Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 94 (27.11.1902)
- Date
- 1902-11-27
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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fallt, der kann auch noch im schmutzigen Hafenwaffer I baden, sitzend auf glatten Gesteinen,- oder endlich auch in der Marmorwanne auf Piazza Larzana. ’ ■ Wer also nicht das theure, moderne Livorno oder das reizende Spezia besuchen kann, begibt sich nach dem ärmlichen Sestri, oder irgend einem anderen kleinen Städtchen bei Genua und nimmt dort Bäder in einer mehr oder weniger steinigen Bucht. Der Reichere natürlich, dem es ebenso um Bequemlichkeit und Gesellschaft, als um den Ruf des mit seinem Aufenthalte beehrten Ortes zu thun ist, sucht sich ein anderes exklusives Bad mit freundlicherem Sande und aristokratischerer Welle, Sestri dient den Sparsameren, Stillen, welche mehr des Meeres, als der Menschen bedürfen, mehr der Ruhe, als der Zerstreuungen. Außerdem besitzt Sestri bedeutende Schiffswerften zum Bau kleinerer Kauffahrteischiffe. Hiermit ernährt und bereichert es sich wohl hauptsächlich. Die Umgebung ist traurig, dabei aber ernst und schön. Ringsum erheben sich Anhöhen in scharfen Linien und mit klassischen Profilen, geschmückt mit Weinbergen, Hainen, Gärten und Villen. Letztere einst prächtig, heute verödet, wie meist in Italien, und endlich Klöster und Kirchlein. . Vom schön ausgebuchteten Strande aus schweift der Blick auf der einen Seite bis Genua, auf der anderen weithin bis Savona; blaue Berge verschwinden im Nebeldunst des Meeres. Geradeaus steht man nur die unermeßliche Fläche der lasurblauen oder grünlichen Wogen. Unfern - einer Bucht steht, von weitem ziemlich kunstvoll erscheinend, die Alberga della Grotta. Unzweifelhaft wurde dieses schöne Palais nicht für eine Gastwirthschaft erbaut. Es ist vielmehr die Billa irgend eines mächtigen Herrn gewesen, welche später verkauft und in ein Gasthaus umgewandelt wurde. Der Hof steht voller Lorbeerbäume, Granaten und Orangen. Nach dem oberen Stockwerke führt eine elegante Treppe. Ueberall hinterließ der frühere Herr Spuren der Phantasie und des Luxus, auf deren Schutt sich heute der. spekulirende Restaurateur niederließ, ohne den Herrenhof zu schonen. Die Lebensbedingungen waren überall anders geworden. Mit alten Gebäuden verfährt man nicht bloß in Italien so: sie entsprechen nicht mehr den Anforderungen und Bedürfnissen der heutigen Gesellschaft, so mancher Palast wird daher in ein Brauhaus, so manche Billa in ein Hotel, und so mancher Lustgarten in eine Rübenplantage verwandelt. Unversehrt blieben nur diejenigen Bauten und Anlagen, welche Leute mit neuem Vermögen und Namen erwarben. Nur wo in die verlassene Schale eines verblichenen Magnaten ein Bankier seinen Einzug hielt. schimmert und regt sich noch heute die alte Muschel, wie von einem neuen Wesen belebte Die Häuptzierde dieser Villa ist, wie schon ihr Name verräth, die Grotte, welche auch dem Gasthause den Namen gab. Sie ist in der Thüt ganz absonderlich und sehr kunstvoll erbaut; sie erinnert an die alten römischen Zeiten und deren Prachtbauten, sielehrt die', ausgesuchten Wunderlichkeiten der Römer zur Cäsarenzeit, welche Austern in Teichen auf Dächern zogen und es liebten, die Natur zu besingen bis zur Raserei. - Die Grotte auf dem kleinen Felsen ist solch'ein Traum am Hellen Tage, eine Ueberraschung, etwas Unterirdisches über der Erde. Sie' ist ein geräumiger Salon, welcher einen ganzen Flügel dieser Villa einnimmt und mit ein wenig Gips, Farbe und Entwurf täuschend natürlich in eine Stalaktitenhöhle umgeschaffen. Der Eintretende kann beim ersten Anblick sich in die Unterwelt versetzen. Gar Mancher hält sie anfangs für ein durch die Kunst benutztes und ausgeschmücktes Naturspiel. Wände, Wölbungen, alles erscheint wie von Stein, wie aus einem Felsen ausge-, hauen.' Die geheimnißvolle dunkle Tiefe wird von' Labyrinthen durchschnitten, welche von oben erleuchtet sind. Sie enthält einen künstlichen Teich und einen plätschernden Springbrunnen. Im Uebrigen ist Sestrt ein stilles Städtchen, welches nur ab und zu die Durchreisenden beleben und die Eisenbahn, wenigstens stundenweise, etwas geräuschvoller macht. Wenige Personen halten sich hier auf, denn von Weitem sieht man schon den weißen Leuchtthum im Hafen von Genua. Jeder eilt zur „Superba". Am häufigsten bleiben noch diejenigen in Sestri, welche die Umgegend besuchen, die berühmten Gärten der Billa Pollavicini, die unweit des Städtchens liegen, oder diejenigen, welche in der Einsamkeit ausruhen wollen, und sich nicht fürchten vor dem — Barte des Herrn Tirpö. . An jenem schwülen Nachmittage also war dessen Albergo ungewöhnlich gefüllt. Aus Genua kamen ein paar blau angestrichene Diligence und mehrere Droschken; einige Reisende langten aus Nizza an—- Alle rasteten in der Grotte. Die ausgehungerten Wanderer setzten sich zuerst in die Restauration, aber Wirth und Diener führten sie natürlich gleich in jenen Salon, ihren Ruhm und ihren Stolz, welcher im Umkreise von mindestens zehn Meilen nicht seinesgleichen hat. Der größere Theil der Stühle war weggenommen und besetzt mit den verschiedensten Ankömmlingen, welche sich ziemlich weit auseinander gesetzt hatten und sich mit gegenseitigem Mißtrauen zu beobachten schienen. — — - (Fortsetzung folgt.) , ..■- . VrrantrvortUSe Redaction: OScar Letz mann tn Mainz — Expedition des JSSrarlit", SLottstraße Nr. L Mainz. Druck und Verlag der Iah. Wirth'lLen HokbuLdruckerei AetiengeselllSaft in Mainz.