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Der Israelit · 1902-12-15 · Heft 99 (15.12.1902) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 99 (15.12.1902)
Date
1902-12-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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2102 7. sichtlichen Einfluß auf das Wiedererwachen des jüdi- . schen Geistes und des religiösen Gefühls sind unsere Litteraturvereitte, in denen sich die sich entfremdet ge- . wordenen Gemeindeangehörigen wieder mehr als je zusammenschließen. Daß sich in diesen Vereinen selbst '"die Vertreter aller religiösen Richtungen in der Pflege jüdischer Geschichte zusammenfinden, ist eine erfreuliche Wa^-nehmung und kann der Befestigung eines echt jüdis! j Lebens nur förderlich sein. Freilich muß auch '. gesagt, werden, . daß von den Darbietungen unserer 7 Sitteraturöereine, besonders in Bezug auf Vorträge, nur., sehr. Weniges sich durch inneren Gehalt, oder in seiner belehrenden und erzieherischen Wirkung auszeichnet und manche Redner wohl lange sprechen, ohne etwas ' eigentliches zu sagen. Das dürfte mit der Zeit dem ' Interesse an den Vorträgen mancherlei Abbruch thun und sollte rechtzeitig an Programmänderungen denken " lassen. Man muß aber doch auch, um gerecht zu sein, ‘ sagen, daß unsere rheinisch-westphälischen Litteraturvereine es bisher verstanden haben, .durch sorgfältige Wahl der Redner, neben dem Mittelmäßigen, auch Vorzügliches zu bieten. Zu. diesem Vorzüglichen, ja sogar Ausgezeichneten, gehören die Vorträge des Herrn Rab- . biners Dr. Goldschmidt-Offenbach und des praktischen ^Arztes Dr. Arthur Kahn-Bonn. Erstercr sprach über .die Poesie der jüdischen Gebete und fesselte immer von Neuem durch seine schöne Sprache das Interesse der Zuhörer. Auch seine Gegenüberstellung von Nietzsches Zarathustra und Moses war eine hervorragende Leistung. Mächtiger auf die Zuhörer wirkte allerdings Herr Dr. Kahn in der Schilderung des alten und neuen Ghetto's, einer Darstellung von solch erschütternder Poesie, daß man ganz unter dem Banne des Redners steht. Selbst die humorvollen, oft zum Lachen reizenden Schilderungen des modernen Ghettos sind nur kurze Intervalle eines großen und düsteren Ernstes, - der die Rede durchweht. Daher ist auch die Wirkung eine tiefe, nachhaltige, und nicht nur belehrt, sondern .auch feierlich gestimmt folgen die Zuhörer mit gespannter' Aufmerksamkeit. In einem anderen Vortrage: - »Jüdische Frauen und ihre Aufgaben," schlug Herr Dr. . Arthur Kahn einen ganz verschiedenen, aber auch nicht minder wirkungsvollen Ton an. Lob und Tadel werden hier den jüdischen Frauen in gleich freimüthiger Weise zuertheilt und mit der beherzigenswerten Mah- ,nung„ daß die jüdischen Frauen wieder ein-acht jüdi-. ' sches Haus schaffen, es mit jüdischem Geist erfüllen, vor allem ihre Kinder wieder acht jüdisch erziehen sollten, - schließt der Redner mit der Mahnung Schillers: „Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben; :',TBewahret: ste.7-Sie sinkt mit euch,.mit euch wird sie . j-"-sich heben." .AM' wag 'cibei nicht nur der Inhalt sein,' was "'Dr?Kahn'§'Vortrag'eine so tiefe,- Wirkung-verleiht., . Auch die Art. wie er zu seinen Zuhörern spricht. fesselt ungemein. Hier spricht ein Herrscher im Reiche des Gedankens, ein Meister der Sprache — jede rhetorische Effekthascherei verschmähend, aber mit einem für sein Judenthum glühenden Herzen. Das mag ihm anck den Beifall sichern, den er bisher überall geerntet hat. denn schließlich spricht er doch zu jüdischen Herzen und solche verschließen sich einem so warmherzigen Rufer, wie Dr. Kahn, nicht lange. Solche Redner thnn unseren Litteraturvereinen noth und wir möchten ihnen noch recht viele solcher wünschen. —V. — England.. London, im Dez. Das von uns schon mehrfach erwähnte, in London periodisch erscheinende „Rumänische Bulletin" bringt in seiner neuesten Nummer vom 5. Dezember wieder einige interessante Aeußerungen bekannter englischer Staatsmänner über die Verfolgung der Juden in Rumänien. So schreibt der offizielle Führer der liberalen Partei, Sir Henry Campbell- Bannermann:; - „Ich erfahre mit Freuden, daß Sie bemüht sind, die Frage der rumänischen Juden bei dem Publikum wach zu erhalten. Die Behandlung dieser Leute ist so hart, ja grausam gewesen, daß alle Freunde der Freiheit und Humanität sie verurtheilen müssen. Unsere Hoffnung muß die bleiben, daß die allgemeine europäische Meinung die rumänische Regierung veranlassen wird, ihre jetzige Politik aufzugeben." Sir Wiliam Hartcourt sagt: „Ich habe mit großem Bedauern und mit Mißbilligung über die Behandlung der Juden in Rumänien gelesen, und ich bin überzeugt, daß der Unwillen, den diese Behandlung bei Leuten jedes Glaubens und jeder Richtung hervorruft, dazu dienen wird, dieser Verfolgung ein Ende zu machen." Ein Schreiben des Herrn Asquith, des früheren Ministers des Innern, hat folgenden Wortlaut: „Ich stimme von Herzen in den Protest ein, der fast in jedem Theile der Welt gegen die Behandlung der Juden in Rumänien erhoben wird. Die Regierung Rumäniens hat-sich durch ihr Verhalten gegen ihre jüdischen llnterthanen die Sympathie und die Achtung aller Derer verscherzt, denen Freiheit und Gerechtigkeit theuer sind." Aehnlich wie Sir H. Campbell-Bannermann hat sich bekanntlich auch der amerikanische Botschafter in .Berlin, Andrew D. White, in einem kürzlich veröffentlichten Briefe ausgesprochen. S p r e ch f a a l. ^Nochmals die Dsialulrosi und Dv Wöwe." An die Redaktion.des „Israelit"^ . / ''; * . Da ich nichl gerne mit den Geistesprodukten Anderer Prahle, oder meine Artikel „fristren"*) lasse, er- *) Wo dieses Wort stehk, schrieb ich »zusammen zu stellen".

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