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Der Israelit · 1902-12-01 · Heft 95 (1.12.1902) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 95 (1.12.1902)
Date
1902-12-01
Page
– (sequence 19)
Language
German
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rr 2015 '! h- Charakeristisch war . gleichwohl die Erscheinung dieser erschreckten Gestalt, welche den eigenthümlichen Typus des Jahrhunderts an sich trug: anstatt brüderlichen Mitleids, das unbarmherzige Verbannungsurthei! des Armen und des Kranken dafür, daß er c§; | wagte, arm und krank zu sein. Das erste.Gefühl, welches heutzutage ein Mensch! beim Anblicke eines Ändern erfährt, ist das des Mißtrauens und der Angst um sich, selber. Die Gesellschaft richtete sich so ein, daß ihr die Ruhe lieber ist, als alle idealen Verpflichtungen. Also fort mit den Armen, welche sie stören könnten, und noch dazu durch ein unbezahltes Sterbebett und noch weiter durch ein Vegräbniß auf fremde Kosten. Fast schämte sich-der Wirth, als er die Gäste sich um den Unbekannten schaaren sah. Doch in der Seele gelobte er sich, diesen so leicht in Ohnmacht fallenden Burschen ohne Gepäck und gewiß auch ohne Geld unter keinem Vorwände zur Nacht aufzunehmen. Genua war dicht dabei. In Genua sind Spitäler; mag er sich dahin aufmachen und sobald als möglich abziehen. Wüßte er nur noch, was die Ohnmacht veranläßte. Die Umstände geboten ihm, noch einen Augenblick zurückzutreten, denn alle Anwesende beschäftigten sich um den Ankömmling. Man sprach italienisch und französisch, man versuchte, sich zu verständigen und zu vereinigen. Die Reisenden, vor einem Augenblicke sich noch gänzlich unbekannt, benähmen sich sämmtlich wie alte Bekannte. Das echt menschliche Gefühl des Mitleids brachte sie einander immer näher. Die Dame verband voll lebhafter Theilnahme mit den weißen Händchen das Haupt, aus dessen Schläfe etwas Blut herabtröpfelte. Die Änderen flüsterten miteinander; sichtlich bemüht, die Ursache des Vorfalles zu ermitteln. •' - „Es ist nichts, nichts!" sprach der ohnmächtig Ge- " wesene immer deutlicher, aber mit gezwungenem Lächeln. „Ich bitte tausendmal um Vergebung! Ich danke verbindlichst!.... Aber diese Hitze! . . . .. Die Ermüdung!" —' „Sehr möglich ist's, daß die Ohnmacht nur vom Hunger kam," flüsterten sich die Herren zu/ „sehen Sie nur, wie elend und matt er aussieht. An Sprache und Physiognomie erkennt man in ihm ein Kind des Nordens, einen Ausländer!" Nach dieser Unterbrechung durch Unruhe und Schreck kam gleichwohl Alles nach und nach wieder in Ordnung. Man rieth dem Ermatteten, ein Glas Wein zu trinken. Die. Dame brachte ihm selber ihr Glas, nachdem sie es gefüllt.. . ' - _; Der junge Mann benetzte damit seine Lippen und dankte verwirrt, mehr aus Höflichkeit, denn aus großem Behagen. < - „Aber kommen Sie doch hierher! Setzen Sie sich zu uns!" sagte sie mit weiblichem Ungestüm, indem sie sich der überall am . verständlichsten französischen.; Sprache bediente. „Stärken Sie sich, ruhen Me sich / aus! Die Schwäche wird vorübergehen. . Manchmal wiederholen sich derartige Anfälle. Also ist es sicherer,, wenn Sie hier bei uns . sind, wo wir Sie beobachten können. Aber darf man fragen, woher und wohin?" , - »Ich ... ich ..." stammelte der junge Mann, ^ich wollte nach Genua!" / / .’r; V"' : „Und von weither?" fügte die Dame mit verzeih-..' sicher Neugier hinzu. V 's//' \v: „Ziemlich weit her. . . Aus Frankreich!; .Ich - ging zu Fuß >.. Die Sonnengluth .v.V \ / . Man schwieg ein wenig. Doch, die Unbekannte. hielt dies nicht lange aus. Sie war so gewinnend Höflich, daß ihr das Recht, .weiter zu fragen, zukam..'>/ „Aber Sie sind doch kein Franzose?" ' 7^/A " ' . „Nein, gnädige Frau-i . *;/'/V „Ich erkannte es sofort an Ihrer Aussprache, daß Sie Äusländer sind," unterbrach sie ihn.; - Die Herren von den übrigen Tischen näherten, sich, wenn auch etwas schüchtern, demjenigen, an dem dereingeladene junge Mann säß. Sogar die.'neugierigen .Italiener traten etwas näher.; .. /. v7"; Die Unterhaltung über Reisen und die, Erlebnisse unterwegs wurde immer allgemeiner, aber meist italie- - nisch geführt. Jeder trug Etwas dazu bei.' -- Der .junge Mann.erlangte allmälig seine Kräfte , wieder. Sein bleiches. Antlitz belebte wieder, einleich-' tes Roth. Das Blut begann wieder in ihm zu kreisen mit der Kraft der Jugend, verdoppelt noch durch irgend ein verborgenes Leid.. - -; :v ■/;' / Die Augeü der Dame hefteten sich auf ihn mit hem Gefühle des Mitleids und fast mütterlicher Sorgfalt. 7 „Es ist aber wirklich ganz unverzeihlich,", hob sie nach einer Weile an^ „daß Sieder Sie an Ohnmächten 1 leiden, sich so ganz allein auf eine solche Reise begeben kennten, auch noch zu.Fuß, und bei solcher Sannen-. Hitze, es ist. sehr unvorsichtig. Mag auch. Italien,' ausgenommen die Umgegend von Neapel, den früheren Ruhm oder besser die frühere Schande,' seine Straßen-" rauber, längst verloren haben, da diese jetzt nur noch als Helden in der Sage leben, noch heutzutage könnten Sie dennoch in irgend einem Winkel, wenn auch nicht. ermordet, so doch von Allem entblöst. worden sein.".-. , Der junge Mann lächelte schmerzlich und träürig senkte er die Augen zu Boden.. . .. . . . - „O, nein," sprach er langsam, wie zu sich selbst. „Ich. will den Siolz aus dem Herzen reißen und rück- . sichtlos die Wahrheit bekennen. .. . Ihre Rathschläge, gnädige Frau, .sind in der That die besten,.die.angenehmsten. Aber ich konnte nicht.. . . es war für mich eine Unmöglichkeit, sie zu befolgen" Er erhob dw Augen zu ihr mit schmerzlich bewegtem Lächelns »Ich hatte keine Wahl," schloß er ironisch, „so oder anders.

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