Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 95 (1.12.1902)
- Date
- 1902-12-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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sicht, fei es in Folge eines Unglllcksfalles, im Donaukana! ertrinken, weil Hilfe und Rettung nicht rasch genug beschafft werden kann, werden ebensoviele lebende, richtiger gesagt sterbende Beweise für die Prinzipienfestigkeit, Gesinnungstüchtigkeit und Unbeugsamkcit unserer christlich-sozialen Stadtvater sein ... Die Christlich-Sozialen siegen bekanntlich mit der Rettungsgesellschast im Kampfe. Ein gemeinnütziges Institut, dessen Angehörige helfen, ohne nach dem Taufschein zu fragen, ist ihnen ein Dorn im Auge. Nette Gesellschaft, die sich das „Retten" zum Ziele gesetzt hat, das Retten an und für sich, das Retten pur ei -simple Eine Humanität, die nicht nach Stammbäumen fragt, einen Gemeinsinn, der sich nicht selbst nach Raffe und Konfession unüberschreitbare Grenzen setzt, können wir nicht brauchen, wollen wir nicht dulden! Was in unseren schwachen Kräften steht, um Wien vor der Rettungsgesellschaft zu retten, das thun wir nach Leibeskräften. Mit dem Nichtsubventioniren allein ist's freilich nicht gethan. Ein Glück, daß cs mitunter Anlässe gibt, bei denen man die Unwandelbarkeit christlichsozialer Parteigrundsätze, die ganze Größe klerikaler Humanität praktisch bethätigen kann. Dies ist der Rettungsaesellschast gegenüber in diesen Tagen geschehen. Die Geschichte der verbotenen Rettungshäüschen unter den Donaukanalbrücken ist lehrreich! Die Nettungsgesellschaft sagte: Jährlich ertrinken soundsoviele Menschen. Wir wollen unter den Donaukanalbrücken Rettungshäuschen errichten. Dort sollen Geräthe untergebrächt werden, geeignet, Ertrinkende vor dem Wellentode zu schützen. Dich, Commune, kostet die Sache keinen Kreuzer. Nur um die Erlaubniß bitten wir, retten zu dürfen. Du sollst uns nur die Hände nicht binden, die sich eifrig regen zum edlen Samariterwerk. Darauf hat der Wiener Stadtrath zunächst fünf Monate geschwiegen, mäuschenstill geschwiegen. Geht es denn nicht, diese zudringlichen Retter abzuschrecken, ihnen durch unser vornehmes Schweigen 'ad oculos zu demonstriren, wie niedrig wir diese unerwünschte Bethulichkeit taxiren? Nein, das ging doch nicht an! Der Akt mußte schließlich erledigt werden. Es fehlte nicht viel auf ein halbes Jahr, da sagte der Wiener Stadtrath: Nein. Wir lassen die Wiener, die ertrinken, nicht von einer Gesellschaft reiten, die nicht davor zurückschreckt, auch Andern zu helfen, Leuten, von denen sie gar nichts weiß, außer daß sie im Elend sich befinden und mit den Schrecken des Todes kämpfen und der Vernichtung. Das heißt, der Stadtrath sprach ein Nein ohne Motivirung. Er kann sich's leisten. Er braucht nicht zu begründen, warum er der Humanität in's Gesicht schlägt, die Nächstenliebeknebelt, die Menschen- . freundlichkeit konfiszirt.. I Die Rettungsgesellschaft mag zuschauen, wie sie rettet. Wir bieten nicht die Hand dazu. . . . Jetzt werden die Rettungsutensilien anderswo untergebracht, nicht unter der Donaubrücke, wo der Stadtrath gebietet, sondern bei den nächstgelegenen Sicherheitswachstuben, wohin die hindernde, Einhalt gebietende Hand der christlich-sozialen Machthaber nicht reicht. Aber ganz erfolglos ist das Streben unserer Stadtväter nicht geblieben. In mehr als Einem Falle, werden, sie der Neitungsgesellschaft gegenüber Recht be- - halten, werden sie ihr den Herrn zeigen können. Die'.'' Wachstube ist ja meistens weit genug vom Wasserspiegel entfernt. Da werden die Rettungsutensilien nicht rechtzeitig zur Stelle sein, und des Schwimmens Unkundige werden wohl in zahlreichen Fällen ihr Leben einbüßen^ bevor Hilfe gebracht werden kann. „Alles gerettet" wird es wohl nicht heißen können; aber immerhin werden die Christlich-Sozialen darauf Hinweisen können, daß, wenn auch die armen Teufel ertrinken, zum mindesten/ die Ehre gerettet ist, die Ehre des — Kampfes gegen die Retungsgesellschaft. U n g a r n. Budapest, im Nov. Ungarische Blätter erzählen folgendes nette Histörchen: Nach der jüngsten. Generalversammlung der protestantischen litterarischen Gesellschaft in Hodmezö-Barsahely traten mehrere Theilnehmer an dieser Versammlung die Rückreise über Szegedin an. Um die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges auszufüllen,. .unternahmen, die Herren, einen.Spaziergang in die Stadt, in welcher das neue Koffuth-Denkmal Josef Rona's zahlreiche Bewunderer fand. Beim Monumente begegnete der Gutsbesitzer'Karl Kiß dem Bischof Bartholomäus Kun, der zu seinen alten Bekannten zählt. „Ich habe schon so viel Schönes von dem im Vau begriffenen jüdischen Tempel gehört," sagte der Bischof zu Kiß, „daß ich Sie ersuchen möchte, mich dahin zu führen." Kiß kam der Bitte des Bischofs . mit der größten Bereitwilligkeit nach und hatte seine Freude daran, als der Bischof das imposante Gebäude bewunderte, von dem er in Worten des höchsten Entzückens sprach, indem er wiederholt betonte, daß es weit und breit keinen so schönen Tempel gebe. Als Oberrabbiner Löw von dem hohen Besuche erfuhr, eilte er herbei, um den Bischof zu begrüßen und die Umstehenden konnten sehen, wie der Bischof den Oberrabbiner . nicht bloß umarmte, sondern auch herzhaft küßte. Das war allerdings nur ein protestantischer Bischof. Als Pendant führen wir unfern Lesern einen katholischen Kirchenfürsten vor: Anläßlich des jüngsten.. Katholikentages befand sich auch eirr Bischof in Budapest, der noch nicht lange sein hohes Amt bekleidet. Einst, vor vielen Jahren, befand sich. der. Bischyf,q.ls..,, ganz junger Kleriker im Pazmaneum.in Wien pnd do^.t. besuchte ihn sehr häufig.ein Studiengenosse aus dem' Provinzgymnasium, das sie beide absolvirt hatten, ein Jude, der in Wien Medizin studirte. Sie waren am Gymnasium außerordentlich befreundet gewesen und