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Der Israelit · 1902-12-11 · Heft 98 (11.12.1902) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 98 (11.12.1902)
Date
1902-12-11
Page
– (sequence 27)
Language
German
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täusends, sodann die erste menschenwürdige Gesetzgebung der Menschheit,' die erste Moral, die erste, noch bis auf den heutigen Tag nicht ganz verstandene Idee eines unverbrüchlichen, ehernen Gesetzes, welches die Welt regiert, eines Gesetzes von göttlichem Ursprünge. Die Zehn Gebote, uns gegeben auf dem Berge Sinai, diese Tafeln drücken den großen Gedanken des göttlichen Gesetzgebers aus: daß die ganze Menschheit einem unerschütterlchen Gesetze unterliegt, . daß jede Handlung des Menschen in ihrer Natur den Keim der Belohnung oder der Strafe trägt, welchen er nicht entgehen kann. Wie ein Einziger Ewiger Gott ist, so ist ewig Sein einziges Gesetz. Bedenkt, daß unserem Volke stch der alleinige Gott offenbart und dieses alleinige Gesetz damals, als die^ Andern noch herumirrten auf den Abwegen des Polytheismus und der Anarchie, wenn man stch so ausdrücken darf, daß uns also anvertraut wurde die Pflege der großen Idee, des heiligen Feuers, welches in Jahrtausenden auch nicht einen Augenblick erlöschen bürftc!" Hier hielt er etwas an sich, bewegt und erröthend, als ob er sich des Eifers schäme, mit dem er diese Worte sprach. Leiser dann fuhr er fort: „Als Verbannte zogen wir in die Welt, um die Gottes-Idee zu säen, oder besser gesagt, sie nur zu pflügen. Wir machten keine Proselyten seit zwei Jahrtausenden, wir bewahrten nur uns selber unfern Schatz. Die Welt schritt vorwärts, lebte, kämpfte und arbeitete. Wir spönnen uns ein in unser Verhängniß und in ihm besaßen wir Alles. . Bekannt ist Ihnen, wenigstens in allgemeinen Umrissen, unsere Geschichte von der Zeit an, da die christliche Welt die Verfluchung über uns verhängte, da uns Verleumdung, Schmach aller Art, Verfolgung und Henker nachstellten, da man uns aus der menschlichen Familie ausschlotz für die Liebe zum unserem Gotte, unserem Gesetze und unserem Vaterlande. Man kann diese Zeiten der Verfolgungen sich denken, wer aber vermöchte sie zu beschreiben und besingen? Angesichts dieser unmenschlichen Geschichte hat der Menschenmund nicht Worte, das Haupt nicht Gedanken, der Sprache fehlt der Laut.^ Aber nach Jahrhunderten der Unterdrückung blieben ihre Wirkungen nicht aus — sind wir Alle von ihr gebrandmarkt. Die Menschheit machte aus uns wilde Thiere, die ihr Leben gegen Angriffe, j vertheidigen. Der Instinkt verband uns zu einem zusammenhängenden Körper, der jetzt die ganze Welt mit einem Netz umspannt. Indem wir uns wehrten, erlangten wir Kräfte, die wir nicht haben würden, wenn man uns nicht verfolgt hätte. Wir erwarben uns die Tugenden der Unterdrückten, der stolzen Demuth bis zur Verachtung des verständigen Schweigens, unter der Maske der Dummheit, der unzerreißbaren und unmerklichen Eintracht, der Berechnung, wie sie die Gefahr bedingt, und der, Aufopferung der Einen für die Andern. In der großen Menge zeigten sich neben den Tugenden auch die Untugenden, Fehler und Laster der Unterdrückten. Mitten in der Völkermenge und in der Bewegung der uns rings umrauschenden Wogen, blieben wir abgesondert und unvermischt, erhielten wir uns als besonderes Volk, welches sein Vaterland in der; Brust überallhin mit sich trug» im Gebetbuche, in frommen Gebräuchen, und in allen, auch den kleinsten Ereignissen des Lebens. An jedes derselben knüpften wir eine Erinnerung, eine Feier. Die Gebote vergegenwärtigten uns unfern Gott, den Menschenlippen nicht zu nennen wagen, und unser Judaea.... Millionen Wesen wurden geboren und starben, ohne es gesehen und geliebt zu haben, als ihre Mutter. Millionen verrichteten mechanisch diese Gebräuche, deren Geist kaum ein Stamm und ein Gemüth erforschte. So vermochten wir mit dem mosaischen Gesetze uns zu erhalten bis auf den heutigen Tag. Wir trugen es bis an die Schwelle der neuen Epoche. Hier aber, fürchte ich, werden wir leider die theure Bürde nicht niederlegen. Die Juden muß man schon aus der Geschichte lernen. Die jüdische Idee verschwand beinahe schon mit der Welt, die sie verfolgte. Ich durchwanderte Europa und entsetzte mich darüber. Wir sind die vielleicht auch schon zur Leiche erstarkte Aristokratie Gottes, des durch menschliche Gleichgültigkeit vom Throne gestürzten Gottes, und des vom Gespötte der Verstandes umgestoßenen Gesetzes, jenes Verstandes, der nur zu vernichten und umzustürzen vermag!" Hier unterbrach sich der Jsraelite, indem er sich die Stirne rieb. Zwei helle Thränen standen ihm in den Augen. - . - „Verzeihung!" sprach er . wie verwirrt. „Meine Brust ist so voll, ungeordnet entströmen ihr die Gefühle. Ich sollte Ihnen von mir erzählen, und schwatze von unserem V o l k e., Doch wie könnte ich mich von ihm absondern, der ich Jude bin? Zurück wende.ich mich jetzt — sei es auch nur versuchsweise — zu meinem Leben und Verhängnisse. Geboren wurde ich in großer Armuth in einer jener jüdischen Familien, wie sie in polnischen Dörfern zahlreich verbreitet sind, deren Bestimmung es war, den Stamm nur zu erhalten, den Buchstaben des Gesetzes zu wiederholen, ohne ihn zu verstehen, und zukünftige Geschlechter heranzuziehen zu! Geschicken, die Niemand bekannt sind, außer der Vorsehung. Sie wissen, was das Judenleben im alten Po-' len auf sich hatte. Denn Sie haben es gewiß beobachtet, mitten in Eurer wunderbar organisirten Gesellschaft, die zu einer einzigen Volksklasse verschmolzen, zur Pflegerin der Nationalidee, des Volkslebens und seiner Geschichte wurde.. Die ganze Sünde dieses unseres' Polens, welches ich ebenso liebe, wie Ihr es liebt, war nicht die, deren es vielleicht seine Todfeinde zeihen, sondern eineeinzige aus dem Alterthum; der Geschichte" und der Vergangenheit herausgerissene alte Idee, welche'

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