Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 94 (27.11.1902)
- Date
- 1902-11-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1976 besserem und Reformatoren nur zu gut. Je sechs oder sieben bilden eine Gruppe, die gemeinsam eines der hebr. Tagesblätter, den „Hameliz" oder die „Hazefiro" abonnirt. Nun stehen sie gedrängt vor dem Schalter und harren voll sehnsüchtiger Spannung den Nummern entgegen. Es ist rührend, ihre bekümmerten Mienen zu sehen, wenn einmal das . Blatt aus irgend einem Grunde nicht zur rechten Stunde ankommt und sie unverrichteter Dinge nach Hause gehen müssen. Dagegen bietet es einen höchst ergötzlichen Anblick, zu sehen, wie diese Maßkilim, von denen ein Jeder mit einem kleinen Sümmchen an dem Abonnement betheiligt ist, — mit Ausnahme desjenigen, der das Blatt auf seine Adresse erhält und für diese Ehre doppelt so. viel bezahlt, wie jeder andere — wie also diese Jünglinge sich auf das ankommenve Zeitungsblatt stürzen. Sie erinnern dabei an einen Fastenden, der am Abend, wenn die Sterne am Himmel erglänzen, nunmehr Brod essen darf. Ich studire jedesmal die Mienen dieser'„Maßkilim", während sie die Nummer eifrig hin und her wenden. Der Eine wird todtenblaß, während der Andere ein glückstrahlendes Antlitz zeigt. Ich weiß schon genau, was das zu bedeuten hat: der Erstere hat im Briefkasten der Redaktion die Anfangsbuchstaben seines Bor- und Familiennamens gelesen und dabei den Vermerk: ,-Jst in den Papierkorb gewandert", — der Andere war so glücklich, seine Korrespondenz oder seinen Artikel abgedruckt zu finden, in dem er Vorschläge zur Hebung der moralischen, geistigen und materiellen Lage des jüdischen Volkes macht. Doch gibt es auch Viele, die zur Post gehen, nicht um Zeitungen abzuholen, da sie keine abonniren, sondern nur zum Schein, damit die jungen Mädchen, die an den Fenstern stehen und verstohlen hinter den Vorhängen den vorbeigehenden Jünglingen nachblicken, bei sich denken sollen: „N. N. ist gewiß ein Gebildeter, da er jeden Morgen zur Post geht, um Briefe und Zeitungen abzuholen." 7 Der glücklichste Mensch auf Erden aber ist ein junger „Maßkil" meiner Bekanntschaft, der seit einem halben Jahre den „Hameliz" direkt erhält und jedesmal auf der Adresse seinen, seinen Vater- und seinen Familiennamen, ferner den Namen der Stadt, des Kreises und des Gouvernements schwarz auf weiß gedruckt lesen kann. Denk Dir, solch ein Glück! Die ersten paar Tage, nachdem er abonnirt war, erhielt er das Blatt unter einer geschriebenen Adresse zugesandt, worüber der arme Mensch tief unglücklich war. Wenn er sich nicht geschämt hatte, würde er sein Geld ungestüm zurückgefordert haben, denn, wie er nicht mit Unrecht geltend machte, für sein gutes Geld könnte er ja die „Hazesira" unter einer gedruckten Adresse erhalten. Die Sache erschien ihm höchst räthselhaft.und er wurde nicht müde, seinem Staunen Ausdruck zu geben. Was konnte das bedeuten, daß der Redakteur des „Hameliz" ihn schlimmer als alle anderen Abonnenten in unserer Stadt behandelte, die allesammt gedruckte Adressen bekamen? .... Natürlich mußte Jemand, der ihm die Ehre nicht gönnte, es dem Redakteur hinterbracht haben, daß sein neuer Abonnent noch, zu jung sei, nicht gut hebräisch verstehe, oder gar ..... Gott allein mach's wissen, was sonst. So vergingen ihm einige Tage in Qual und Aerger, da, plötzlich .. . eines schönen Tages, und siehe da, er bekam direkt aus Petersburg eine gedruckte Adresse zugesandt. -Buchstäblich eine gedruckte Adresse!-Seine Freude kannte keine Grenzen. Und damit die ganze Stadt wisse, wer er sei, ließ er jedesmal, wenn er von der Post nach Hause ging, die Schleife mit der gedruckten Adresse aus-der Tasche fallen, damit man sie aufhebe und lese und sich das merke. Doch ist er noch immer nicht beruhigt, noch immer ist sein Glück nicht vollkommen. Da er sich nämlich die Veränderung zum Guten nicht erklären kann, so ist er voller Angst, daß sein Schicksal sich noch einmal ändern könnte und er wieder nur geschriebene Adressen bekäme. (Fortsetzung folgt.) Der J Sraelit" erscheint wSctoemtltctt swelmal, Montags nmö ©omaerstags, jedeSmal ör mindestens zwei Bogen. Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Ausland entsprechend höher. Man abonnirt ganzjahrlich, halbjährlich oder vierteljährlich. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Dev Buchhandel verkehrt durch V. A Steinacker, Leipzig. NotzplatzZS. — Inserate 25 Pfennig die viergespaltene Nonpareillezeile oder deren Raum. Preis der Zelle im Reelametheil 75 Pfennig. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgima für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder t6 Kronen österr.. sür's Ausland 18 Mark, an die Expedition franco einsenden. Postzeitungsliste 3792. Telephon 18:3. StellesuLende und sonstige Interessenten können auf Wunsch die jeden Dienstag und Freitag erscheinende „Kleine AuSgabe LeS Jöraelit" vier Wochen lang gratis und franco erhallen. Wünscht man den Empfang der „Kleinen Ausgabe" längere Zeit, so kann man sich für 23 Pfennige daS Vierteljahr, indeß ausschließlich bei der Post, aus dieselbe unter Nr. 3792a abonniren. Auf Wunsch stunden wir die Zahlung deS JnsertionSSetragS an außer Stelle Befindliche bis nach Erlangung einer solchen.~ Inhalt ISauplbtatt): Erste Generalversammlung des Vereins für die.indischen 4ntereuen Rheinlands. — Zeitungsnachrichten u. CvrrespondeltZen: Deutschland: Berlin. Frankfurt a. M. Aus Baden. Oesterreich: Wien. — Feuilleton: Aus Len Briefen eines Ileberkliissigem^Fvrtsetzung^; Abrahams leiste Tage. — Zeitungsnachrichten u. Correspondcnzen: Deutschland: Berlin. Breslau. Trier. Allenstein. Oesterreich: Prag. — Vermischtes. . ... „ . „ . . , SäSagoatsche Beilage: Erziehungsmethode. — Bereut lud. Lehrer n. Lchrermen Zu Königsberg m Preuven. Drlletristische VeUsge: Der Jude. Verantwortliche Redaktion: Oscar Lehmann in Mainz. — Ervedition deS ^Sraelit". Schottstraße Nr. 2. Mainz. . Druck und Verlag der Job. Wtrth'schen Hofbuchdruckerei Actien-Gesellschaft ln Mainz». HrsrZ« drei NeUagerr.