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Der Israelit · 1902-12-15 · Heft 99 (15.12.1902) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 99 (15.12.1902)
Date
1902-12-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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2100 y\ ZMr-mgökSGchrrchLerr «Kd TsrVs-psKdsKZE. ---Deutschland.- - - Mainz. Von. Berlin erhalten wir folgende schier unglaublich klingende Mittheilung vom 23. vorigen Monats: . i Ich erhielt heute Morgen von einem Bekannten (Israelit) eine Einladung zur Beerdigung seiner verstorbenen Frau. Diese Frau war eine Christin, die mit ihrem Manne in nur standesamtlich vollzogener Ehe lebte, und sich während ihres ganzen Ehelebens geweigert hatte, zum Judenthum überzutreten. Sofort wandte ich mich an den deutschen hiesigen Gemeindebund*) und fragte unter Mittheilung des Sachverhaltes an, ob die fungirenden israelitischen Beamten davon unterrichtet seien, daß die Verstorbene evangelischen Glaubens war.. Die erhaltene Antwort bejahte dieses und fügte hinzu, daß die Betheiligung der Beamten laut Beschluß vom Rabbinat und Vorstand zulässig sei, sobald der Mann Jude ist. Der Einsender, Herr L. Löbenstein, Berlin N., Fehrbellinerstraße 50, ersuchte uns im Interesse des Judenthums, um Veröffentlichung dieses Vorkommnisses und gestattete uns die Nennung seines Namens. :: V ' ' -- Trotzdem bestimmte uns die Ungeheuerlichkeit bieser Nachricht, Herrn Löbenstein um den Wortlaut der erhaltenen Antwort zu ersuchen. Derselbe schrieb uns in Folge dessen am 5. Dez: „Im Bureau angelangt, erwiederte mir der fungirende Beamte Folgendes, nachdem er sich nach Stand und Name erkundigt: - „Wir w i ssen, daß die Dame eine Christin (katholisch) war. Aber da ihr Mann ein Jude ist, so wird dieselbe auf dem jüdischen Friedhofe zu Weißensee beerdigt. Der Vorstand weiß ebenfalls davon und ^ist dieses gestattet. Nachdem beim Rabbinat vorher angefragt worden ist, so wurde mit Genehmigung des Vorstandes .und Erlaubniß des Rabbinats ein für ' allemal beschlossen, derartige Kategorien nicht-israelitischer Damen in Weißensee auf dem jüdischen Friedhofe ' zu begraben." In einem Zusatze schreibt Herr Löbenstein: „Gestatten Sie mir. noch etwas hinzuzufügen, das dieser Demüthigung unserer Religion noch die Krone aufsetzt. t --Herr Rabbiner Dr. Blumenthal hat die Freiheit s;(das uns vorliegende Original hat hier einen Ausdruck, den wir gemildert haben. Red.) besessen, am offenen Uiu ''^°Dot'EmsÄib'ör--der'wrter der bcareiMchl-n Erregung heS" ersten Eindruct's seine '-Ansroge und diese Einsendung erwtgen licB. furicfit hier von dein..deutschen hiesigen Gemeindebund. Lermutb» ' lick, soll darunter der Vorstand der Berliner JSrnel,tischen (>»nn"ude . . verstanden sein, da die Angelegenheit unt dem Reswrt des Zeutsch' - JLael. GemcindrbundS nichts zu thun hat. Anind. Red. Sarge auf dem Friedhofe die jüdischen Gebete herzumurmeln und in der Halle eine Predigt zu halten. Nach gethaner Arbeit hat Dr. Blumenthal mit dem Ehemann der verstorbenen, soeben begrabenen Christin zusammen den Kaddisch gesagt, der bei jeder Lewajo gesprochen wird. — Diesen Zusatz theilte mir ein Augenzeuge mit." Wir beschränken uns für jetzt auf die bloße Constatirung dieses unerhörten Vorkommnisses und hoffen, daß diese Veröffentlichung zunächst die in Betracht kommenden Gemeindebehörden und Beamten veranlassen' wird, sich über den Thatbestand zu äußern und so zuerst etwas mehr Licht in die Sache zu bringend — Eine Art Pendant zu diesem Fall enthält folgende Mittheilung eines anderen Berliner Berichterstatters, der uns gleichzeitig schreibt: „Ein hiesiges antisemitisches Blatt hat sich unter der Spitzmarke: „Cohn und Sohn" eines gleichlautenden Feuilletons der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" bemächtigt. Ich lese die „Allg. Ztg. d. Judenthums" nur selten, das Feuilleton aber nie. Da aber das antisemitische Blatt, es ist die „Deutsche Zeitung" vom 20. Nov., den Wortlaut des betr. Feuilletons ausführlich zitirt, so wird's damit Wohl seine Richtigkeit haben. Wie das antisemitische Blatt sich den Inhalt des Feuilletons für seine Zwecke zurecht legt, gehört nicht hierher. Uns interessirt hier nur, daß es sich um einen jungen Mann, Simon Cohn, handelt, der ein christliches Mädchen heirathen will. Der Vater ist dagegen, ebenso die Mutter. Der Sohn hat im englischen Heere gegen die Buren gefochten und ist nun heimgekehrt. Der Vater ist inzwischen gestorben. Die Mutter ist aber noch immer, gegen die Heirath mit einem christlichen Mädchen. Aber Frau Cohn wird bekehrt, bekehrt durch einen Kriegergottesdienst, der in Verbindung mit dem Chanukafest in der großen Synagoge abgehalten wird. Als die Soldaten aus der Synagoge marschirten, drückte sie sich zu Simon hin und ergriff für einen Augenblick seine Hand, indem sie ihm aufgeregt zuflüsterte: „Mein Lamm, heirathe sie — w i r sind alle jetzt gleich Englisch." Was wohl die jüdische öffentliche Meinung von einer „Zeitung des Judenthums" halten wird, welche die Verbeugung des Judenthums durch Verheirathung mit Nichtjuden in dieser Weise glorificirt?" , Soweit unser Berichterstatter. — Wir glauben, daß in diesem Gechristel viel mehr System steckt, als Manche glauben. Der erste Rabbiner der Berliner Gemeinde vertritt nach einem Citat, das in Nr. 88 aus seinen Schriften citirt wurde, die merkwürdige Ansicht, daß. die .religiöse Idee und ihre Entwickelung innerhalb des Judenthums von den Anschauungen bedingt ist. welche'die Vekennerschaft von ihrer. .Umgebung angenommen hat. —Nach dieser Prämisse wird es nicht schwer halten, Mischehen als eine besonders löbliche

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