Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 98 (11.12.1902)
- Date
- 1902-12-11
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449795-2449885--57224-2519927- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
nach Freiheit und Licht, nach Glück und Eintracht, nach Recht'und Gerechtigkeit streben-,wie wir, wie ich selbst. Ich gerieth in eine bodenlose Gesellschaft, von der ich keinen Begriff und in der für Schwärmer und Verbannte kein. Platz war, wo Niemand einem Sterbenden die Hand reicht, einen Seufzenden tröstet, einem Wahnsinnigen Zuflucht bietet. . Ich mutz also zurückkehren, und. sollte man mich dort auch zu Tode martern oder weithin in die kalte Verbannung schicken. Denn dort schlagen noch wärmere Herzen, dort nützt das Dulden noch, zu etwas; heilig ertragenes Dulden bekehrt, .während hier der Märtyrer nur Lachen erregt und der Dürftige, und sei er auch noch so heilig, verachtet wird, Ach! Bruder! Was wird aus Europa? Wohin geht die Welt?" , . - . ' „Europa ist gealtert und furchtet sich vor Gewittern," sprach langsam der Jude. „Oder die Welt ist' geschwächt durch Charlatane jeglicher Art, welche mit dem Schmerze und dem Märtyrerthum spielen für -- Geld. Deßhalb ist heute sogar die Sprache der Wahrheit unverständlich und lächerlich geworden. Die letzten Jahrzehnte des jugendlichen Feuereifers benutzte man zum Vortheil gewandter und ehrgeiziger Schwindler. Spekulirte man nicht, wie Varnum mit Washingtons alter Amme, mit Vaterlandsliebe, Freiheit und Enthusiasmus, für Gleichheit und Brüderlichkeit? Auf Hundert Schreier kam auch nicht ein Märtyrer. Man erpreßte Geld unter verschiedenen Vorwänden, man zog Nutzen aus dem Eifer, und endlich löschte man die Wärme der Menschenseelen bis auf den letzten Funken aus'. Heutzutage ruht die Welt ermattet im Skeptizismus; sie glaubt an nichts mehr, denn sie sah die Freiheit entartet zur Anarchie, die Brüderlichkeit auf das Eigenthum spekuliren, die Revolution als Schemel des Ehrgeizes falscher Menschen und Apostel dienen, die mit. ihren inbrünstigsten Predigten nur — Groschen erpreßten. Man muß warten, die Menschheit wird sich auch wieder ausruhen und bessern!" - So sprachen sie, als die Sonne zu den Bergen em- .porstieg Und die immer zunehmende Gluth nicht einmal gestattete, an einen Gang in die Stadt zu denken. Man ließ also die Gardinen herab, verhüllte die Ritzen und schloß die Jalousien, und die beiden neuen Bekannten setzten sich, um plaudernd die Abendkühle zu erwarten. „Es ist billig," sprach nach einer Weile der Jude, „daß auch ich mich Ihnen zu erkennen gebe. Wir verstehen uns recht gut. Doch meine Lage bedingt eine Ausnahme, mit der ich Sie bekannt machen werde. Ich hoffeunsere bei Genua begonnene Bekanntschaft wird in Genua noch.nicht enden. Sie werden von Sich noch mehr sagen. Aber der Anstand erfordert, daß ich mit aufrichtigem Bekenntniß Ihnen den Weg öffne. Diesisieine Schuld, die ich der aufkeimenden Freund- . schaff, abtrage." s, '* Er schwieg und fügte nach einer Pause hinzu. «Ich sagte Ihnen schon, daß ich Jude bin. Dieses Wort umschließt gewissermaßen Alles: es bezeichnet dos Loos und läßt bis zu einem gewissen Grade den Charakter errathen. Aus bekannten Ursachen müssen bestimmte, unvermeidliche Wirkungen entstehen. Der Jude ist sogar heutzutage, da er aufhörte, ein Verbannter und ein Paria der Gesellschaft zu sein, noch ein Geheimniß, noch immer ein Räthsel. Er trägt auf der Stirne den vor mehr als tausend Jahren erfolgten Ausspruch, welcher ihn zu einer besonderen Bestimmung salbte, zu einer Sendung voller Leiden, Mühen, Demüthigungen und Unfälle, aber auch zu seiner Erhebung aus dem schwärzesten Abgründe. Mit Stolz sage ich Ihnen, und verbinde mit diesem Worte eine große Bedeutung: Ich bin Jude! Sie rannten die Juden in unserem Lande, nicht aber die'in der weiten Welt, also nur ein kleines, finsteres Theilchen des ungeheuren Lagers der in alle Welt Zerstreuten. Das Wort „I u d e" war lange für die ganze Welt ein Ausdruck der Verachtung, nicht verständlich und nicht verstanden; abgesondert und sich selbst absondernd von der Gesellschaft stand er ganz allein und trachtete und mühte sich ab nur nach Einem: zu leben, auszudauern, Angriffe abzuwehren und nicht unterzugehen. Zur Ausrottung bestimmt und doch sich fühlend als Träger der großen Gotiesidee, bestrebte er sich, sie zu erhalten und sich selbst als ihr Gefäß zu betrachten. Die Welt, die sich nicht aufschwang zur Höhe seines tausendjährigen Martyriums. war für ihn so verächtlich, wie er selbst ein verachtetes Wesen für die Welt. Die Fußtritte und Kränkungen, die man uns zukommen ließ, erhoben uns und hielten uns aufrecht. Wir sind ein sprechender, lebender Beweis der Geisteskraft, die sich durch'Drangsal vermehrt und unter den wildesten Kämpfen mit den Todfeinden noch wächst. Heute öffnet sich langsam vor i uns die Welt, obgleich wir noch nicht mit vollkommener l Gleichheit der Rechte in die große Völkerfamilie eingei treten sind. Noch versteht sie uns nicht, wie wir sie nicht verstehen. Man lästert in uns Alles, vom Glauben, an, dessen Hauptquelle wir doch mit den Christen gemein haben. Man versteht unsere Ueberlieferungen nicht. Man verfolgt uns dafür, daß wir uns nicht lossagen wollten. Diese tausendjährige Sklaverei voll Ungemach, Verachtung, Ungerechtigkeit und Martern, machten Gute fast zu Heiligen. Böse zu Teufeln. Wir mußten -uns wehren! Die Welt sah nur die böse Seite, die wir ihr zukehrten: wie die Löwin, die ihre Jungen vertheidigt. zeigten auch wir nur die scharfen Tatzen und blutigen Nachen. Verzeihung," sprach erstaunt der Israelit, „ich vergaß mich selbst, indem ich von den Juden redete. Ich fühle mich als'ein Glied dieser großen Familie. Zunächst bevor ich noch ich selbst, muß ich exst Jude sein! Mit Stolz wiederhole ich noch einmal: Ich bin Jude! In diesem Worte häuft sich der Schmerz eines Jahr-