Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 94 (27.11.1902)
- Date
- 1902-11-27
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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geschichtliche Drama dieses Volksstammes vertieft, sönvern daß er auch mit dem Herzen des Dichters und dem Geiste des Denkers dessen Lichtseiten herausgefühlt, und daß er, nachdem er verspottet, was Spott verdient, es verstand, bei der Betrachtung der traurigen Vergangenheit jenes Volksbruchtheils stch auf den erhabenen Standpunkt des Philosophen zu stellen. Wie wundervoll ist z. B. jener Abschnitt von dem Gemälde Ruisdale 's in der Dresdener Galerie: „Ein alter Judenkirch Hof!" Keine Litteratur kann sich eines großartigeren Styles und einer solchen Vertiefung der Ideen rühmen, wie sie aus diesen erhebenden Worten erhellen. Man sagt, der Dichter schöpfte, bevor er an ein Werk ging, von dem er ganz durchdrungen war, in der Kirche beim Orgelklange, oder im Anschäuen eines religiösen Bildes, oder auch beim Phantasiren auf dem Klavier in stiller Abendstunde, oder in der Einsamkeit seine Begeisterung. Beurtheilt man vorliegenden Roman aus seinen Einzelheiten und zahlreichen erhebenden Abschnitten, so kann er nur unter dem Einflüsse jenes Gemäldes entstanden sein. Denn in ihm weht, abgesehen von einigen heiteren Stellen, dieselbe Atmosphäre wehmüthiger Trauer, derselbe erschütternde Seelenschmerz, dasselbe Sehnen nachdem unerreichbaren Ideale mitten .unter den schweren Bedingungen des Daseins und in der^ Enttäuschungen des Lebens. : Unwillkürlich erinnert der Roman an das Werk des englischen Schriftstellers Eliot, der in feinem „Daniel Deronda" in gleicher Weise die Apostel- Idee seines Helden unter den materialistischen Kindern Israels vor Augen führen wollte. Wie so grundverschieden aber entledigte er sich dieser schwierigen und ungewöhnlichen Aufgabe. Sein Daniel träumt zwar ebenso von der Wiedergeburt seines Volkes; seine leitende Idee aber ist: der materielle Wiederaufbau des Tempels und die Wiederkehr der Judenherrschaft! Auch Jacob ist ein Apostel, bei strengster Religiosität, bei unentwegtem Messiasglauben jedoch ein Bürger seines Landes und ein Kirrd s ei ne r Zeit. Rach seiner Auffassung bedeutet die Wiedergeburt seiner Glaubensgenossen nicht lediglich die Auferstehung alles dessen, was Jahrhunderte der Vergangenheit begraben, sondern ebenso sehr das Erwachen jener erhabenen Liebe zu Allem, was Zion der Menschheit zu bringen hat, das sind die Saaten des wahren Menschenheiles; die Civilisatioü mit den Fortschritten der Wissenschaften werden Zion als Tribut gebracht, auch in den Herzen seiner Brüder soll es Licht werden, d. h.: das grundsätzliche Heraustreten aus dem beschränkten Kreise engherziger Lebensanschauungen und das thatkräftige Handeln mittelst jener scheinbar unbedeutenden, in Wirklichkeit aber allmächtigen Faktoren, mit denen all' unser Thun und Streben innig verknüpft iß. Jacob also ist der Typus eines gesetzestreuen Juden, der die Menschheit liebt und alles Menschliche und eine Erlösung für sie erhofft, der nicht minder aber auch festhält an der Liebe zu seiner Heimath, die durch tausendfache Erinnerungen an gute, wie böse Zeiten mit seinem Leben eng verbunden ist. Jacob ist mit einem Worte ein Mann, der Thora mit Derech Erez meisterhaft zu verbinden versteht. Ein alter Jude und ein moderner Mensch. Der Jacob's gibt es schon.so Manche. Gott gebe, daß mil der Zeit ihre Zahl Legion werde! . . ■ "'•V.? 'V .. I. Eines schwülen Nachmittags zu Anfang des Herbstes im Jahre 1860 war das berühmteste, oder vielmehr das einzige Gasthaus: die „Albergo e Trattoria della Grotta" zu Sestri Ponente bei Genua,, an her Straße nach Savona, unterhalten von dem hochachtbaren Gaetano Firpo, zugleich Restaurateur des KlubS bei dem Teatro Carlo Felice in Genua, mit einer für einen Wochentag ungewöhnlichen Zahl von Gästen gefüllt.— ' Des Sonntags wäre dies durchaus nicht zu Yer-- wundern gewesen, denn an diesem Tage rechnete die Trattoria della Grotta auf seine gewohnten Gäste aus Genua. Heute aber, an einem Donnerstag,. verklärte diese ihm höchst angenehme Ueberraschung das geröthete und von der Sonne verbrannte Antlitz des Wirthes. Sestri Ponente liegt von Genua etwa eine kleine Stunde Wegs entfernt, dicht über dem Meere (in vicinanca del mare besagt der Prospekt des Herrn Firpo), auf der ehemaligen Landstraße nach Savona und Nizza, in ziemlich angenehmer Lage. Tenova la Suporba, welchem es an nichts fehlt, sogar nicht an grünen Bäumchen inmitten seiner prächtigen Mauern, hat nur Eins nicht aufzuweisen: dem Meerumspülten mangeln die Seebäder. Der Hafen ist vorzüglich, aber das, was man hier Seebad nennt, ist abscheulich. Wer durchaus im Meer baden will, miethet ein Boot und fährt etwas .aus dem Hafenschmutz heraus. Dort bindet man ihm eine Leine um den Gürtel, läßt eine Treppe aus dem'Boote hinab, und der Aermste muß, auf deren.schlüpsrigen Stufen sitzend, höchst vorsichtig im Wasser herumplätschern, aber mit. dem inneren Tröste, daß, sollte die Treppe oder sein Fuß ausgleiten, der biedere Fährmann ihn, wie ein Fischlein mit der Angel, an der Leine aus der Tiefe emporziehen würde. Wem diese Gelegenheit nicht ge-