicht gütig gegen mich, so doch immer willfähriger. Es ärgerte ihn nur, wenn ich Aufklärungen verlangte und mich bemühte. Alles zu (verstehen, indem ich jeden Augenblick Aufschluß verlangte. Damals wurde er ungeduldig und schlug mich mit dem Kantel, mit welchem er die Buchstaben zeigte, auf den Kopf, als wollte er aus ihm diesen vorzeitigen Dünkel herausschlagen. Scheltend und.stirnrunzelnd verbot er mir, heilige Dinge mit dem Verstände zu betasten." ' (Fortsetzung folgt.)

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