Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 96 (4.12.1902)
- Date
- 1902-12-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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2023 Ansicht steht aber nichts so sehr dieser Aufgabe entgegen, als eben dieser Aktus moderner Willkürlichkeit und Äußerlichkeit, mit der man unsere Jünglinge an der Schwelle des Gesetzes empfängt, und ihnen damit zeigt, was sie von diesem Gesetz im Leben zu halten haben.' Da hätten die vereinten Herren Rabbiner liberalen Kalibers ein Verdikt ihrer ersten That, das genau vierzig Jahre älter ist. als diese ihre That selbst und daher von jedem Verdacht einer persönlichen Veeinflussung frei ist. Selbstredend werden die Herren von solchen Erwägungen gesunden Menschenverstandes, von Rücksichten der Pädagogik oder gar des jüdischen Religionsgesetzes sich nicht abhalten lassen, ihr Var- Mizwa-Steckenpserd weiter zu tummeln. Gegen Vernunft, Logik und wie diese trivialen Allerweltsargumente heißen, hat sie ihr liberales Judenthum genügend gewappnet. Man muß daher das Rößlein von einer anderen Seite aufzäumen, wenn man ihnen jedes Hinterpförtchen verlegen will. Also, mehrere Gemeinden haben der Anregung entsprochen, die Barmizwafeier weihevoller auszugestalten; das ist die erste und vorzüglichste Frucht, welche diese liberale Rabbinervereinigung gezeitigt hat. Wie viel Gemeinden, welche Gemeinden dieser Anregung entsprochen haben, das hat der Bericht unterlassen mitzuiheilen, es entzieht sich also der Umfang und die Tragweite dieser That jeder Kontrolle. Glücklicherweise existirt nun noch ein anderer Bericht des Herrn Dr. Vogelstein, der sogar sechs Oktavseiten umfaßt und für diese Kontrolle einige Anhaltspunkte bietet. Er führt den Titel: „Bericht des Herrn Dr. Vogelstein über seine Wirksamkeit als Rabbiner der Stettiner Synagogen- Gemeinde in den zwanzig Jahren seiner hiesigen Amtsihätigkeit und über die Entwickelung des religiösen Lebens in der Gemeinde während dieser Zeit, erstattet am 18. Februar 190d" In diesem Bericht zählt Herr Dr. Vogelstein unter die Erfolge seiner Wirksamkeit auch den Versuch auf, die Barmizwafeier weihevoller zu machen, und bezeichnet diesen Versuch als wohlgelungen. In demselben Bericht wird nun verhängnißvoller Weise auch kurz vorher der Besuch des Gottesdienstes am Sabbat- Morgen als ein beklagenswerth geringer bezeichnet. Daraus geht hervor, daß nur Herr Dr. Vogelstein seine Barmizwa-Experimente für wohlgelungen erachtet, daß aber das Zugstück nicht einmal stark genug ist, die Stettiner in ihr Gotteshaus zu ziehen. ‘ Die eigene Gemeinde des Herrn Dr. Vogelstein gehört also nicht zu den Gemeinden, in welchen diesem Barmizwa-Kultus entsprochen wird, man kann daraus sich schon sein Verslein machen, wie es erst in den anderen Gemeinden damit bestellt sein mag! Aber dieses Thätchen repräsentirt noch immer - eine Art Leistung, wie niedrig man sie auch taxiren mag, im Pergleich zu dem nun folgenden Punkt, der die Anfragen, welche Kollegen an den Vorstand richten,- auch unter die Thätigteiten der liberalen Vereinigung bucht! Was da alles angefragt und geantwortet wurde, das bleibt Geheimniß des, Vorsitzenden und Vorstandes und es soll hier auch nicht an dem Schleier gerüttelt werden', der dieses Arkanum diskreter Weise verhüllt. -V ' Die Gegenstände dieser mrwm flfcvw werden wohl: hinsichtlich ihrer Wichtigkeit die. Mitte halten zwischen; den Barmizwa-Paraden einerseits und den lIratulations- und Kondolenz-Schreiben andererseits, welche , den dritten und letzten Gegenstand dieser, liberalen Rabbinerthätigkeit mlsmachen!; 7. Aber je weniger diese'dürftige Thätigkeit .diesen. Namen verdient, um so mehr muß man die Virtuosität des Berichterstatters bewundern, der für gläubige Gemüther aus diesen! schwachen. Lebenszeichen doch etwas. zusammengebräut hat, das er einen Tätigkeitsbericht nennen durfte, ohne daß einer der Herren Amtsbrüder darin eine Ironie oder Satyre erblickte. — Der Bericht über die Thätigkeit des Vereins seit dem-Sommer 1899 nimmt nun, in der That in dem uns vorliegenden Schriftstück eine nur untergeordnete Stelle ein.! .Es! } führt, wie^hereits erwähnt, den offiziellen Titel:; „Bericht über.die zweite Hauptversammlung der Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands, am 9. Juli 1902, zü Frankfurt a. M." ,.V ' '..!! Ihre Worte" stehen zu ihren Thaten in umgekehrtem Verhältniß. Je ärmlicher die letzteren sind, desto reichlicher fließen .die ersteren. Hier brauchen die Herren ihrem Liberalismus keinen Zügel anzulegen, wie in der Verbands-Versammlung in Gemeinschaft mit den stabilen Stock-Orthodoxen. Hier können sie, Sans gene reden, hier sind sie ungestört unter sich.. Deßhalb haben ihre Verhandlungen einiges Interesse für das Studium der Naturgeschichte! des ' liberalen Rabbinismus. ... . . ' ' Aber es sind nicht nur theoretische, rhetorische Rücksichten, sondern es sind eminent praktische Erwägungen, welche diesem Interesse einen recht, akuten Charakter verleihen. . . Was ist der Unterschied zwischen dem. Rabbiners-. ' Verband und seiner liberalen Filiale?. Warum, kann der erstere, wenn er sich nicht , scheut, Mädchenhandels Reliktenkasse u. dgl. zu Gegenständen seiner Verhandlung zu machen, wenigstens für. oberflächliche Zeitungsleser den Schein einer Wirksamkeit erregen, und es dazu bringen, daß für die Dauer der paar Tage seiner Tagung die Tagespresse von ihm Notiz, nimmt,! während bei der liberalen Vereinigung die: vollendete Armseligkeit, die komplete Lebensunfähigkeit,. die nicht ' zu vertuschende, galoppirende Schwindsucht'"aus'allen