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Der Israelit · 1902-12-15 · Heft 99 (15.12.1902) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 99 (15.12.1902)
Date
1902-12-15
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Zeitgemälde von I. I. KrsszewskL in autorisirter UeberLragung. Sogar im Vergleich zu den heutigen Tagen voll Kraft und klarer Weltanschauung, blicken diese Jahre, obgleich sie voller Schrecken waren, wie Blumen mich an. Meine Eltern waren, wiewohl sie einer einst ansehnlichen und vermögenden, aber seit einigen Generationen zu sehr verzweigten und daher heruntergekommenen Familie entstammten, auf die allertiefste Stufe unserer Gesellschaft gesunken; sie betrieben ihr Gewerbe in Dorfschenken; im elenden Handel mit dem unseligsten Getränke, Aufnahme von Reisenden, und all den kleinen Schlauheiten im Verkauf von Vieh und Getreide. Daß ich es grad heraussage: Mein Vater wxir ein gewöhnlicher Dorfschenker, und nicht einmal wohlhabend. Er war ein ruhiger, gottesfürchtiger Mann, der seine Bücher liebte, sich auf irdische Angelegenheiten nicht recht verstand, und dem es sehr schlecht ergangen sein 'würde, hätte ihn nicht unsere Mutter vertreten. Sie war die zweite Frau meines Vaters I o e I. Die Erste verlor er plötzlich und hatte von ihr nur eisten Sohn, der schon erwachsen war, als ich auf die Welt kam. Der alte Joäl war finster, schweigsam, in sich selbst verschlossen und melancholisch. Er dachte an überirdische Dinge und seufzte nur darüber, daß er sich ihnen nicht ganz in frommer Betrachtung widmen konnte. Man schätzte ihn allgemein ob seiner Gelehrsamkeit, aber in der Familie beklagte man sich über seine Unfähigkeit zum Handel und Gelderwerb, welcher bei uns eine Lebensfrage war. Es ist und war längst bei den Juden eine traditionelle Pflicht, Geld zu sammeln. Man muß sich darüber nicht wundern. Dieser Egoismus mußte sich entwickeln, anfangs nicht in Folge des Charakters, aber der Lage und Lebensbedingungen des Volkes. Der Jude war lange ein von der Gesellschaft ausgeschlossenes Wesen, dem kein Recht zur Seite stand. Man gab ihm theuer erkaufte Privilegien, aber Gerichte, Regierungen, Geistlichkeit und Behörden konnten sie in jedem Augenblicke widerrufen, aufheben, oder unberücksichtigt lassen. Wo sollte er sich beschweren? Wem klagen? Der Jude suchte Schutz, Vertheidigung^ und Rettung im — Gelde, dessen Macht Atheisten nicht kannten. Denn Geld ist die allgemein bei allen Nationen verehrte Gottheit. Dieses Geld mußten wir sammeln, denn es umschloß für uns Alles: Gerechtigkeit, Gehorsam, Gunst, Gnade und Hochachtung. Alles dies mußten wir uns kaufen. Umsonst ließ man uns nichts zukommen. Den armen Juden vertheidigte nichts, außer der Gemeinde, zu welcher er gehörte. Die Christen hielten es jahrhundertlang für eine gewisse religiöse Praxis, ein Mittel zur Bekehrung und ein Verdienst vor Gott, sie gegen sich aufzureizen. Manch Einer, der mit allen Gesetzen seines Glaubens gebrochen, wurde rehabilitirt, indem man. meinte, durch Quälen der Juden werde er seiner Sünden ledig.. Wir mußten also uns an das Geld hängen. Denn das Geld war unser einziger Schutz und Vertheidiger. Diejenigen irren sehr, welche behaupten, daß uralte Gesetze uns die Habsucht vorschrieben; sie. wird uns vielmehr zur Notwendigkeit. Unser erstes und einziges Gesetz, das

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