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Der Israelit · 1902-12-01 · Heft 95 (1.12.1902) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 95 (1.12.1902)
Date
1902-12-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Niedriger, fast viereckiger Stirne. In seinen Zügen lag -etwas von einer egyptischen Sphinx. Sein. Gesicht war ,' ^wie-aus Basalt gemeiselt, nur durch das Leben etwas sanfter und weicher geworben. Bargen sich doch auch iw den tiefen Falten dieser sonderbaren Maste die Restes erloschener und. recht gewaltig gewesener Leidenschaften. Jetzt aber schlummerte dies stürmische Meer, schon sanft eingewiegt vom Wehen des Äbendivindes.' - - -7' -.7 .'- ^7- Noch weiterhin-säßen zwei Italiener» leicht-zu er-.' ^kennen zunächst an den trotz der. Anwesenheit' von Danien in der Gesellschaft.nachlässig abgeworfenen Röcken, an. den ausdrucksvollen Gesichtern von Olivenfärbe. mit 'Augen voll Feuer, und sodann nn dem reichlich auf die Schultern herabfließenden, rabenschwarzen Haupthaars . Einer von ihnen, der Jüngere, trug einen Bart :Vla Victor Emanuel und kürzer geschorenen-Locken. Er sah daher ganz militärisch aus. Der Andere war. etwas gesetzter und älter und ähnelte mehr Änem Künstler. Tie fröhlichen Gesichter Beider bezeugten,, daß ihnen die Sehnsucht nicht züsetzte, daß sie bei sich zu Hause waren und im eigenen Lande die Luft athrneten, an welche ihre Brust gewöhnt war. 7 7 7 f . .. Hinter ihnen, wiederum ein Paar Tische weiter, saß einsam ein bleicher. Mann mit hellem Haar, entschieden ein Nachkomme des großen germanischen Ge> schlechts, anscheinend ruhig und auf nichts achtend, übersichtlich gleichfalls von Schicksalsschlägen gegeißelt. Gekleidet war. er ziemlich ärmlich und nachlässig. Bor ihm stand ein Fläschchen Weißwein, etwäs^Brod und ' Käse. Gleichgiltig schaute er auf die Grotte, kalt auf die Menschen. Es schien; als ob hinter ihm an der Lehne , des Sessels, der Geist eines herannahenden „Morgen" stehe, nach Welchem er sich umzublicken scheue. Still war es. in.der Grotte.... Nur bei dem. Tische, .an dem die Dame saß, wurde halblaut eine Unterhaltung geführt. Die. ' übrige Gesellschaft -' schaute, sich schweigend einander von Weitem an. ' Ab und zu klirr-, ten Weingläser und Flaschen.' ' Dann ' wieder war es grabesstill.. -7V- - Da betrat noch ein Gast die Grotte; nicht durch die große Paradethüre, welche von der Mitte des' Hauses zu ihr führte, sondern durch die kleinere Pforte vom Vorhofe. Aller Blicke richteten sich auf ihn. Auch er . heftete den Blick mit Staunen, fast mit. Schreck auf jene sonderbare künstliche'Unterwelt, welche auf jeden neu Ankommenden anfangs 7 einen so überraschenden Eindruck machte.. -77 ' ■- - : 7. 7 : .Der Eintretende war ein 'blasser junger' Mann; offenbar ein . Fußwanderer,. denn er.war ganz bedeckt . mit dem Staube der italienischen Landstraße, welche so- ' wohl' bas Schwarze, .als das 'Weiße der Kleidung in - Grau verwandelte. Auf seinem' Antlitz hatte das Gemisch von Schweiß und Stcälb sonderbare Figuren ge- ' zeichnet, gleichsam indische .Stickmuster. Trotz dieser häßlichen. .Maske und seines bleichen Antlitzes, war er schön und,hatte jenen Zauber an sich, mit. welchem der innere Schmerz diejenigen Menschen anzieht, die. nicht. aufhörten, Menschen zu sein.- Blond, bseich undermattet, hatte, er auf Iren Lippen viel Süßes, in den schmachtenden Augen den Ausdruck fass-weiblichen Gefühles, und leicht ließ sich errathen, daß er viel, fass über seine Kräfte gelitten.7 - ' 7 .. - ' Sein ärmlicher Anzug,-die kleine Reisetasche und der Wanderstab in der Hand' bezeugten/ daß er mehr aus Noth, als zum Vergnügen, eine fange^Fußreise zurückgelegt/ "..7 , "77 7-^7-^7 7'7^-77^77-77-7 7-' Beim Eintreten suchte er zunächst mit den.Augen schüchtern einen entlegenen Winkel, und als er alle Tische ringsum besetzt sah, schritt er langsam in das Innere, woselbst er hinter dem Deutschen einen Platz fand und sich still auf einen Stuhl niederließ.r. 7- ., Kaum hatte er den Strohhut abgenommen, die Stirne'abgerieben und es sich ein wenig' bequem gemacht, als er plötzlich erbleichte; sein Antlitz nahm einen Ausdruck des Leidens an. Er klammerte sich krampfhaft an den Tisch, um sich aufrecht zu erhalten, aber trotzdem fiel er nach hinten zurück und sank ohnmächtig zu Boden; gleichzeitig mit ihm stürzte der Stuhl um. . 7 Alle Reisenden — diese Gerechtigkeit muß man ihnen lassen — fast zuerst aber die Dame — stürzten zu dem armen Jüngling hin, welcher bewußtlos, leichenblaß, aber mit dem Ausdrucke jener Ruhe dalag, den der Tod. und die Ohnmacht sonst auf jedes Antlitz prägen, um die Lebenden nicht zu verletzen.--' Am besonnensten von Allen benahm sich die Dame, obgleich sie durchaus nicht nach einer barmherzigen Schwester aussah. Aber in jedem weiblichen Herzen ist eine Mutter oder Schwester verborgen.. Sie holte Wasser vom Tische, befeuchtete damit eine Serviette und. legte sie auf die Schläfe des jungen Mannes, welcher mit tiefem Seufzer die Augen aufschlug, allmälig wieder zur Besinnung kam und sich seines etwas weibischen Zufalles zu schämen schien. Gesenkten Hauptes stützte er sich auf den Ellbogen und blickte sich furchtsam um. Seine Lippen lallten'undeutliche Entschuldigungen, Dankesworte und verwirrte Ausdrücke eines ..bekümmerten, beschämten jungen Menschen, welcher sich vor der Welt und den Menschen fürchtet. Wie kurz auch die Ohnmacht gedauert, der Wirth. hatte dennoch Zeit gefunden, sich nach dem Vorfälle zu erkundigen. Und da er ihn mit unangenehmen. Folgen bedrohte, lief er, nicht etwa aus Mitleid, sondern nur aus Angst um sich selber,, um die Förmlichkeiten, wie sie der Tod mit sich bringen konnte, erschrocken herbei, beabsichtigte vielleicht gar, den Kranken aus der Grotte zu verjagen, um sich irgendwo anders einen Platz zu suchen, denn er sah nicht gerade wohlhabend aus, als ihn der Augenaufschlag des jungen Mannes beruhigte und ihn vom Eintreten zurückhielt.

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