Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 97 (8.12.1902)
- Date
- 1902-12-08
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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r Herrin der Burg, und auf steinernem Fundamente der hohe Leuchtthurm sich zeigen. Bald folgt auch der Hajeit und längs desselben, ringsumher auf Anhöhen sich «usbreitend: La snperba; Ebenso lieblich als prächtig thürmt sich diese alte Vtadt über dem Meere auf, mit ihren Treppen, Portiken, Kolonnaden und Gäßchen, die bald fast bis zum - Himmel reichen, bald, wie enge Gaffen, in dunkle, unsaubere Tiefen und Höhlen hinabsteigen. Trotz dieser schwarzen Winkel ist dies die Stadt der Paläste. Heute aber gleicht sie einer bunten Muschel, die das Meer an den trockenen Strand geworfen. Denn aus ihr entwich irgendwo das Geschöpf, welches sie mit seinem Blut und Leben erbaute; und in ihr wohnt jetzt irgend eine . wandernde Spinne, ein verirrter Polyp oder das Gezweig einer grünen Alge. Lieblich ist sie auch jetzt, diese Marmorburg. Aber aus dieser prächtigen, in allen Regenbogenfarben schillernden Muschel floh alles frühere Leben; darin . wohnt jetzt ein neues, anderes und unbedeutenderes, dem es in der alten Schale nicht recht behagt; man sieht, sie ist nur geborgt. Von der Kaufmannschaft und der Aristokratie, von jenem ungestümen Volke der Republik Genna, welches Venedig die Stirne bot, ist nichts mehr vorhanden, außer einigen dürren Aestchen und beweglichen Trümmern. Neu sind Geschlechter, Bedürfnisse, Gebräuche und Lebensweise. Wer den stillen Hof eines jener Paläste — der Balbici oder Pallavicini — betritt, dem ist's, als stiege er in ein Marmorgrab. Rings um den Hafen wallt und wogt ein neues Italien. Abweichend vom alten, nahm es seine eigene Form und ein anderes, aber wohl ebenso ungestümes Wesen an, als das alte. Der Wagen fuhr den Hafen entlang zur Stadt, als der junge Mann die Hand auf den Arm seines Gefährten legte und sprach: „Bitte, setzen Sie mich hier irgendwo ab." „Wieso? Warum?" fragte der Jude. „Ich will mir hier näher am. Hafen ein Unterkommen suchen!" . „Aber Sie fahren ja mit mir!" „Ja, aber dennoch bleibe ich nicht bei Ihnen! Ich kann es nicht," entgegnete der junge Mann. „Seien wir offen miteinander. Ich sagte Ihnen ja, daß ich kaum genug habe, um den Rest der Reise zurückzulegen. Ich muß natürlich mir so billig als möglich eine Her- Serge suchen." „Was ist dies wieder!" rief der Gefährte. „Sie nahmen doch mein kleines, schlichtes, aber, rein brüderliches Opfer an und versprachen, bei mir zu bleiben .." Der junge Mann schüttelte den Kopf. „Die Armuth," sprach er, „hat ihren Stolz, wie manchmal höflicher Reichthum seine Demuth. Zürnen Sie nicht! Ich möchte gerne unabhängig sein. Es ist eine kleine Sache, in einem schmutzigen Stübchen zu nächtigen und den Hunger mit einfacher Nahrung'zu stillen. Aber gesund ist es für die Seele, mit so geringem.Aufwand frei zu sein!" ., . „Ich verstehe dies Alles," ' entgegnete/ ruhig der Jude. „Ich achte und schätze es. Aber nur das ist gut, was nothwendig ist. Sie kennen mich nicht, das ist wahr. Aber junge Seelen brauchen sich nicht erst lange zu prüfen, um sich mit heiligem Instinkte zu verstehen und zu verbinden. Ich opfere Ihnen nicht viel, aber das Wenige mit gutem Herzen. Ertragen Sie es bei mir, so ist's gut, wo nicht, so gehen Sie weiter. Ich will auch Ihnen nicht außerordentliche Opfer aufdrängen, will Sie nicht zu demüthigender Dankbarkeit. verpflichten. Ich lade Sie nur einmal zum Abendessen und Nachtquartier ein. Seien.Sie nicht so spröde.. Ich kann mit Ihnen theilen, ohne mir Abbruch zu thun. Ich thue dies aus aufrichtigem Herzen, ohne jeden Stolz, so schlicht, wie ich es sage. Ich will Ihnen sogar meine ganze Absicht verrathen: Ich bin gelangweilt; ich muß mich aussprechen, die Einsamkeit quält mich; Sie erweisen mir also eine größere Gunst, als ich Ihnen, wenn Sie bei mir bleiben. Aengstigen Sie sich auch wieder.nicht vor den Verpflichtungen eines Gesellschafters. Ich werde Sie nicht sehr belästigen. Aber ich werde wenigstens nicht mehr so allein sein. Sie fahren mit mir in ein Hotel, nun, und dann thun Sie, was Ihnen das Herz eingibt!" „Ich würde mich lächerlich machen, wenn ich ein so edles, redlich gemeintes Opfer zurückwiese!" sagte der junge Mann. „Verargen Sie mir nur nicht diesen Stolz der Armuth. Ich konnte es leicht schlimmer treffen!". \ V - Der Jude lächelte. „Ehrlich ist dies Gefühl," sagte er, „ich kenne es, aber welch' trauriges Zeugniß legt es ab von der heutigen Welt! — Nach Feder's Hotel!" rief er dem ’ Kutscher zrü . — . Das „Hotel Feder" ist auch irgend solch' ein alter zum Gasthofe eingerichteter Palast, wie fast alle übrigen in Genua, Venedig und vielen anderen italienischen Städten. Sonderbar sahen sie alle aus mit dieser halb' alten, halb neuen Physiognomie, mit dem verlassenen, dunklen Hofe, und der trocken stehenden Rokoko-Fontaine im Innern, , mit dem geräuschvollen Gäßchen unter den Fenstern und seinen in Logi's umgelvandelten Gefängnissen. . - ' . Sie mußten bis in das dritte Stockwerk zu einem Zimmer mit zwei Betten steigen, mit der Aussicht auf Dächer, auf den mit den Masten der Fahrzeuge wie ein Garten mit Hopfenstangen besetzten Hafen undauf einen Ausschnitt des blauen Meeres, in der Ferne. Es war Zeit, daß der Ermüdete, den der biedere Jsraelite in Schutz genommen, zur Ruhe kam. Denn kaum betraten sie die Treppe, so sank er auf einen Sitz und an seiner Blässe konnte man bemerken, daß er wie-