Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 95 (1.12.1902)
- Date
- 1902-12-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449795-2449882--57133-2519833- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2002 meinbe und dem Rabbinatsdistrikte zum Vortheile gereichen wird.' Mannheim, 26. Nov. Von hier wird, wie öie „N. Vad. Landesztg." mittheilt, dem „Bad. Volksblatt" geschrieben: Merkwürdige Dinge raunt man sich seit einigen Wochen in den Kreisen unserer größeren Handelsherren zu. Im . Laufe dieses Sommers wurden von unserer Handelskammer die Handelsrichter für das nächste Jahr vorgeschlagen. Unter den vorgeschlagenen Kandidaten befanden sich, wie bei der Zusammensetzung der in Betracht kommenden kaufmännischen Kreise leicht erklärlich, mehrere Israeliten — natürlich durchweg hochangesehene Kaufleute und unantastbare Ehrenmänner. Wer begreift das Erstaunen unserer Handelskammer, als bei Zurückkunft der Liste aus Karlsruhe die Namen der Kandidaten israelitischer Konfession ' durchweg ausgefallen waren? Eine Anfrage bei dem Herrn Justizminister ergab.das befremdliche Resultat, daß im Justizministerium, das in diesen Dingen durchaus korrekt auf dem verfassungsmäßigen Boden steht, die Streichung nicht erfolgt war. Vielmehr hatte das hiesige Landgericht mit seiner berichtlichen Vorlage sich für die Streichung ausgesprochen. Wer aber glaubt, daß unsere Handelskammer sich nun geweigert hätte, andere Kandidaten vorzuschlagen, der kennt ihren Herrn Vorsitzenden .schlecht. Eine neue Liste wurde aufgestellt; sie soll, dem Vernehmen nach keinen Israeliten enthalten. . ' F r a nkrei ch. ' Paris, im Nov: Auf einem litterarisch-musikalischen Abend sagte mir eine bekannte Schriftstellerin: ,,.1'uäore Israel“. Ich dankte ihr bestens für die Sympathie, die sie zu meinem Volke hegt und ich bat sie. mir zu erklären, auf welche Weise sich dieses so schöne Gefühl in ihr entwickelt habe. Und ich erhielt zur Antwort: „Ich habe in meinem Leben sehr viele Juden getroffen und sie alle waren Männer, denen man vom moralischen Standpunkte aus nichts vorzuwerfen hat. Einige waren geradezu eine Verkörperung der Güte und der Nächstenliebe. Was Wunder, daß ich dieses Volk so sehr liebe!" : - ' ' Ich erwiedcrte ihr: „So sehr ich mich über das von Ihnen ausgedrückte Gefühl freue, erscheint mir der von Ihnen angegebene Grund dieses Gefühls nicht unanfechtbar. Was würden Sie von einem Menschen sagen, der ein wüthender Antisemit wurde/ weil er zufällig mit schlechten Juden zu thun hatte? Und genau ebenso wie es falsch ist, Antisemit zu sein, weil man das Unglück hatte, ' .mit schlechten Juden zu verkehren, ist es ebenso so fälsch, lediglich aus dem Grund Philosemir;zu-sein^DeilMan mit-grUen. tüchtigen und liehenswür- ":dsgen Ju^en^^.-^h^!h^^te,. ^^enn-es-ist^^in nltes^eihno- "'graphisch-^^tröpologisches Gesetz-.-5 idestrzufolge.V. jede- Volk ohne Ausnahme eine mehr oder minder größere Anzahl moralisch verkommener Männer und Frauen hat. Das Judenthum muß man lieben, weil es .den-- Glauben und die Hoffnung verkörpert, weil es durch seine unsäglichen Leiden so groß und erhaben geworden ist, weil das größte Unrecht, das.die Weltgeschichte je gesehen hat, ohne Zweifel dem Judenthüme widerfahr ren ist und weil die Völker Europas die Pflicht haben, das Unrecht, das.sie so lange haben geschehen kaffen, wieder gut zu machen. Darum mußman^das Judenthum lieben. Ein französischer Historiker' sagte: „Aimer la France c’est en quelque sorte aimer l’humanite toüt enti&re.“ Mit noch größerem Rechte dürfte man wohl sagen: ..Aimer le peuple jnif c’est aimer Flramanit6 tout entiere.“ . 6 n g l a n - >; ' London, Ende Nov. Bei einem dieser Tage stattgehabten Brande,, der in dem ärmsten Theil Londons, in Whitechapel, ausgebrochen war, verbrannten drei Personen, nämlich . eine Mütter mit ihren zwei. Kindern. Bei der Leichenschau ergaben sich aus den Aussagen der Geretteten, die/nebenbei bemerkt, fast alle ausländische/ der englischen Sprache nicht mächtige arme Juden waren, Wohnungsverhältnisse,., die es wunderbar erscheinen lassen, daß nicht noch mehr Insassen verbrannten. Ein Inspektor erklärte, daß im Falle eines Brandes diese Häuser reine Fallen seien und ohne Menschenverlust nicht zu räumen wären. Man. könne sie am besten mit Kaninchenställen vergleichen. Der Schmutz, der in diesen Häusern herrscht, soll es geradezu unerklärlich machen, daß nicht häufiger Epidemien im Ostende Londons auftreten. Besondere Entrüstung rief die Thatsache hervor, daß im Sommer sogar Plätze auf dem Dach als Schlafstellen vermiethet werden.' . ■; , - s < Die „Daily Mail" schreibt zu diesen Enthüllungen: „Das Interesse der Gesammtheit verlangt, daß Menschen nicht wie Schweine leben, selbst wenn sie den Wunsch hegen, so zu leben, denn die Gesammtheit weiß, daß für solche Verletzung der Gesetze der. sanitären Prinzipien und der Gesundheit die nachkommenden Generationen schwer zu büßen haben. . Es ist wohl kaum nöihig, hinzuzufügen, daß wenn mit fester Hand eingeriffen würde, um die Uebervölkerung solcher Häuser unmöglich zu machen, der Hausbesitzer nicht länger ein Geschäft daraus machen könnte, solche Spelunken zu besitzen, während dem Steigen der Miethspreise im Ostende Londons ein Ende gemacht würde, indem ein solches Vorgehen es dem Ausländer unmöglich machen würde, einen lächerlichen Preis für ein Haus-zu zahlen und dann seinen Lebensunterhalt dadurch zn ,suchen, daß er die Gesundheit der Hausinsassen undderrNach-