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Der Israelit · 1902-12-01 · Heft 95 (1.12.1902) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 95 (1.12.1902)
Date
1902-12-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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2003 e st t I I e t o tt. As kn Sticfen ckes lltberWM Nach dem Hebräischen von M. E. Eisensta-t. 91 : . . ' ' ' / ' V - / ' 10. Kislew./ Lieber Freund! Ich bin, Gottlob, mit meiner Lage zufrieden. Die Briefträgerei nährt mich, in Ehren und hat außerdem meine früher erheblich verschlimmerte Gesundheit bedeutend gebessert. Ich fühle mich vollkommen wohl. In der ersten Woche habe ich gegen fiinf Rubel eingenommen, und in der folgenden sogar fünfzig Kopeken mehr. Die Einnahmen der weiteren Wochen schwankten zwischen diesen beiden Zahlen. Das reicht nicht nur zu unserem Leben vollkommen aus, sondern wir erübrigen , noch so viel, um an meinen Schwiegervater und an Chajim, den Geldverleiher, je fünfzig Kopeken wöchentlich zuruckzahlen zu können.. Den armen Leuten bin ich stets ein willkomener Gast,.sie überreichen mir mit dem größten Vergnügen zwei Kopeken für jeden gewöhnlichen und fünf Kopeken für jeden eingeschriebenen Brief als Trägerlohn. Besonders zahlreich sind die Briefe, die zu uns aus Amerika kommen, da fast die Hälfte der erwachsenen Männer aus unserer Stadt dorthin ausgewandert ist, um jenseits des Ozeans ihr Glück zu suchen. Diese Briefe bringen mir -Segen. Die einfachen Frauen, die . weder lesen noch schreiben sonnen, wissen nicht, was ste mit den von ihren Gatten erhaltenen Briefen anfangen sollen. Ich ließ also allenthalben verlautbaren, daß ich bereit bin, als Vorleser zu fungiren und ..ferner Briefe von Frau zu Mann und von Braut zu Bräutigöm aufzusetzen und zu schreiben, gegen ein Entgelt von fünf. Kopeken für das Stück. Da der „Schreiber" Srul Melamed vor Kurzem unsere Stadt verlassen hat, ohne einen Nachfolger zu hinterlassen,, wurde meine Ankündigung, allenthalben von den Frauen mit großer Freude begrüßt. Einen jeden Abend, von sechs bis neun Uhr, ist meine Stube voll von Frauen und Mädchen, denen ich die Briefe schreibe. Doch irrst Du Dich, wenn Du glaubst, daß ich mir mit dieser Thätigkeit ein Vermögen verdiene. Ich bin froh, wenn es mir gelingt, an einem Abend mit einem Briefe fertig zu werden. Das ist nämlich eine furchtbar schwierige Arbeit, dieses Briefschreiben. Eine, jede Frau hat einen anderen Stil und eine jede'verlangt, ich solle buchstäblich das schreiben, was sie mir diktirt. Da kommt zum Beispiel eine, die' schon seit zwei Monaten' keinen Brief von ihrem aufsehen,i.!:,.'da.s .Mn augenblicklich)bessern .ssolle^Jch schreibe so gut ich kann', wie ich aber anfange, ihr die Epistel, vorzulesen, schüttelte, ste unzufrieden den Kopf und macht. mir. die bittersten Vorwürfe. „Was? DaS : soll ein. richtiger. Brief sein? O weh! Wahrlich, solch / einen Briefschreiber, wie Srul Melamed einer' war, ) findet man nie wieder. Der war der Einzige, der es verstand, seine Sache richtig zu machen. Ich sehe, Dü bist noch nicht erfahren, ich will Dir also sagen, wie: das zu machen ist. Schreib ihm: „Lump, Du niederträchtiger! Daß der. liebe Gott Dich. strafe für das . Herzeleid, das Dü mir anthust! Wenn Du mir nichts, sofort einen Brief schickst, verklage ich Dich beim Rab-, biner, setze die ganze Stadt in Bewegung, mache. Deine - . Schandthat vor aller Welt in der Synagoge bekannt"; u. s. w. Ich mußte mich mit aller Gewalt zurückhalten.. . um nicht aufzulachen und fing einen neuen Brief an,< ) und zwar in einer etwas schärferen Tonakt. Doch auchr' damit war sie nicht zufrieden und ich mußte zum ., drittenmal schreibend Ich gestehe Dir, daß ich den .. Brief so, wie er mir gut dünkte, schrieb, und'der Frau : etwas ganz anderes vorlas, nämlich das, was. sie mir diktirte. Und das ist .nicht der einzige Fall. Ferner., kündigte ich an, daß ich Adressen in allen Sprachen? der Welt zu schreiben unternehme. Man bringt mir nun haufenweise die Kouverts herbei und ich schreibe,/ mit flinker Hand Adressen; dem einen englisch, dem an-.. dern amerikanisch, australisch, afrikanisch, französisch und wie Du sonst willst. Meine Lebensweise, ist . die gleiche, wie vordem. Keinen Tag verfehle ich, in die , Synagoge zum Gottesdienst zu kommen, am Sabbat bete ich mit dem „Woßikin" (Frübeter), damit ich das Aushändigen der Briefe , nicht versäume. Das arme' ' Volk ist darob sehr, mit mir zufrieden. „Siehe da," heißt es allgemein von mir, „Er ist ja ein . . . Brief- - träger, ein wirklicher Briefträger, verkehrt jeden Tag mit großen Herren, spricht 'mit dem Postdirektor per-,) sönlich, und dennoch bleibt er ein guter, frommer Jehudi, wie ehedem." - . 2. Schebät. ... . Lieber Freund! /,•') Bei mir hat sich nichts verändert, mein Ansehen, unter unseren Glaubensgenossen ist in fortwährendem, Steigen begriffen. Wenn mir die einfachen Frauen auf/ der Straße begegnen, grüßen sie mich ehrfurchtsvoll-' und fragen voll Angst und Bangen, wann sie Briefe' von ihren Männern aus Amerika bekommen, werden^ Ich überlege nicht viel), sondern bestimme einer Jeden genau Woche und Tag, da der langersehnte Brief aülangen werde.. Da ich ja ihr. Korrespondent und Vor'-) leser in einer Person bin, so, weiß'ich schon ganz genau,' wann eine Jede einen Brief erwarten darf/ich irte mich also selten.. Passirt es aber) daß ich dennoch fehlgehd' und der Brief später ankommt, so fällt es Keiner ein, an meiner Unfehlbarkeit auch.nur den geringsten Zwei-r . fel zu hegen.^Sie sind^überzeugt^ das; rs an-deN'letztM Tagen'' tiü^'den^ÄsÜre^ Stürme''gMeböü'habe, die eine Verspätung,der-Schiffeverursachten., Nakurftch be-^! stärke ich sie nur noch in dieser Ueberzeugung, da sie ' sonst alles Vertrauen zu. mir einbüßen würden und.

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