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Der Israelit · 1902-12-04 · Heft 96 (4.12.1902) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 96 (4.12.1902)
Date
1902-12-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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die Getreidepreise jenseits der Grenze nach und nach enorm steigen müßten. Wer sich also rechtzeitig mit einem größeren Quantum von Getreide versieht, der hat Aussicht, .große Gewinnste zu erzielen. In unserer Stadt gibt es, wie Du weißt, einige Getreidehändler, die Geschäfte in. großem Stile machen. Aber wie im Handumdrehen sind, uns eine Menge kleinerer und größerer Källfleute erblüht. Die glänzenden Aussichten des Getreidehandels zu der Zeit, bildeten tagelang den ständigen Gesprächsstoff in der Stadt. Ein Spekulationsfieber, zuerst von mäßiger Temperatur, dann immer steigend, bemächtigte sich langsam, aber stetig immer weiterer Kreise, bis es endlich geradezu unheimliche Formen annahm. Doch verspricht man sich ein jähes und zwar beträchtliches Steigen des Wohlstandes unserer ganzen Bevölkerung. Manche haben sogar . Aussicht, reich zu werden. Du kennst mich und weißt, daß ich von jeher ein abgesagter Feind von plötzlichem und mühelos erworbenem Gewinnst gewesen bin. Ich habe also lange dem allgemeinen Fieber Widerstand entgegengesetzt und verhielt mich kühl. Schließlich riß mich der Strudel mit fort. Nun stehe ich mitten im Getreidehandel drin. Was konnte ich auch besseres thun? Seitdem es mit meiner Würde als Briefträger zu Ende war, ging ich beschäftigungslos umher, wir. darbten, da meine Ersparungen längst erschöpft waren, . und ich zerbrach mir vergebens den Kopf, was ich anfangen sollte. Was Wunder also, daß ich zur Getreidespekulasion griff, da mir beträchtlicher Gewinn winkte, während ich mich in tiefster Noth befand. Wenn einer ruhig unbunverdrossen seinem Geschäfte nachgeht, welches ihm ein bescheidenes, aber^ sicheres Einkommen gewährt/ läßt er sich nicht leicht verlocken, Spekulationen nachzulaufen. Ist aber einer einmal aus seiner ruhigen Bahn geworfen und hat er erst mit wechselndem Erfolge sich in den verschiedensten Geschäften versucht, so ist er am.leichtesten dem Spekulakionsfieber ausgesetzt. In diesem Zustande befinde ich mich nicht allein, sondern unzählige andere mit mir. Die schlechten Zeiten und ganz besonders die drückenden und beschränkenden Gesetze haben Tausende und Abertausende von gesicherten Existenzen auf einmal vernichtet.- Jäh und unvermuthet sahen sich Unzählige, die bis da- ' hin.ein ruhiges und redliches Dasein führten, auf's - Pflaster hinausgestoßen, und wußten nicht, was sie mit sich anfangen sollten. So wurde langsam, aber sicher der Boden vorbereitet, auf dem das Spekulationsfieber epidemisch werden könnte. ' - . . - - So sind beinahe alle Bewohner unserer Stadt über .- Nacht Getreidehändler geworden. Die Wuth hat sogar Leute angesteckt, die sonst dem Handel und der Spekulation fern gestanden haben. Der Schuster warf seinen Leisten, der Schneider seine Nadel, der Tischler seinen Hobel beiseite, der Melamed ließ seine Schüler sitzen und alle warfen sich auf den Gtreidehandel. Die Bemittelten kaufen Getreide und transporiiren es auf eigene Rechnung per Wagen nach Königsberg;' die Aermeren ziehen in den Dörfern umher, kaufen hundert Pud Korn, bringen es nach der Stadt und verkaufen es', dem Großhändler mit kleinem Profit, um wieder nach dem Dorfe zu eilen und den Handel von neuem zu beginnen. Auch ich thue dasselbe. Woher ich das Geld hierzu genommen habe? Als mein Schwiegerväter die Ueberzeugung gewann, daß ich am Getreidehandel reich werden könne, belastete er sein Haus mit einer weiteren Hypothek von hundert Rubeln, streckte mir das Geld vor, ich kaufte im nächsten Dorfe fünfzig Pud Getreide und verkaufte sie in der Stadt mit einem Gewinn von drei Rubeln. Die ganze Woche hindurch bin ich früh morgens nach einem der umliegenden Dörfer hinausgezogen, wo ich Getreide kaufte und es abends in der Stadt verkaufte. So habe ich diese Woche — zum erstenmale in meinem Leben — dreißig Rubel verdient. Ich habe Aussicht, binnen kurzem reich zu werden. (Schluß folgt.) Der „Israelit" erscheint wöchenfcli©B» zweim»). B3«»m»ga und 15oimersi«gs, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis pro Vierteljahr bei der Post Mark ohne Bestellgeld. Ausland entsprechend höher. Man Nonpareillezeile od> . , _ _ . _ pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 16 Kronen öftere., sür's Ausland iS Mark, an die Expedition franco einsenden. Postzeitungsliste 3982. Telephon 1 Ol?*. ' S1 ellesuchende und sonstige Interessenten können auf Wunsch die jeden Dienstag und Freitag erscheinende „Kleine AuSgäbe deS Seteßelit" vier Wochen lang gratis und franco erhaben. Wünscht man den Empfang der ..Kleinen Ausgabe" längere Zeit, so kann man sich für 25 Pfennige das Vierteljahr, indeß ausschließlich bei der Post aus dieselbe unter Nr. 8883 abonniren. Auf Wunsch stunden wir die Zahlung des TnsertrousbeLragS an außer Stelle Befindliche bis nach Erlangung einer solchen. denzen Lntzert <HauyLL!att): Die Vere'iuiauna der liberalen Rabbiner Deutschlands (Fortsetzung.) — Zeitungsnachrichten n. Corresoon- : Deutschland: Berlin. Köln. llnter-ClsaL. Mergentheim. Karlsruhe. Palästina: Jerusalem. Haifa. — Feuilleton: Ans den Briefen Zeitungsnachrichten n. Corrcspondcnzcn: Deutschland: Alls Amerika: New-?1ork. — Vermischtes. EsrantmorMHe Redactlon: OSear Lehmann in Mainz. — Spedition des ^Israelit". CSottstraße Nr. L Mainz.-; Druck und Verlag der Job. DlrLh'lLen HofbuchdruSerel Wien-Gesellschaft in Mainz. . chZSMN f&ttf GsASgSrS. ' ■ -1

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