Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 98 (11.12.1902)
- Date
- 1902-12-11
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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2096 es zur rechten Zeit zu verbreiten und wiederzugebären 8 nicht vermochte. Niemand war mehr verliebt in Menschenwürde und Volksfreiheit, als die Polen. Aber mit der Verblendung der alten Römer sahen sie den Menschen nur im Adel. Diesem überwiesen sie die Sendung der Nation, und bedachten nicht lange, daß die neue Gesetzgebung alle Menschen zu Allem zuläßt Und Niemand zum Opfer und kraftlosen Fußschemel zu machen erlaubte. Dem nach dem neuen Muster heidnischer Staaten erbauten Organismus Altpolens war der Adel: Apostel. Kaplan, Wächter des Herdes und Vertheidiger zugleich. Er gab die Gesetze, er legte sie aus, schützte sie vor Vernichtung, vertheidigtesie gegen Angriffe und wollte sie MiethlingShänden nicht anvertrauen. Deßhalb mußte das ganze übrige Volk sich ihm unterwerfen und ihm dienstbar sein. Es war dies ein langer Jrrthum der Klassiker, die im Alterthum in den Götzendienst verliebt waren. So erkläre ich mir dies als Jude und als Pole.. Polen verstand, wie die Republik Venedig, es nicht, sich zu rechter Zeit zu reformiren; es wollte lieber untergehen, als eine neue Lebensform suchen und die theüre Freiheit der. Obhut Aller übergeben. Ich sehe in Euerm vielgeschmähten Leben, wie in unserem eigenen, großen Glanze. Urtheilt man kalt, kann man es leicht verspotten; liebt man es, muß man weinen über diese Epoche der Vergangenheit und diese Homerische Epoche, von welcher ich nur abgerissene Bruchstücke kenne!" „Halt!" sprach der junge Mann stirnrunzelnd, „Sie sind ein Sohn dieser Epoche. Rechtfertigen Sie nicht die Vergangenheit?" „Das sagen Sie?" fragte der Jude. »Ja ich, ein Pole!" erwiederte Jwas. „Aber ich, der im Lande inmitten neuer Zeiten und Ideen geboren wurde, ich verwünsche die schönsten, heiligsten Momente unserer Geschichte, und beschuldige sie, die Ursache unseres Verderbens zu sein! Sehen Sie," fügte er hinzp, „wie charakteristisch dies ist, wir, die Nachkommen derer, die Jahrhunderte hindurch auf der Wacht der Freiheit standen, wir Alle, was sehen wir heute in unserer Geschichte? Von welchem Standpunkte urtheilt heute über sie die historische Kritik? ' Wir verdammen nur das, : was der Befestigung der absoluten Gewalt im Wege stand. Die größten Herrscher in den Augen der heutigen Generation sind diejenigen, welche gegenüber - dem Adel danach trachteten, die Regierung in ihren Händen zu befestigen, und alle Institutionen umzustürzen. die der Augapfel republikanischer Freiheiten sind. Dieser eine Gedanke erfüllt und verblendet das neue Geschlecht. Nicht darum handelt es sich, ob wir die uns anvertraute Idee gehegt und gepflegt bis zum Aeutzersten, heute geht es nur darum, daß -vir für sie. als Opfer gefallen sind!" : „Darin haben Sie Recht!" sprach der Jude. „Aber dem heutigen Schmerze kann , man diese Einseitigkeit des Urtheils verzeihen. Ich, der ich vielleicht kühler auf Polen und sein Schicksal blicke, nach dem, was ich gelesen, gehört und gesehen, trage sein volles Bild in mir. Es ist sonderbar, grausig, oft wild, aber immer groß und erhaben. Wer hätte mehr als ein Jude das Recht, sich zu beschweren und zu beklagen über den pol-' nischen Adel. Ich erkläre ihn mir nach dem kalten Verstände, aber durch die wunderlichen' Züge, welche, die Vergangenheit aus ihm ausprägte, schaue ich hindurch bis in sein Antlitz von überirdischer Schönheit!" „Sprechen wir also hierüber ein ander Mal," unterbrach ihn der junge Mann. „Aber wahrlich, es ist doch sonderbar, daß ich, ein polnischer Adliger, diese Vergangenheit verdamme, welche Sie, ein polnischer Jude, mit einem Schleier bedecken und vertheidigen!" Lächelnd erwiederte Jakob: „Ich bin weit älter, als Sie, mein Bruder. Mich machten Leiden. Mühen und Sinnen alt; vielleicht auch die Schmerzen des Stammes, dessen Blut ich in mir trage!" „Gut. Aber reden wir jetzt von Ihnen!" unterbrach ihn Jwas voll Ungeduld. „Gemach! Nur langsam! Ich kann nicht anders!" entgegnete Jakob. „Wir werden auf diesem steinigen Pfade weiterschreiten, wie Mineralogen im Gebirge.. So oft wir auf interessantes Gestein stoßen, Müssen wir es mit unserm Hammer zerschlagen, um sein Inneres zu erforschen. Aqua Sola kommen wir immer gelegen!" „Ah! das ist wahr. Wir sollten ja dort mit meiner schönen Retterin zusammentreffen. die mir, wie eine Samariterin, die glühenden Schläfe benetzte!" ' Der Jude lächelte wieder. „Ja, ja! Mit dieser Italienerin, die Ihnen die Stirne mit Wasser begoß, aber vielleicht das Herz mit Flammen .... Aber zwischen gestern und heute liegt ein Abgrund. Wer weiß, wie Viele von uns, ihrem Worte getreu, sich einfinden werden im Gärtchen von Aqua Sola?" „Sie meinen?" fragte der junge Mann. „Ich lernte schon im Leben nicht viel auf Versprechungen zu geben, die erst in 24 Stunden erfüllt werden sollen, gar nichts aber auf diejenigen, deren Verwirklichung sich auf eine Woche ausdehnt! Aber bis zum Abend ist's noch weit! Wir werden sehen." „Sehr weit noch! Die Sonne glüht, auszugeben ist unmöglich! Erzählen Sie weiter! Ich höre!" rief Jwas. „Wem wäre nicht lieb die Erinnerung an die Jugend, und ob.sie auch noch so schmerzlich!" sprach Jakob. „Wahrlich,, ich kann mich nicht glücklicher Kinderjahre rühmen, aber noch heute preßt mir der Gedanke an sie Thränen aus den Augen. Und' ich kann nur wiederholen, was im Buche'..Sabbat" (162). geschrieben steht: „Sie entflieht und kehrt nicht wieder! Die Jugend ist ein Blumenkranz, das Alter eine Dornenkrone." Zeit haben wir genug. In (Fortsetzung folgt.) Verantwortliche Lledaetion: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des Israelit". Schottstrabe Nr/2. Mainz. Drnä und^lerlag der Jioh. Wirth.'schen Hafbuchdruckerei Aetien-Gesellschaft-.ln Malnz.1 . .... ' '•* *