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Der Israelit · 1902-12-08 · Heft 97 (8.12.1902) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 97 (8.12.1902)
Date
1902-12-08
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Zeitgemälde von I. I. Kruszewsky in autorisirter Uebertragnng. „Der Weg. ist in der That bezaubernd." sprach der junge Mann weiter. „Man kann oft sogar Hitze und. Hunger vergessen. Mir war es, als ich an diesem Azur- . meere entlang ging, als ob hier die Welt zu Ende gehe in diesen schmelzenden Smaragden,. Opalen und Saphiren, als ob hinter diesen Zauberfluthen das Paradies läge, das Land der Ideale, irgend eine Atlantis von Geistern. Und wie beredt ist dieses Meer- Und was ist es hier — ein Dichter!" „Der Dichter war wahrscheinlich nicht das Meer, sondern Ihre Jugend," erwiederte seufzend der Däne. „Warum sang es mir nur von Austern und Lachs?" . Die Italienerin lächelte trübe und flüsterte: ..,0 primavera! gioventu <lel anno 0 giuventu! primovera della vita! Wie schön ist, sogar unter Hungerleiden, dieser Lenz unseres Lebens! Aber leider! auch wie kurz!" ' Einer der Italiener ließ üe nicht weiterreden. Ergriffen von den Worten des jungen Mannes,. entbrannte er in Liebe zu seinem Italien. „Ich wundere mich," sprach er, „über keine Vaterlandsliebe, sogar nicht über die der Eskimo. Aber ich begreife den Menschen nicht, der nicht in unser Italien sich verliebt. Nennt mir und zeigt mir ein zweites Land, wie dieses: Unter den Füßen beredte Ruinen von Jahrhunderten, zu Häupten solch' einen Himmel, wie der unsere! Ringsumher solche Augenweide! Und diese Luft, die sogar in diejenigen Leben gießt, die zu diesem keine Kraft mehr haben. Italien ist die Königin der Welt! Man ritz ihr das Diadem' von der Stirne, aber die Stirne ist königlich geblieben und Niemand kann sie ihr nehmen. Die Barbaren fesselten ihr die Hände; aber wenn sie sie nur schüttelt, fallen die Fesseln ab. O, sagt, kennt Ihr ein schöneres Land?" ' „Ich kenne eins," erwiederte finster der-Pole. „Grau ist über ihm der Himmel, die ganze Erde mit Blut getränkt. Grabhügel ragen heraus aus der Vergangenheit. Da wogt kein Saphirmeer und eisig weht der Wind. Aber ein Opferaltar ist es, von einem Ende zum andern. Das ist mein Vaterland!" 7^ .. . Die Italiener senkten das Haupt; der Zigeuner lächelte nur. „Menschen," sprach er, „hier wie dort! Alles egal! Kurz ist das Leben, der Glanz und das Dunkel,, aus dem es hervorging. Das Herz muß sich an Nichts hängen. Das ist's nicht werth!" „Ah! Das wäre schlimm!" rief eifrig die Italienerin. „Nur so viel lebt man, als man mit dem Herzen lebt. Der Nest ist die bittere Schale der Frucht!" „Man muß sich gewöhnen, von Schalen zu leben," entgegnete achselzuckend der Zigeuner. '■ V. •;; Hier wurde die Unterhaltung durch den hinzutretenden Diener unterbrochen. Derselbe gab der Gesellschaft, zu der die Dame gehörte, ein Zeichen, daß ihre Vetura bereitstehe. Beiläufig hielt er sich auch für verpflichtet, daran zu erinnern, daß die Diligence/ welche am Thore der Trattoria hielt, auch die übrigen Reisenden, die nach Genua wollen, aufnehmen können

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