Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 95 (1.12.1902)
- Date
- 1902-12-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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2004 sogar glauben könnten, ich hätte die Briefe falsch geschrieben, oder adressirt. Du siehst,. lieber Freund, es ist eine unschuldige Nothliige, deren ich mich bediene,, und Gott wird sie mir nicht als Sünde anrechnen. Ich muß nämlich Alles wissen, und auf Alles Rede stehen können, da es sonst , um meine Stellung geschehen ist. Diese Woche hatte ich viel zu thun und habe Gottlob gegen zehn Rubel von allen meinen verschiedenen Tätigkeiten .eingenommen. In der Stadt heißt es allgemein, daß ich Reichthümer aufhäufe. Sogar die Postbeamten fangen an, mir mein „unerhörtes Glück'' zu neiden, und als ich diese Woche einmal am Morgen mit dem Direktor unter vier Augen war, sagte er zu mir halb scherzhaft und halb zornig: „Die Juden sind schlau wie die Schlangen, man mag noch so harte und unerbittliche Gesetze gegen sie schmieden, sie finden immer ein Hinterthürchen, um durchzuschlüpsen." Ich hielt an mich und schwieg, obgleich ich ihn hätte daran erinnern können, daß das Auskunftsmittel, die Briefe auf meine Adresse von Auswärts kommen zu lassen, ja sein ureigener Einfall gewesen ist. Abends zu Hause angelangt, schickte ich ihm sofort einen Hut Zucker und eine Kiste von dem allerbesten Thee. Als ich am nächsten Morgen auf der Post erschien, war der Herr Direktor von bezaubernder Liebenswürdigkeit, reichte mir eigenhändig eine Zigarre und hielt mir eine große Rede über die Pflichten des musterhaften Staatsbeamten, die in den Worten gipfelte: „Sei brav und erfülle stets Deine Pflicht, dann kannst Du meiner Gunst immer sicher sein und Deinen Posten behalten." Ich habe den Sinn dieser tiefen Worte gut verstanden. . 1. Adar. Lieber Freund! . Du weißt Dich wohl noch zu erinnern, daß, bevor das Gesetz herauskam, welches den Juden verbietet, als Briefträger zu fungiren, diesen Posten in unserer Stadt ein gewisser Paltiel bekleidete, ein ältlicher Junggeselle, der von seinen Einnahmen seine verwittwete Mutter und seine verwaiste Schwester ernährte. Biele waren mit ihm unzufrieden, weil er säumig im Aushändigen der Briefe war, besonders die Frauen, die Briefe von ihren Gatten und die Bräute, die solche von ihren Verlobten erwarten, beklagten sich oft bitterlich über ihn. Aber man verzieh ihm Alles und unternahm nichts gegen ihn, da man wußte, daß er Mütter und Schwester zu ernähren hatte. Als das Gesetz später verbot, Juden irgendwie im Postdienst zu beschäftigen, 'befand sich Paltiel unvermuthet in der größten Roth^ Er, Mutier \ und Schwester, waren förmlich dem Hungertode preis- - gegeben, da bald auch, die wenigen Ersparnisse erschöpft' waren. Als er sah, daß alle seine Bemühungen, Arbeit zu finden, erfolglos blieben, verpfändete er, was er konnte, und mit dem erhaltenen Gelbe reiste er nach der' Gouvernementsstadt, wo er in einem Geschäfte als Kommis Unterkunft fand. Aber seine Mutter und Schwester mußten am Hüngertuche. nagen, da er zu diesem neuen Berufe nicht genügend vorbereitet war und daher nur eine kärgliche Entlohnung erhielt, die zur Ernährung von drei Personen nicht ausreichte. Als es nun in der Stadt ruchbar wurde, daß ich von meinem Briefträgerposten . reich werde, beeilte sich Paltiels Mutter, ihren Sohn nach Hause zu berufen und feit einigen Tagen ist er da. Heute bin ich ihm begegnet und wir wechselten kein Wort. Ich ahne nichts Gutes. Indessen will ich abwarten, was die nächsten Tage bringen werden.\ " (Fortsetzung folgt.) Freitag, 5. Dezember. 5. Kisleiv, . Sabbat-Anfang in Mainz und Frankfurt a. M. 4 Uhr 00 Min. Samstag, 6. Dezember. 6. Kislem. N3N , .. - Sabbat-Ausgang in Mainz und in Frankfurt a. M. 5 Uhr lo Min. — Berlin 4 Uhr 44 Min. — München 5 Uhr 08 Min. — Hannover 4 Uhr 59 Min. — Stuttgart 5 Uhr II Mm. — Präg 4 Uhr 50 Min. — Strahburg 5 Uhr 20 Min. — Posen 4 Uhr 32 Min. — Stettin 4 Uhr 36 Min. . . ©et „SStöcÜt* etfdjehtt wöchentlich sweimal, McHtegs mö IDoaroeffBtagB, jedesmal i» mindestens zwei Bogen. . Preis pro Vierteljahr bei der Post.3 Mark ohne Bestellgeld. Ausland entsprechend höher. Man abonnirt ganzjährlich, halbjährlich oder vierteljährlich. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Dev Buchhandel verkehr! durch S. §r. Slrinarkrr, Leipzig. RoMatz)V. — Inserate 25 Pfennig die viergespaltene Nonpareillezelle oder deren Raum. Preis der Zelle im Reclametheil 75 Pfennig. — Directe Francozusendung unter Streifband - pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 16 Kronen österr.. für's Ausland 18 Mark, an die Expedition franco einsenden. Postzeitungsliste 3782. Telephon 165. ~ Stellesuchende und sonstige Interessenten können auf Wunsch' die jeden Dienstag und Freitag erscheinende „Kleine Ausgabe fc£9 ZSTsettL" vier Wochen lang gratis und franco erhalten. Wünscht mau Len Empfang der „Kleinen Ausgabe" längere Zeit, so kann man sich für 25 Pfennige das Vierteljahr, indeß ausschließlich bei der Post, auf dieselbe unter Nr. 3792» abouniren. Auf Wunsch stunden wir die Zahlung des FnserttonSbetragS au außer Stelle Befindliche bis nach : ‘ Erlangung einer solches. FnhüU lHarrptblaL!): Die Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands. — Zeitungsnachrichten n. Correspondenzeu: Deutschland: Berlin. Hamburg. Repzin. Aus Württemberg. Bad Kissingen. Mannheim. Frankreich: Paris. England: London. — Feuilleton: AuS den Briefen eines Ueoerflüsnaen. (Fortsetzung.) . .. , _ *• < FrchaU der ersten BeNage: Tre Politik der Humanrtat. — Zeitungsnachrichten, u. Correfpondenzen: Dentschland: Berlin. Frickhofen. Oesterreich: Wien, tinaarn: Budapest. Frankreich: Paris. . . . .OrUrtriskstzr Vellage: Der'Jude (Fortsetzung)»... > : . ' - " . LWärs s2s jüdische GefHlchtr und LMer«rtur.. .--r.: - -- ...... Lerantworilichr Redaetton: OLcar Lehmann in Mainz. —. Ervedition deS .Israelit", Schottstratze Nr. 2. Mainz. ' Druck und Verlag der Job. Wirth'schen Hofbuchdruckerei Actien-Gesellschaft in Mainz. .v OZSZW drei BsAagerr.