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Der Israelit · 1902-12-08 · Heft 97 (8.12.1902) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 97 (8.12.1902)
Date
1902-12-08
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Recht zur ungelegenen Zeit fiel auf die entflamm- . ten Gefühle dieser Tropfen kalten Wassers. Man sah , dies an den verstimmten Gesichtern.! „So wäre also dieser kurze Augenblick, in welchem wir Fremde uns wie Menschen begegneten und so freundlich verbrüderten, schon vorüber," rief seufzend die Italienerin. „Jeden von uns treibt das Geschick auf's Neue in seine Gegend, wie der Aufseher die Galeerensträflinge, ' welche mit einander etwas flüstern wollen! Werden wir uns noch einmal Wiedersehen?" „Wir? das weiß ich nicht." sprach der Däne, indem er sich wieder mit dem Lorgnon bewaffnete. „Aber mit uns ähnlichen, in dieselbe Form gegossenen Typen, mehr oder weniger glücklich, werden Sie, gnädige Frau, noch gar manchmal Zusammentreffen. Was mich anlangt, so bin ich überzeugt, daß ich Sie schon längst kannte, und noch oft Wiedersehen werde, obgleich vielleicht in weniger vollkommenem Kontrast als heute." Dieser, ein wenig sonderbare Gedanke, war der Italienerin nicht sehr angenehm. Sie blickte den Dänen an fast mit dem Vorwurfe, daß er sie für etwas so Gewöhnliches halte. . - - „Was mich betrifft," erwiederte sie, „so begegne ich Ihnen, mein Herr, zum ersten Male im Leben und gestehe Ihnen, daß . ' . ." „Sie mich nicht gerne Wiedersehen möchten?" ergänzte er sie. „O nein!" entgegnete sie. „Mich betrübt dieser Glaube an Typen,' nichr an Menschen. Wer von uns gleicht vollkommen einem Andern?" „In allen Menschen," sprach der Däne, „ist im Ganzen nur ein Mensch, glauben Sie mir, verehrte Frau. Wenn es mir erlaubt ist, noch einige Worte hinzuzufügen, so sage ich. daß dieser Glaube an die Verschiedenheit der Menschen uns verdirbt. Wir suchen immer den Andern zum Paar und als Maßstab, treffen aber immer auf den alten Bekannten, welcher, unter uns gesagt, nicht viel werth ist!" „Vielleicht haben Sie nicht ganz Unrecht," mein Herr!" erwiederte seufzend die Italienerin, indem sie von der Seite nach dem Russen blickte, der trübe lächelt;, sowie nach dem Galizier, der die Unterhaltung nicht zu hören schien. „Aber verbittern wir uns« nicht das Le-, ben! Auf Wiedersehen in Genua! Nicht wahr, auf Wiedersehen?" wiederholte sie laut. „Morgen Abend zum Beispiel, aber wo?". „Ah! doch in Äqua cola!" rief einer der Italiener. „Da ist Musik, vielleicht, ein Fest! Dort treffen wir uns am schnellsten!" 1 Alle erhoben und verabschiedeten sich von der Dame, die dem Polen noch einmal die Hand reichte und ihm beflere Gesundheit wünschte. . - Sofort begann auch die hierdurch kleiner gewor- °dene und auseinander gerissene Gesellschaft sich zur Abfahrt zu rüsten. ' ' Der Däne fuhr mit der Diligence; der Zigeuner mit dem Omnibus. Die Italiener gingen zu Fuße. Der ökonomische Deutsche setzte sich auf. den Wagen des Wirths, indem er sich neben den Körben u. f. pr. einen Platz bestellt hatte. ~ V „Wir fahren zusammen," sprach der Jude zu dem Polen. „Ich lasse Sie nicht mehr allein. Ich habe. einen Miethswagen, der zurück nach Genua fährt. Ich nehme Sie mit mir, seines auch mit Gewalt!" „Wozu soll ich Ihnen zur Last fallen?" fragte der junge Mann.. - £; \ „Durchaus nicht," rief der Jude und reichte ihm die Hand. „Im Gegentheil, Sie werden mir zum Tröste sein. Ich bin der Einsamkeit müde und bedarf der Gesellschaft, damit meine eigenen Gedanken mich nicht verzehren. Erweisen Sie mir die Gunst." „Eine weit größere erweisen Sie mir, denn ich bin unsäglich ermüdet und schwach. Um die Wahrheit zu sagen, ich würde mich kaum noch dorthin schleppen. Ich werde vor Ihnen meine traurige Lage nicht verhehlen, denn ich leide entsetzlich an Leib und Seele!" „Theilen wir also mitsammen unsere Leiden!." sprach der Jsraelite. „Reichen Sie mir die Bruderhand und verzagen Sie nicht am Leben. Ich bin ein Kind des Volkes, welches vor etlichen tausend Jahren die erste Offenbarung des alleinigen Gottes hatte. Ich habe noch heute den Glauben an Ihn bewahrt, wo, beinahe, rings um uns die Menschen nur an den Zufall, oder an gar nichts mehr glauben! Möge sich dann unser Herz öffnen, an Gott denken und an die großen Geschicke, der Menschen und der Menschheit." Sie schritten hinaus. Der Wirth stand auf der Schwelle und sah mit einem gewissen, inneren Tröste den kranken Jüngling davongehen, um so glücklicher, als Alles reichlich bezahlt, aber nicht Alles verzehrt, sondern noch genug übrig geblieben war, um noch ein Diner auftragen zu ' können. ' Als die beiden Gäste auf dem Wagen saßen, empfahl er sich lächelnd und sagte im Geiste: „Zum Glück trafen sich so gute Leute; zum Elend ist nicht viel nöthig! Hätt' er sich den Schädel an der Wand zerschlagen oder sich das Leben genommen — hätt' ich ihn begraben lassen müssen. Ich bezweifle, daß sich in. seinem Bündel so viel gefunden hätte, als nur zum bescheidensten Begräbniß nöthig ist. Ah! Gott bewahre uns vor solchen Reisenden! Vuon viaggio." Ziemlich schweigsam durchfuhren die beiden jungen Leute die nicht weite Strecke zwischen Sestri und Genua. in welcher in fast ununterbrochener Reihe eine Ansiedelung auf die andere folgt, bis endlich nach diesen bunten Wohnstätten, auf deren Wänden drs^Jtaliener ihr ganzes Dekorationstalent verschwendet haben, mitten unter. Felsblöcken, das Thor eines ehemaligen Kastells, mit einer christlichen Heiligen, als Schutz-

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