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Der Israelit · 1902-12-01 · Heft 95 (1.12.1902) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 95 (1.12.1902)
Date
1902-12-01
Page
– (sequence 20)
Language
German
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zu verfahren! Ich mußte zu Fuße wandern, da ich Nichts hatte zum Fahren!" «Armer junger Mann!" flüsterte die Dame, «das ist ja schrecklich!" / . Hch Lin — Flüchtling," fuhr der Reisende fort, indem er mit einem gewissen Stolze das Haupt erhob. „Ich bin Pole'. ... Ich verließ das Land, da mir eine Verurtheilung drohte, welche mir für ein kleines Schuldvergehen die ganze Zukunft abschnitt. Ich dachte, ein Asyl und Gastfreundschaft bei mitleidigen Menschen leicht zu finden. Ich suchte sie in Frankreich, in England, in Deutschland, und fand dort meist schöne Worte, aber häßliche Gleichgültigkeit. - Ich wandte mich daher zu den'vielleicht gastfreundlicheren Italienern. Vor nicht allzulanger Zeit befanden sie sich ja in derselben Lage. Ihre Kinder theilten unser Loos, sie irrten, wie wir, auf fremden, ungastlichen Schwellen, und suchten Zuflucht, Mitgefühl und Schutz! Aber ..." Hier brach der junge Mann ab, als ob er plötzlich zu. sich selbst komme. Sein unerwartetes Bekenntniß machte auf die Anwesenden eine sehr verschiedenen Eindruck. Anfangs bemächtigte sich Aller eine gewisse.Be-, scrgniß; sie schwankten, wurden kühler, bis nach einem unbemerkten Augenblicke inneren Kampfes doch das bessere Gefühl die Oberhand gewann, und Alle wieder sich ihm näherten, sich um'ihn scharten. Durch diese Offenheit seiner Beichte hatte er sie Alle für sich gewonnen. „So sind wir also — Landsleute!" sprach leise polnisch zu ihm der schlanke Blonde, welcher neben der schönen Frau saß,'indem er besorgt erröthete. „Denn . auch ich bin ,... ein wenig Pole, aber Galizier!" Dies „aber" klang sonderbar dem Flüchtling in die Ohren. Selbst die Art zu sprechen,' der Ton der Rede ließen ihn fühlen, daß der G a l k z i e r nur, weil er seine Abstammung nicht verbergen konnte, sie kundgab.- Er verneigte sich schweigend und berührte die ihm dargereichte Hand, als.von seinem Sitze aus der stattliche Brünette mit dem schwarzen Haar sich mit einem Lächeln voll unsäglichen Schmerzes und zugleich mit Sarkasmus ihm zurief:^; ' „Auch ich habe die Ehre, mich den Herren vorzustellen als „ein wenig Pole", a b er Jude , - Die letzten Worte sprach er mit einem gewissen absichtlichen Nachdrucke aus. Der junge-schlanke Galizier drehte sich lebhaft, um und sah den. Sprecher neugierig an. . ~ Der Jude beeilte sich nicht, ihm die Hand zu reichen. Das Gefühl der eigenen Würde, hielt ihn zurück. - Wohl aber ergriff er die ihm hastig dargereichte Hand des jungen Flüchtlings und drückte sie herzliche Der Galizier, wohl aus Besorgniß, man könne ihn auffordern, seine Hand mit Jenen dort zu vereinigen, suchte etwas auf dem Tische. ' - r; > ' - - - „Nun, da wir uns Alle so kennen gelernt, kann auch ich mich ein wenig zu Ihren Landsleuten zählen," begann auf französisch der hohe/ breitschultrige, nicht mehr junge Mann neben dem Brünetten. „Wir sind . Stammverwandte Slaven. denn ich bin Russe,.wie Sie sagen: Moskowiter! .aber," fügte er lächelnd hinzu, „aber F lüchtling! Reichen wir uns die Hände!" Alle Hände streckten sich auf diesen Zuruf nach ihm aus und drückten einander nach der Reihe in tiefem Schweigen. Da rief der schwarze, gebräunte Mann, welcher abgesondert und einsam im Hintergründe saß und die Züge einer alten, eayptischen Sphinx und eine fast basaltene Gesichtsfarbe hatte, mit ironischem Accent und unterdrücktem Lachen: V V, ' „Ah! Ah! Geehrte Herren Polen, Slaven, aber Flüchtlinge und Herumirrende, vergönnt einem Bruder in der Noth und Verbannung, Euch auch die Paria- Rechte zu reichen: Leider, ich muß es.Ihnen mit tiefem Schmerze bekennen, bin ich ein Z i g e u n e r, a b e r ich bin reich. Und das trifft sich selten bei Zigeunern. Deßhalb kurire ich weder Pferde, noch stehle ich Geld!' Ja, geschätzte Herren, ich gehöre in der That zu diesem verdammten Geschlechts von ewigen Wanderern, .welche' das Mittelalter mit Prügeln und Drohungen über ganz Europa jagte und die auch die heutige Zeit noch mit abergläubigem Widerwillen verfolgt. Ausgenommen sind nur meine schönen Schwesterlein, von einigen zwanzig Jahren, so lange sie weiße Zähnchen, ein hübsches Stimmchen und ein niedliches Figürchen haben! Ha! Ha! Comme correctio hatte ich die Ehre, den Herren zu erklären, daß ich reich bin. obfchon kein Zigeunerkönig, sondern ein Privatmann und von Profession Müßiggänger!" > Neugierig waren die Blicke der Dame, der Italiener und sämmtlicher Anwesenden auf den Sprechenden gerichtet:-' . . - - . . Er selbst, forschte lächelnd nach dem Eindrücke auf ihren Antlitzen, erschien aber dabei kühl und regungslos. — ' ' - . ■ - - - Nun fügte er hinzu: „Mit etwas Divinationsgabe müssen Sie doch aus meinem Gesichte die Rasse herauslesen. Ich trage in. ihm das unverwischbare Zeugniß meiner Abstammung und kein Lilienwaffer wäscht es ab. Kein Schönheitsmittel vermag mir diese Maske abzunehmen!"; \ : (Fortsetzung folgt.) ~

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